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Wie sich einige Jugendliche in Ostdeutschland schleichend radikalisieren
Schlagzeilen · 07.08.2026 10:47

Wie sich einige Jugendliche in Ostdeutschland schleichend radikalisieren

Kurz: Die Journalistin Manuela Müller dokumentiert in ihrem neuen Buch, wie sich Jugendliche in Ostdeutschland schleichend radikalisieren und welche Rolle Ostalgie sp

Einblicke in ein soziales Beben

Die Lokaljournalistin Manuela Müller, die für die Chemnitzer Tageszeitung *Freie Presse* arbeitet, beobachtet seit 25 Jahren gesellschaftliche Veränderungen im ostdeutschen Raum. In ihrem Buch *"Die Jugend malt wieder Hakenkreuze"* beschreibt sie eine schleichende Radikalisierung, die sich weniger in spektakulären Gewalttaten als vielmehr im alltäglichen Erscheinungsbild junger Menschen manifestiert. Müller versteht ihre Arbeit als eine Art Seismograf, der kleinste Risse im gesellschaftlichen Gefüge dokumentiert.

Erkennungsmerkmale und Alltagssprache

Die im Buch beschriebenen Jugendlichen zeichnen sich laut Müller durch ein spezifisches Auftreten aus. Dazu gehören modische Stile, die von der neuen Rechten vereinnahmt wurden, sowie ein rasierter Scheitel. Besonders besorgniserregend sind die öffentlichen Treffpunkte, an denen verfassungsfeindliche Symbole und Parolen zum Alltag gehören. Müller berichtet von Hakenkreuzen auf öffentlichem Eigentum und Trinksprüchen, die gezielt antisemitische Inhalte aufgreifen. Sie bezeichnet diese Jugendlichen als "Anfängernazis", die sich in einem Umfeld bewegen, in dem solche Provokationen oft unwidersprochen bleiben.

Die Instrumentalisierung der Ostalgie

Ein zentraler Aspekt der Radikalisierung ist die Verknüpfung von DDR-Identität und rechtsextremen Ideologien. Müller beobachtet, wie Symbole ostdeutscher Identität, wie das Simson-Moped, politisch umgedeutet werden. Während das Moped für viele junge Menschen ein identitätsstiftendes Hobby darstellt, nutzen rechte Akteure wie der thüringische AfD-Politiker Björn Höcke oder der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, die Marke gezielt für ihre Zwecke. Die Verbindung von "Ostkult" und rechtsextremen Gesten wie dem Hitlergruß stellt für die Journalistin ein schwer zu durchdringendes, aber gefährliches Amalgam dar.

Emotionale Aufladung und soziale Medien

Die Radikalisierung speist sich laut Müller aus einer vererbten Lebensenttäuschung. Viele Familien im Osten erlebten nach dem Mauerfall berufliche Rückschläge, die als kollektives Gefühl des Abgehängtseins an die nächste Generation weitergegeben wurden. Dieses Gefühl der Enttäuschung wird durch externe Akteure und soziale Medien kanalisiert:

* **Soziale Medien als Radikalisierungsmaschinen:** Algorithmen spielen Jugendlichen gezielt Inhalte zu, die Emotionen ansprechen.

* **Selbstdarstellung:** Likes für Videos mit Deutschlandfahnen oder der Untermalung durch umstrittene Musik dienen der sozialen Anerkennung innerhalb der Gruppe.

* **Wut als Gemeinschaftsgefühl:** Akteure wie der ehemalige ZDF-Moderator Peter Hahne fungieren laut Müller als "Wanderprediger", die eine diffuse Ostwut aufgreifen und in ein "Wir-gegen-Euch"-Narrativ übersetzen.

Bildungslücken und gesellschaftlicher Druck

Ein wesentlicher Faktor für diese Entwicklung ist laut Müller ein Mangel an politischer Bildung. Sie verweist darauf, dass in Sachsen die politische Bildung lange Zeit bewusst aus dem Schulkanon herausgehalten wurde – ein Fehler, den auch der ehemalige Ministerpräsident Stanislaw Tillich eingeräumt habe.

Zudem übe die Gesellschaft einen hohen Ausgrenzungsdruck aus. Wenn der Westen den Osten pauschal als "Dunkeldeutschland" stigmatisiere, verstärke dies die Abwehrhaltung der Betroffenen. Müller kritisiert dabei auch die eigene journalistische Zunft, die in den Nuller-Jahren zu zögerlich agiert habe, um erstarkende neonazistische Tendenzen klar beim Namen zu nennen.

Wege aus der Radikalisierung

Die Lösung sieht die Journalistin in einem stärkeren bürgerschaftlichen Engagement. Sie beobachtet in ihrem Umfeld ein Übermaß an Unzufriedenheit und Schimpfen, aber ein Defizit an tatsächlicher politischer Teilhabe in Parteien der Mitte. Um dem Trend entgegenzuwirken, sei es notwendig, dass sich Menschen aktiv in die demokratische Gestaltung einbringen, statt sich in einer passiven Rolle der Enttäuschung zu verlieren.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/38875031/ · Foto: Gundula Vogel
Quelle: https://www.tagesschau.de/kultur/radikalisierung-jugendlicher-buch-100.html