Was geschehen ist – die Kernmeldung
Ein investigativer Bericht des Reporters Emanuel Maiberg, veröffentlicht durch das Medium 404 Media, hat ein ungewöhnliches Vorgehen im Bereich des KI-Trainings aufgedeckt. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass große Technologieunternehmen vermehrt physische Bücher in großen Mengen aufkaufen, um diese als Datengrundlage für ihre künstliche Intelligenz zu nutzen. Um den Verbleib dieser Werke zu klären, versteckte Maiberg einen Apple-Airtag in einer Großbestellung, die über einen Online-Marktplatz abgewickelt wurde. Die Spur des Senders führte quer durch die Vereinigten Staaten: Von einem kalifornischen Flughafen aus gelangte das Paket zunächst nach Milwaukee, wo es zwei Wochen in einem Logistikzentrum verblieb. Anschließend wurde die Fracht per Lkw weiter in den Westen transportiert, bis sie schließlich in einem Amazon-Lager in Las Vegas endete. Die Recherchen legen nahe, dass die Bücher dort nicht etwa für den Weiterverkauf gelagert, sondern systematisch zerschnitten, digitalisiert und anschließend vernichtet werden, um die darin enthaltenen Informationen in maschinenlesbare Daten für KI-Modelle zu überführen.
Die Einzelheiten der Recherche
Die Dokumentation des Transportweges liefert präzise Einblicke in die Logistik hinter dem Aufkauf. Der Reporter Emanuel Maiberg arbeitete hierfür mit einem Buchhändler zusammen, der über die Plattform Biblio eine Anfrage für insgesamt 1.000 Bücher erhielt. Der Händler, der anonym blieb, erklärte sich bereit, den Airtag in einem der Pakete zu platzieren. Die Reise des Pakets begann in Kalifornien, führte über Milwaukee in Wisconsin und endete schließlich im Amazon-Standort LAS8 in Las Vegas. Interessanterweise konnte die Bestellung innerhalb des Komplexes in einem Gebäude namens VGT3 lokalisiert werden. Laut Maibergs Informationen handelt es sich bei dem Standort LAS8 primär um einen Print-on-Demand-Betrieb. Dennoch bestätigen interne Forenbeiträge, die 404 Media einsehen konnte, dass Mitarbeiter vor Ort mit dem Scannen und der Zerstörung von Büchern beschäftigt sind. Die Buchhändler berichten zudem, dass die Käufer bei diesen Großbestellungen keinerlei Preisverhandlungen führen und gezielt nach Werken mit ISBN-Code suchen, was auf eine methodische Erfassung hindeutet.
Hintergrund und Motivation
Der Hintergrund dieses Vorgehens ist der wachsende Hunger von KI-Unternehmen nach hochwertigen Trainingsdaten. Bisher wurden Modelle mit öffentlich verfügbaren Inhalten aus dem Internet trainiert, etwa Wikipedia-Einträgen, Produktbeschreibungen oder sozialen Medien. Diese Quellen sind jedoch zunehmend erschöpft oder durch KI-generierte Inhalte verunreinigt. Eine Forschungsgruppe unter der Leitung des KI-Wissenschaftlers Ilia Shumailov warnt in diesem Zusammenhang vor einem sogenannten „Modellkollaps“. Wenn KI-Systeme primär mit Daten trainiert werden, die selbst von anderen KIs stammen, verschlechtert sich die Qualität der Ergebnisse drastisch, da die ursprüngliche Datenverteilung verloren geht. Echte, von Menschen verfasste Texte, insbesondere seltene oder ältere Werke, die noch nicht digitalisiert wurden, gewinnen daher massiv an Wert. Amazon und andere Firmen setzen nun auf physische Bestände, um diese Lücke zu schließen und ihre Modelle mit frischem, menschlichem „Futter“ zu versorgen, das bisher nicht online verfügbar war.
