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Schlagzeilen · 05.03.2026 06:01

Wie nachhaltig ist das Geschäft mit gebrauchter Kleidung?

Kurz: Das Geschäft mit gebrauchter Kleidung boomt, doch wie nachhaltig ist es wirklich?

Die Nachhaltigkeit des Secondhand-Geschäfts

Das Geschäft mit gebrauchter Kleidung hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Online-Plattformen werben mit Versprechen der Nachhaltigkeit und ökologischen Verantwortung. Doch wie glaubwürdig sind diese Zusagen, wenn große Fast-Fashion-Konzerne hinter diesen Plattformen stehen?

Der Boom des Secondhand-Marktes

In Deutschland fallen jährlich über eine Million Tonnen alte Textilien an, was etwa 15 Kilogramm pro Kopf entspricht. Immer mehr Menschen entscheiden sich, ihre nicht mehr getragenen Kleidungsstücke über Online-Secondhand-Plattformen zu verkaufen. Diese Plattformen betonen, dass ihre Angebote nicht nur den Geldbeutel entlasten, sondern auch einen Beitrag zur Umwelt leisten.

Ein Beispiel: Sellpy

Sellpy ist eine der größten Secondhand-Plattformen und wird mehrheitlich von der H&M Group unterstützt. Obwohl Sellpy mit dem Slogan „Gib deinen Sachen eine zweite Chance“ wirbt, steht die Verbindung zwischen nachhaltigem Handel und Fast Fashion in der Kritik. Brancheninsider äußern sich skeptisch über die Glaubwürdigkeit der Nachhaltigkeitsversprechen, solange sich das Geschäftsmodell von H&M nicht grundlegend ändert.

Fast Fashion und seine Folgen

Fast Fashion hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Umwelt. Die Produktion neuer Kleidung verbraucht immense Ressourcen und führt zu massiven Abfallmengen. H&M gibt an, im Jahr 2024 nahezu 400.000 Tonnen Handelsprodukte hergestellt zu haben. Interne Dokumente zeigen, dass der Konzern allein im ersten Quartal 2025 über 94 Millionen Kleidungsstücke in Deutschland auf den Markt brachte.

Kritische Stimmen

Ein Insider, der über ein Jahrzehnt für H&M tätig war, kritisiert, dass die hohen Stückzahlen und der schnelle Warenumschlag nicht mit einer nachhaltigen Unternehmensstrategie vereinbar sind. H&M weist Greenwashing-Vorwürfe zurück und betont, dass Nachhaltigkeit Teil ihrer Unternehmensstrategie sei.

Der Weg der Altkleider

Wie nachhaltig ist das Recycling und die Wiederverwertung von Kleidung tatsächlich? Sellpy bietet an, nicht verkaufbare Kleidungsstücke entweder zurückzuschicken, zu spenden oder zu recyceln. Dennoch zeigt eine Recherche mit versteckten Bluetooth-Trackern, dass der Weg aussortierter Kleidung oft komplex ist und nicht immer den Nachhaltigkeitsansprüchen gerecht wird.

Die Reise der Kleidung

Eine Untersuchung ergab, dass viele Kleidungsstücke, die an Sellpy gesendet wurden, zunächst in einem Sortierzentrum in Polen landen. Von dort aus werden sie auf verschiedene Routen verteilt, teils sogar international. Ein Teil der Kleidung gelangt nach Indien oder Pakistan, wo sie auf Märkten sortiert und verkauft wird. Dies wirft Fragen zur Qualität und zum tatsächlichen Recycling auf.

Mangelnde Transparenz

Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz äußert Bedenken hinsichtlich der Versprechen von Sellpy. Ruth Preywisch erklärt, dass es problematisch sei, wenn Unternehmen nicht genau wissen, wo die Kleidung letztendlich landet. Dies könnte als Verbrauchertäuschung gewertet werden.

Politische Initiativen

Auf politischer Ebene gibt es Bestrebungen, das Textilgesetz zu reformieren. Bundesumweltminister Carsten Schneider kündigte an, dass Hersteller künftig stärker an den Entsorgungs- und Recyclingkosten beteiligt werden sollen. Diese Maßnahmen sollen auch eine EU-Richtlinie umsetzen, die darauf abzielt, irreführende Umweltwerbung zu regulieren.

Herausforderungen der Umsetzung

Die Umsetzung dieser gesetzlichen Regelungen steht jedoch vor Herausforderungen. Um eine gerechte Kostenverteilung zu gewährleisten, müssen Unternehmen transparente Produktionszahlen veröffentlichen. Viele Modeunternehmen tun dies jedoch nicht. Zudem sind staatliche Kontrollen derzeit nicht vorgesehen, was die Überwachung der Einhaltung dieser neuen Regelungen erschwert.

Die Rolle der EU

Die EU arbeitet seit mehreren Jahren an strengeren Regelungen für die Textilindustrie. Ein Gesetz, das auf Grundlage dieser Richtlinien basiert, soll künftig sicherstellen, dass Unternehmen ihre Umweltversprechen tatsächlich einhalten.

Die Diskussion um die Nachhaltigkeit des Secondhand-Marktes ist vielschichtig. Während die Nachfrage nach gebrauchter Kleidung wächst, bleibt die Frage, inwieweit die tatsächlichen Praktiken der großen Unternehmen mit den versprochenen ökologischen Zielen übereinstimmen. Die kommenden politischen Maßnahmen könnten entscheidend dafür sein, wie sich dieser Markt in Zukunft entwickeln wird.

Quelle: https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/secondhand-kleidung-144.html