Ein kultureller Anker in der „längsten Theke der Welt“
Die Bolkerstraße in der Düsseldorfer Altstadt ist weit über die Stadtgrenzen hinaus als „längste Theke der Welt“ bekannt. Inmitten dieses von Gastronomie und nächtlichem Treiben geprägten Umfelds befindet sich ein Ort, der einen bewussten Kontrapunkt setzt: das Heine Haus Literaturhaus Düsseldorf. Vor genau zwei Jahrzehnten, im Jahr 2006, nahm die Institution in den Räumlichkeiten der Hausnummer 53 ihren Betrieb auf. Dass ausgerechnet hier, am Geburtsort von Heinrich Heine, ein Zentrum für Literatur entstand, ist das Ergebnis einer bewussten städtebaulichen Entscheidung.
Vom historischen Erbe zur literarischen Institution
Die Geschichte des Standorts ist eng mit der Biografie von Heinrich Heine verknüpft, der 1797 im Hinterhaus des Anwesens zur Welt kam. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem das Areal zerstört wurde, erfolgte ein historisierender Wiederaufbau. Über Jahrzehnte hinweg war das Gebäude jedoch vor allem durch wechselnde gastronomische Betriebe geprägt, die der Adresse wenig literarischen Glanz verliehen. Erst der Erwerb durch Stadt und Land im Jahr 1990 ebnete den Weg für eine kulturelle Neuausrichtung.
Die entscheidende Wende kam 2004, als die Betreiber der renommierten Literaturhandlung Müller & Böhm, Selinde Böhm und Rudolf Müller, für das Vorderhaus gewonnen wurden. Die Bedingung: Sie sollten den Veranstaltungsraum im Hinterhaus dauerhaft mit einem anspruchsvollen literarischen Programm bespielen. Dieser Schritt erwies sich als Erfolg, der 2017 in der offiziellen Umbenennung in „Heine Haus Literaturhaus Düsseldorf“ mündete.
Herausforderungen im Buchhandel
Während sich das Literaturhaus als kulturelles Aushängeschild der Stadt etabliert hat, fällt die Bilanz für den angeschlossenen Buchhandelsbetrieb differenzierter aus. Rudolf Müller berichtet, dass der Umzug von der ruhigen Neustraße in die frequenzstarke Bolkerstraße zwar mehr Passanten, aber kaum gezieltes Laufpublikum brachte. Die Besucher der Bolkerstraße suchen primär das gastronomische Angebot, nicht den literarischen Fachhandel. Dennoch bleibt die Buchhandlung ein unverzichtbarer Bestandteil, der die Atmosphäre des Literaturhauses maßgeblich prägt und es zu einem zentralen Treffpunkt für die lokale Literaturszene macht.
Ein neues „Poem“ zum Jubiläum
Zum zwanzigsten Geburtstag erfährt der Veranstaltungssaal eine besondere künstlerische Aufwertung. Über Jahre hinweg war der Raum durch eine großformatige Leihgabe des Fotografen Andreas Gursky geprägt – eine Aufnahme einer Seite aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Nun wurde dieses Werk durch eine neue Leihgabe ersetzt: „Poem“ des renommierten Minimal-Art-Künstlers Imi Knoebel.
Das Werk besteht aus 28 geschweißten und bemalten Stahlelementen, die an Schriftzeichen erinnern. In sechs Zeilen angeordnet, erwecken sie den Eindruck eines Gedichts, bleiben jedoch in ihrer Bedeutung bewusst unleserlich. Knoebel, der sich bei der Gestaltung von verschiedenen Zeichensystemen inspirieren ließ, lädt die Betrachter dazu ein, eigene Deutungen in den abstrakten Formen zu finden. Das Kunstwerk hängt im Rücken des Publikums, was eine direkte Ablenkung während der Lesungen verhindert, jedoch bei Podiumsgästen für Irritationen sorgen könnte, die im Zusammenspiel mit der Umgebung der Altstadt für heitere Assoziationen sorgen dürften.
Die Etablierung des Literaturhauses in einem solch lebhaften Umfeld zeigt, wie ein bewusster kultureller Fokus den Charakter eines Ortes nachhaltig verändern kann. Auch nach zwanzig Jahren bleibt die Institution ein essenzieller Bestandteil des Düsseldorfer Kulturlebens, der das Erbe Heines weit über eine bloße Gedenkstätte hinaus lebendig hält.