News aus aller Welt
Start
Arp-museum rolandseck: Der Mensch ist auch dem Weltall ein Wolf
Kultur · 15.08.2026 21:36

Arp-museum rolandseck: Der Mensch ist auch dem Weltall ein Wolf

Kurz: Das Arp-Museum Rolandseck widmet sich in einer neuen Ausstellung dem Menschheitstraum vom Weltraum und den Ängsten, die mit der Eroberung des Kosmos einhergehen

Was geschehen ist: Die Sehnsucht nach dem Kosmos

Das Arp-Museum Bahnhof Rolandseck hat eine neue, umfangreiche Ausstellung unter dem Titel „Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“ eröffnet. Die Schau, die noch bis zum 10. Januar 2027 zu sehen ist, untersucht das komplexe Verhältnis zwischen der Menschheit und dem Weltall. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie Künstlerinnen und Künstler seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts den Weltraum als Projektionsfläche für Utopien, Ängste und wissenschaftliche Ambitionen genutzt haben. Die Ausstellung, kuratiert von Museumsdirektorin Julia Wallner und ihrer Kollegin Helene von Saldern, versammelt rund 100 Werke verschiedenster Genres. Sie spannt einen Bogen von den frühen astronomischen Zeichnungen des neunzehnten Jahrhunderts bis hin zu zeitgenössischen Videoinstallationen. Der Kern der Erzählung liegt in der Erkenntnis, dass der Mensch in Krisenzeiten besonders stark dazu neigt, den Blick in die Sterne zu richten, um dort entweder Erlösung oder das Ende der Welt zu suchen. Die Ausstellung zeigt dabei eindrücklich, dass die Eroberung des Weltraums nicht nur eine technische Herausforderung darstellt, sondern tief in der menschlichen Psyche verwurzelt ist, wobei der Mensch – wie der Titel andeutet – auch dem Weltall gegenüber oft als „Wolf“ auftritt, der seine irdischen Konflikte in den Kosmos projiziert.

Die Einzelheiten: Von Mondfahrern und Marsträumern

Die Präsentation im Richard-Meier-Bau umfasst eine beeindruckende Vielfalt an Exponaten. Zu den historischen Ankern gehören die wissenschaftlich präzisen Himmelszeichnungen von Étienne Lépold Trouvelot aus den 1870er und 1880er Jahren. Diese Arbeiten markierten einen Wendepunkt, da sie das Unerreichbare visuell greifbar machten. Im Kontrast dazu stehen die utopischen Entwürfe der Avantgarde, etwa von Alexander Rodtschenko und El Lissitzky, die mit kinetischen Skulpturen und Lithographien zum Stück „Sieg über die Sonne“ von 1913 vertreten sind. Xanti Schawinsky, ein Bauhaus-Künstler, wird mit einem Kostümentwurf gewürdigt, der den Menschen als „kosmische Exzentrität“ darstellt. Auch das Künstlerduo John Wood und Paul Harrison ist mit dem Video „Bored Astronauts on the Moon“ (2011) vertreten, das die Monotonie der Mondlandung ironisiert. Weitere prominente Positionen nehmen Sylvie Fleury mit ihrer Arbeit „First Spaceship on Venus (17 C)“ von 1999, Katharina Sieverding mit Sonnen-Interpretationen, Max Ernst mit seinem „Tagebuch eines 1000-jährigen Astronauten“ sowie Hans Arp mit seiner Bronzeskulptur „Milchstraßenträne“ (1962) ein. Die Ausstellung gliedert sich in sechs Kapitel, die von Mona Schulzeks „Outer Space Transmitter“ bis zu Dominique Gonzalez-Foersters Rauminstallation „Cosmirama“ reichen.

Hintergrund: Die Geschichte der Weltraumbegeisterung

Der Drang in den Weltraum ist kein rein modernes Phänomen, doch die Moderne hat ihm eine neue Dringlichkeit verliehen. Die Ausstellung verweist auf das Zitat von Novalis aus dem Jahr 1798, das bereits die Gefahr mahnte, das Weltall als bloßen Ort für Expeditionen zu missverstehen, anstatt die Tiefen des eigenen Geistes zu erkunden. Der Paradigmenwechsel vollzog sich jedoch mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften, die den Sternenhimmel für die menschliche Vorstellungskraft öffneten. In den 1910er Jahren, geprägt durch die Erwartung des Halley’schen Kometen, mischten sich Untergangsängste mit wissenschaftlicher Neugier. Dichter wie Jakob van Hoddis und Georg Heym thematisierten das „Weltende“ und die Beobachtung des Himmels durch Teleskope. Diese historische Einbettung zeigt, dass die Faszination für den Kosmos stets mit gesellschaftlichen Umbrüchen korreliert. Die Ausstellung verdeutlicht, wie Künstler diese Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach Expansion und der Angst vor der eigenen Vernichtung durch die von ihnen geschaffenen Maschinen verarbeitet haben. Die Geschichte der Weltraumkunst ist somit eine Geschichte der menschlichen Selbstreflexion, in der der Blick nach oben immer auch ein Blick auf die eigene Zerbrechlichkeit und die eigene Aggression gegenüber dem Unbekannten ist.

