News aus aller Welt
Start
Aufstieg eines Migranten: Zidanes Krönung
Kultur · 28.07.2026 16:12

Aufstieg eines Migranten: Zidanes Krönung

Kurz: Vom Arbeiterkind zum Nationaltrainer: Stéphane Beaud analysiert den Aufstieg von Zinédine Zidane als soziologisches Paradebeispiel gelungener Integration.

Ein Leben zwischen Herkunft und Weltruhm

Zinédine Zidane ist mehr als nur eine Fußballlegende; er gilt in soziologischen Kreisen als Paradebeispiel für eine geglückte Integration in Frankreich. Anlässlich seiner Ernennung zum französischen Nationaltrainer beleuchtet der Soziologe Stéphane Beaud in seinem Werk „Zinedine Zidane“ den Werdegang des Sportlers. Dabei zieht der Autor Parallelen zur berühmten Mozart-Studie von Norbert Elias und untersucht, welche Faktoren den Aufstieg des 1972 geborenen Sohnes algerischer Einwanderer ermöglicht haben.

Familiäre Wurzeln und das Erbe der Migration

Die Familiengeschichte von Zidane ist tief in der algerisch-französischen Geschichte verwurzelt. Sein Vater Smaïl, ein ehemaliger Landarbeiter, kam aus der Kabylei nach Marseille. Er war gewerkschaftlich aktiv und erlebte als Teilnehmer des Protestmarsches vom 17. Oktober 1961 die Gewalt der Pariser Polizei. Dass die Familie in Frankreich blieb, war laut Beaud kein bewusster Akt der dauerhaften Abkehr von der Heimat, sondern folgte dem Muster, das der Soziologe Abdelmalek Sayad als „definitives Bleiben trotz temporärer Planung“ beschrieb.

Zidane selbst wuchs in einem Umfeld auf, das heute kaum wiederzuerkennen ist. Das Marseiller Viertel La Castellane war in seiner Kindheit zwar sozial abgekapselt, jedoch frei von der massiven Gewalt und Drogenkriminalität, die das Viertel heute prägen. Seine Eltern unterstützten sein fußballerisches Talent trotz bescheidener finanzieller Mittel nach Kräften, während sein älterer Bruder Nordine eine wichtige Mentorrolle einnahm.

Faktoren des Erfolgs: Disziplin und Umfeld

Beaud identifiziert mehrere Schlüsselfaktoren, die Zidanes Weg zum Weltstar ebneten:

* **Frühe Förderung:** Von lokalen Jugendmannschaften bis hin zum Wechsel nach Bordeaux wurde sein Talent von Fußballinstanzen gezielt begleitet.

* **Arbeitsethos:** Eine monomanische Hingabe an den Sport, die bereits in der Kindheit begann.

* **Teamgeist:** Zidane zeichnete sich stets als Spieler aus, der durch seine Passqualität das gesamte Niveau seines Teams anhob.

* **Privates Umfeld:** Seine Ehefrau Véronique spielte eine entscheidende Rolle, indem sie die notwendige Stabilität für das „unsichtbare Training“ im privaten Rahmen sicherstellte.

Generationenwandel im französischen Fußball

Der Vergleich mit anderen Spielern verdeutlicht den gesellschaftlichen Wandel. Während Zidane sich als nichtpraktizierender Muslim identifiziert, den Militärdienst in Frankreich leistete und musikalisch eher dem Chanson zugeneigt ist, zeigen jüngere Spieler wie Karim Benzema ein anderes Profil. Benzema, geboren 1987, pflegt eine Nähe zum Gangsta-Rap, hält an seinem sozialen Umfeld fest und betont seine muslimische Identität ostentativ. Zidane hingegen hielt sich politisch weitgehend zurück und äußerte sich nur punktuell, etwa durch Wahlempfehlungen gegen den Front National.

Ein „hindernisfreier“ Lebensweg?

Im Vergleich zu Mozarts tragischem Scheitern an den gesellschaftlichen Strukturen seiner Zeit wirkt Zidanes Karriere laut Beaud fast schon linear. Während Mozart an den Hürden der Standesgesellschaft zerbrach, wurde Zidane von seinem Umfeld gefördert. Selbst der Front National verzichtete weitgehend auf Angriffe gegen den Sportler.

Dennoch gab es Schattenseiten: Zidane hatte Schwierigkeiten mit dem schulischen Umfeld, was ihn lange Zeit in der öffentlichen Rhetorik hemmte. Zudem neigte er dazu, Ehrverletzungen auf dem Platz mit physischer Gewalt zu beantworten – ein Erbe seiner Sozialisation in La Castellane. Diese Makel konnten seinem Ruhm jedoch kaum etwas anhaben. Für den Soziologen bleibt die Biografie zwar ein faszinierendes Studienobjekt, doch im Vergleich zur „gesellschaftlichen Abweichung“ eines Mozart erscheint Zidanes geradliniger Erfolg fast schon als ein wenig unergiebig für eine tiefergehende soziologische Analyse.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/eingang-des-archaologischen-museums-kayseri-in-der-turkei-33273176/ · Foto: Yaşar Başkurt
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/zinedine-zidane-vom-migrantischen-arbeiterkind-zum-weltstar-200956018.html