Die beteiligten Akteure
Die Akteure in diesem Prozess sind vielfältig. Amazon steht als Hauptakteur im Fokus, da die Spur des Airtags direkt in eines ihrer Lager führte. Das Unternehmen äußerte sich gegenüber 404 Media dahingehend, dass man Bücher über kommerzielle Kanäle erwerbe, um eigene Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Neben Amazon wird auch das Unternehmen Anthropic genannt, das in der Vergangenheit bereits ähnliche Methoden zur Datengewinnung angewandt hat. Auf der anderen Seite stehen die Buchhändler, die über Plattformen wie Biblio kontaktiert werden. Sie bemerken den Anstieg der Großbestellungen und äußern sich teilweise kritisch über den Verlust von Büchern, die für sie einen historischen oder sentimentalen Wert besitzen. Der Reporter Emanuel Maiberg fungiert als Vermittler und Aufklärer, der durch das Tracking die Praxis der physischen Vernichtung für digitale Zwecke überhaupt erst sichtbar gemacht hat, während die KI-Wissenschaftler um Ilia Shumailov den theoretischen Rahmen für die Notwendigkeit solcher Daten liefern.
Einordnung der Praxis
Einzuordnen ist das Vorgehen als eine direkte Konsequenz aus der Knappheit an hochwertigen, menschlichen Datenquellen. Den Berichten zufolge ist die Zerstörung der Bücher kein Zufall, sondern ein notwendiger Arbeitsschritt, um die Seiten für Hochleistungsscanner zugänglich zu machen. Rechtlich bewegt sich diese Praxis in einem Graubereich, der jedoch zunehmend durch Präzedenzfälle definiert wird. Im Juni 2025 wurde entschieden, dass das Scannen von Büchern für KI-Trainingszwecke unter die „Fair Use“-Regel fallen kann. Anthropic musste zwar in einem anderen Rechtsstreit, bei dem es um das Herunterladen von Büchern von Piraterieseiten ging, eine Zahlung von 1,5 Milliarden Dollar leisten, um einen Vergleich zu erzielen, doch die grundsätzliche Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke für das Training scheint rechtlich zunehmend toleriert zu werden. Die Kritik der Buchhändler, dass es den Unternehmen bei diesem Prozess schlichtweg egal sei, was mit den physischen Objekten geschieht, unterstreicht den Konflikt zwischen kulturellem Erhalt und technologischem Fortschritt.
Offene Fragen und Lücken
Der vorliegende Bericht lässt einige Fragen unbeantwortet, die für ein vollständiges Verständnis der Materie wichtig wären. Zunächst bleibt unklar, wie Amazon die Auswahl der Bücher trifft: Welche Kriterien führen dazu, dass ein spezifisches Werk für das Training als wertvoll eingestuft wird und ein anderes nicht? Zudem wird nicht explizit dargelegt, ob Amazon die Bücher selbst scannt oder ob dies durch Subunternehmer geschieht, die in den genannten Lagern tätig sind. Auch bleibt die Frage offen, wie viele Bücher insgesamt bereits auf diese Weise vernichtet wurden und ob es eine zentrale Datenbank gibt, in der die erfassten Werke registriert werden. Der Bericht nennt zwar die Namen der Lager, lässt aber offen, ob diese Praxis an allen Amazon-Standorten weltweit oder nur an spezifischen US-amerikanischen Knotenpunkten durchgeführt wird. Auch bleibt unklar, welche Rolle die Verlage in diesem Prozess spielen, da die Bücher über den Gebrauchtmarkt bezogen werden, was den direkten Kontakt zu den Urheberrechtsinhabern umgeht.
Wie es weitergeht
Bisher wurden keine konkreten weiteren Schritte oder Termine für eine regulatorische Intervention genannt. Die Debatte um das KI-Training und die Nutzung von geschützten Inhalten bleibt jedoch ein hochaktuelles Thema. Da die Gerichte – wie im Fall von Anthropic – bereits erste Leitplanken gesetzt haben, ist davon auszugehen, dass weitere Klagen von Autoren oder Verlagen folgen könnten, die sich gegen die Zerstörung ihrer Werke zur Datengewinnung wehren. Die Branche steht unter Druck, da der Bedarf an neuen Daten mit der Entwicklung immer komplexerer KI-Modelle stetig wächst. Es ist zu erwarten, dass die Beobachtung der Lagerstandorte durch Journalisten und Buchhändler intensiviert wird, um das Ausmaß der Vernichtung weiter zu dokumentieren. Ob Amazon oder andere Tech-Giganten ihr Vorgehen aufgrund der öffentlichen Kritik anpassen werden, bleibt abzuwarten, da der ökonomische Anreiz, die „Modellkollapse“ durch frische Daten zu verhindern, weiterhin sehr hoch bleibt.