Die Beteiligten: Kuratoren und Künstler im Fokus

Die inhaltliche Gestaltung der Ausstellung liegt in den Händen von Julia Wallner und Helene von Saldern. Sie haben eine Auswahl getroffen, die sowohl historische Meilensteine als auch zeitgenössische Kommentare integriert. Zu den beteiligten Künstlern zählen neben den bereits genannten Pionieren der Moderne auch Persönlichkeiten wie Hannah Höch, deren Spätwerk „Loch im Himmel“ von 1965 eine skeptische Perspektive auf die Weltraumeroberung bietet. Auch die Arbeiten von Lavinia Schulz und Walter Holdt, die expressionistische Tanzmasken schufen, tragen zur queer-kosmischen Note der Schau bei. Mariko Mori ist mit ihrer Selbstinszenierung als „Cosplay-Göttin“ vertreten, was die moderne Dimension der Identitätskonstruktion im Weltraumkontext unterstreicht. Die Institution Arp-Museum selbst, architektonisch an ein Ufo erinnernd, fungiert dabei als idealer Resonanzraum für die Exponate. Die Einbeziehung von Katalogen und wissenschaftlichen Texten, etwa von Claudia Liebrand, unterstreicht den akademischen Anspruch der Ausstellung. Alle Akteure – von den historischen Visionären bis zu den zeitgenössischen Kritikern – tragen dazu bei, ein vielschichtiges Bild der menschlichen Ambition zu zeichnen, die den Kosmos als Bühne für das eigene Drama begreift.

Einordnung: Die Bedeutung der kosmischen Utopien

Einzuordnen ist das Projekt als eine kritische Auseinandersetzung mit dem Fortschrittsglauben. Den Berichten zufolge gelingt es den Kuratorinnen, die Begeisterung der frühen Kosmos-Utopisten mit einer gesunden Portion Ironie zu kontrastieren. Die Ausstellung macht deutlich, dass die Eroberung des Weltraums oft mit einer Entfremdung von der Erde einhergeht. Die ausgestellten Werke fungieren dabei als Korrektiv zu einer rein technischen Betrachtungsweise des Weltalls. Besonders die ironischen Arbeiten, wie etwa die von Fleury oder Wood und Harrison, entzaubern den heroischen Mythos der Raumfahrt. Der „Mensch als Wolf“ im Weltall bedeutet hier, dass wir unsere destruktiven Tendenzen nicht auf der Erde zurücklassen, sondern sie in den Weltraum exportieren. Die Ausstellung bewertet die menschliche Sehnsucht nach den Sternen nicht als rein positiv, sondern als Ausdruck einer tiefen inneren Unruhe. Diese Perspektive ist ein wesentlicher Beitrag zur aktuellen Diskussion über die Zukunft der Raumfahrt, da sie den Fokus von der technologischen Machbarkeit hin zur ethischen und existentiellen Bedeutung der extraterrestrischen Expansion verschiebt. Es ist ein Plädoyer für eine kritische Reflexion des menschlichen Handelns.

Offene Fragen: Was bleibt unbeantwortet?

Obwohl die Ausstellung ein breites Spektrum abdeckt, bleiben einige Aspekte naturgemäß offen. Der Quelltext macht keine expliziten Angaben dazu, wie die Besucher auf die spezifische Anordnung der Werke reagieren oder ob die Ausstellung auch aktuelle politische Debatten zur kommerziellen Raumfahrt (New Space) direkt adressiert. Es bleibt zudem die Frage, wie die Balance zwischen der esoterischen Komponente der frühen Moderne und der rationalistischen Technikgläubigkeit in der Wahrnehmung des Publikums harmoniert. Der Text führt zwar aus, dass die Kuratorinnen Ironiesignale setzen, lässt jedoch offen, ob diese Signale ausreichen, um die ungebrochene Faszination für Weltraum-Utopien in der heutigen Zeit vollständig zu dekonstruieren. Auch die Frage, wie die gezeigten Künstler auf die spezifische Architektur des Arp-Museums reagieren, wird nur angedeutet, nicht jedoch in ihrer Gänze analysiert. Die Lücke zwischen der künstlerischen Intention und der tatsächlichen Wirkung auf den Betrachter bleibt ein spannendes Feld, das im Rahmen der Ausstellungserfahrung selbst erkundet werden muss. Die Ausstellung bietet Denkanstöße, liefert aber keine fertigen Antworten auf die Frage, wie wir als Menschheit mit unserem „kosmischen Erbe“ umgehen sollten.

Wie es weitergeht: Ausblick und Termine

Die Ausstellung „Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“ ist noch für einen längeren Zeitraum im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck zugänglich. Bis zum 10. Januar 2027 haben Interessierte die Möglichkeit, sich mit den rund 100 Werken auseinanderzusetzen. Der begleitende Katalog, der als „ausgezeichnet“ beschrieben wird, bietet für 36 Euro eine vertiefende Lektüre, die über den Ausstellungsbesuch hinausgeht. Weitere Schritte oder spezifische Begleitveranstaltungen, die über den Ausstellungszeitraum hinausgehen, werden im Quelltext nicht explizit genannt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass das Museum während der Laufzeit weitere diskursive Formate oder Führungen anbieten wird, um die komplexen Themen der Schau zu vertiefen. Die Ausstellung bleibt somit ein zentraler Anlaufpunkt für alle, die sich mit der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Philosophie auseinandersetzen möchten. Wer den Planeten und sich selbst aus einer fremden Perspektive wahrnehmen möchte, findet hier eine fundierte Grundlage, die dazu einlädt, den Blick nicht nur in den Himmel, sondern auch kritisch auf das eigene „Hirn“ zu richten, wie es Wenzel Hablik formulierte.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/menschen-versammelten-sich-auf-der-veranstaltung-1476252/ · Foto: Diana ✨
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung/ausstellung-zu-den-sternen-im-arp-museum-rolandseck-201120115.html