Ein filmisches Erbe zwischen Ideologie und Kunst
Vor acht Jahrzehnten, am 18. Oktober 1946, feierte der Film „Freies Land“ in Potsdam Premiere. Als zweites Werk der neu gegründeten Deutschen Film-Aktiengesellschaft (DEFA) markierte er den Versuch eines kulturellen Neuanfangs in der sowjetischen Besatzungszone. In einer Zeit, in der die Strukturen des Landes noch im Umbruch waren und das Erbe der UFA – der einstigen Filmgröße der Weimarer Republik, die sich im Nationalsozialismus kompromittiert hatte – hinter sich gelassen werden sollte, suchte die DEFA nach einer neuen Identität.
Obwohl die DDR später als Unrechtsstaat eingestuft wurde, in dem Zensur und staatliche Bevormundung den künstlerischen Alltag prägten, wäre es zu kurz gegriffen, die rund 700 produzierten DEFA-Filme lediglich als ideologische Propagandawerke abzutun. Vielmehr offenbaren sie ein komplexes Spannungsfeld: Die Filme waren oft leise, atmosphärisch dicht und stellten Fragen nach der Freiheit, die auch für das heutige, vereinte Deutschland von Bedeutung sind.
Die Arbeit an der Freiheit
Ein prägnantes Beispiel für den künstlerischen Eigensinn innerhalb des sozialistischen Systems ist Konrad Wolfs „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ (1974). Der Film thematisiert den Konflikt eines Bildhauers, der eine Skulptur erschaffen soll. Die Weigerung eines Modells, sich als Einzelperson hervorheben zu lassen – mit der Begründung, das Proletariat existiere nur im Plural –, entlarvt die Eindimensionalität der sozialistischen Doktrin. Doch genau hier eröffnet Wolf Freiräume: Er zeigt, dass Kunst nicht nur ein Produkt, sondern eine Form der Arbeit an der Freiheit ist.
Auch in der Komödie „Anton der Zauberer“ (1977) von Regisseur Günter Reisch wird die Ambivalenz des DDR-Alltags deutlich. Der Protagonist, ein begabter Schlosser, muss sich nach dem Mauerbau 1961 von seinen illegalen Geschäften verabschieden und sich in das System des volkseigenen Betriebs eingliedern. Der Film verdeutlicht das Schillern zwischen Idealismus und staatlichem Zwang, ohne den Helden dabei zur reinen Marionette zu degradieren.
Warum DEFA-Filme heute noch relevant sind
Das Filmmuseum Potsdam widmet dem Jubiläum unter dem Titel „Ohne Frühstück. Ohne Diskussion. 80 Jahre DEFA-Filme“ eine Ausstellung, die Artefakte und Filmbeispiele zusammenbringt. Sie stellt die Frage, was das DEFA-Kino so unverwechselbar macht. Im Gegensatz zu modernen Produktionen, die oft auf das Prinzip „Show and tell“ setzen, um ein zerstreutes Publikum zu unterhalten, lebten viele DEFA-Filme vom Impliziten. Sie waren diskursiv, forderten den Zuschauer heraus und ließen Raum für eigene Gedanken.
Die Auseinandersetzung mit diesen Filmen bietet heute eine wertvolle Ressource. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten über Demokratie und Freiheit intensiv geführt werden, zeigen die DEFA-Werke, wie Künstler innerhalb eines restriktiven Systems eigene Vorstellungen von Gesellschaft und Geschichte formulierten. Sie waren nie vollständig instrumentalisierbar.
Ein Schatz für die Zukunft
Das Filmerbe der DDR ist heute gut erschlossen, viele Werke sind legal und kostenfrei online zugänglich. Die 700 Filme, die bis 1990 entstanden, bieten weit mehr als historische Dokumente. Sie sind Zeugnisse einer Gesellschaft, die nach ihren eigenen Grenzen der Freiheit suchte. Schon im frühen Film „Freies Land“ wird diese Suche deutlich: Während die offizielle Erzählung den Aufbau des Sozialismus propagierte, fragten die Menschen im Film nach den ganz alltäglichen Dingen – etwa, warum es noch kein Kino gebe. Die DEFA lieferte dieses Kino und schuf damit einen Raum, der bis heute nicht vollständig erforscht ist.