Ein Land zwischen den Fronten
Jordanien, das in der unruhigen Nahost-Region lange Zeit als Fels in der Brandung und Garant für Stabilität galt, sieht sich durch den aktuellen Iran-Krieg mit einer neuen Qualität der Bedrohung konfrontiert. Während das Königreich in der Vergangenheit oft indirekt durch regionale Konflikte in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist es nun selbst zum direkten Ziel von Angriffen geworden. Experten wie Veronika Ertl von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Amman betonen, dass die aktuelle Lage eine Zäsur darstellt.
Tourismus als wirtschaftliches Sorgenkind
Besonders deutlich werden die Auswirkungen des Konflikts im Tourismussektor, der etwa 15 Prozent zur jordanischen Wirtschaftskraft beiträgt. In der Felsenstadt Petra, einem Weltkulturerbe, sind die Besucherzahlen drastisch eingebrochen. Statt der üblichen Touristenströme verzeichnete die Region im Frühjahr nur einen Bruchteil der erwarteten Gäste. Lokale Behörden berichten von einer anfänglichen Stornierungsrate von 100 Prozent direkt nach Eskalationsbeginn Ende Februar. Viele Familien, die seit Generationen vom Tourismus leben, sehen sich gezwungen, nach alternativen Erwerbsquellen in der Industrie oder Landwirtschaft zu suchen, da die Branche keine verlässliche Lebensgrundlage mehr bietet.
Strategische Angriffe und Propaganda
Die militärische Bedrohung hat sich verschärft: Einrichtungen des US-Militärs auf jordanischem Boden gerieten verstärkt unter Beschuss, was bereits zu Opfern unter US-Soldaten sowie Sachschäden an militärischer Infrastruktur führte. Jordanien selbst meldete lediglich die Abwehr von Drohnen.
Parallel dazu setzt der Iran offenbar auf eine gezielte Propagandastrategie. Die Revolutionsgarde rief die jordanische Bevölkerung öffentlich zum Widerstand gegen US-Truppen im Land auf und stilisierte den Kampf zur „religiösen Pflicht“. Da ein großer Teil der jordanischen Bevölkerung palästinensische Wurzeln hat und die USA sowie Israel kritisch betrachtet werden, versucht Teheran, diese Ressentiments zu instrumentalisieren. Ziel ist es laut dem Sicherheitsexperten Amer Sabaileh, Jordanien von innen heraus zu destabilisieren und die Bündnisse des Landes zu untergraben.
Der schwierige Balanceakt der Regierung
Die jordanische Regierung steht vor einem enormen Kraftakt. Einerseits ist das Land auf die Unterstützung seiner westlichen Partner angewiesen:
* **Finanzhilfen:** Die USA leisten jährlich über 1,4 Milliarden Dollar an Militär- und Budgethilfen, was fast acht Prozent des jordanischen Staatshaushalts entspricht.
* **Ressourcen:** Israel liefert einen Großteil des benötigten Wassers und Erdgases.
* **Sicherheit:** Jordanien gewährt den USA Zugang zu zwölf Militärstützpunkten, auf denen auch Abwehrsysteme wie „Patriots“ stationiert sind, die zur regionalen Sicherheit beitragen.
Andererseits wächst in der Bevölkerung der Unmut über die US-Präsenz, die von vielen als Mitursache für die regionale Instabilität wahrgenommen wird. Um soziale Unruhen zu verhindern, greift der Staat massiv ein. Laut Daten der UNESCWA investiert Jordanien im Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft mehr als jedes andere arabische Land in soziale Abfederungsmaßnahmen, etwa durch Subventionen für Grundnahrungsmittel wie Mehl und Weizen. Dies belastet den Staatshaushalt jedoch schwer.
Ausblick und nächste Schritte
Die politische Führung in Amman steht vor der Herausforderung, ihre pragmatische Außenpolitik, die lange als Stärke des Landes galt, glaubwürdig zu vermitteln. Experten raten zu mehr Transparenz gegenüber der eigenen Bevölkerung, um den wachsenden Frust aufzufangen. Während einige europäische Fluggesellschaften für den Herbst die Wiederaufnahme von Verbindungen nach Amman angekündigt haben, bleibt die Hoffnung auf eine Stabilisierung der Lage fragil. Die Behörden setzen derzeit verstärkt auf den Inlandstourismus, um die kulturelle Identität zu stärken und die wirtschaftlichen Einbußen zumindest teilweise abzufedern.