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Wenn das Girokonto mehr als 100 Euro kostet: Wie der Wechsel gelingt
Schlagzeilen · 17.09.2026 06:28

Wenn das Girokonto mehr als 100 Euro kostet: Wie der Wechsel gelingt

Kurz: Hohe Kontoführungsgebühren belasten viele Bankkunden. Ein Wechsel zu digitalen Anbietern kann Kosten sparen, doch der Prozess erfordert eine gute Vorbereitung.

Die aktuelle Kostenbelastung bei Girokonten

Das Girokonto ist für die moderne Lebensführung in Deutschland eine unverzichtbare Grundlage. Ob für die Überweisung der monatlichen Miete, die Begleichung von Strom- und Gasrechnungen oder die Bezahlung von digitalen Abonnements wie Netflix – ohne ein funktionsfähiges Konto ist die Teilnahme am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben kaum denkbar. Dennoch hat sich die Situation für viele Bankkunden in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Während Girokonten früher oft als kostenlose Basisdienstleistung galten, erheben heute zahlreiche alteingesessene Filialbanken spürbare Kontoführungsgebühren. Diese Kosten sind keineswegs vernachlässigbar: Ein Blick in die aktuellen Preisverzeichnisse zeigt, dass Kunden pro Jahr mehrere hundert Euro für die bloße Kontoführung einplanen müssen. Die Gebührenstruktur ist dabei oft komplex und variiert stark je nach Institut und gewähltem Kontomodell. In einer Zeit, in der die Lebenshaltungskosten ohnehin steigen, suchen immer mehr Menschen nach Wegen, diese vermeidbaren Ausgaben zu minimieren. Die Diskrepanz zwischen den Angeboten traditioneller Banken und den Modellen moderner Wettbewerber ist dabei so groß geworden, dass ein kritischer Blick auf das eigene Preis-Leistungs-Verhältnis für jeden Kontoinhaber ratsam ist.

Konkrete Beispiele für hohe Gebühren

Die finanzielle Belastung durch Girokonten ist bei vielen Instituten mittlerweile ein signifikanter Kostenfaktor. Ein Beispiel aus der Praxis ist die Volksbank Köln Bonn: Dort kostet das sogenannte Komfort-Konto für Personen ab einem Alter von 27 Jahren inklusive einer Debitkarte bereits 120 Euro pro Jahr. Wer zusätzlich den Service nutzt, Überweisungen direkt in der Filiale in Auftrag zu geben, muss mit weiteren Gebühren rechnen. Noch deutlicher fällt der Vergleich bei der Dortmunder Sparkasse aus. Das dort angebotene Konto mit dem Namen "Echt unser Bestes" schlägt für Kundinnen und Kunden ab 27 Jahren mit stolzen 238,80 Euro jährlich zu Buche. Doch nicht nur regionale Institute verlangen hohe Preise. Auch große, bundesweit agierende Häuser wie die Commerzbank haben ihre Konditionen angepasst. Hier variieren die Kosten für die unterschiedlichen Kontomodelle zwischen 58,80 Euro und 154,80 Euro pro Jahr. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Kosten für ein Girokonto keineswegs einheitlich sind, sondern stark von der Wahl der Bank und dem gewählten Kontomodell abhängen. Kunden sollten daher genau prüfen, welche Gebühren in ihrem individuellen Preisverzeichnis aufgeführt sind, um böse Überraschungen bei der jährlichen Abrechnung zu vermeiden.

Die Ursachen für den Anstieg der Gebühren

Die Entwicklung hin zu kostenpflichtigen Girokonten ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer längeren wirtschaftlichen Phase. Martin Faust, Experte für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance and Management, erläutert diesen Zusammenhang in einem Beitrag des ARD-Finanzformates "50k". Demnach waren die Banken über Jahre hinweg mit einer Phase der Niedrigzinsen konfrontiert. In dieser Zeit konnten die Institute mit dem auf den Girokonten liegenden Guthaben kaum Erträge erwirtschaften. Im schlimmsten Fall, bei der Einführung von Negativzinsen, entstanden den Banken sogar Verluste durch die Einlagen ihrer Kunden. Um diese Ertragslücke zu schließen, haben viele Institute vor einigen Jahren ihre Kontoführungsgebühren deutlich erhöht. Diese Maßnahme diente dazu, die Profitabilität der Konten wiederherzustellen. Der Anstieg der Gebühren ist also eine direkte Reaktion auf das veränderte Zinsumfeld der vergangenen Jahre. Für den Bankkunden bedeutet dies jedoch eine dauerhafte Belastung, die auch dann bestehen bleibt, wenn sich die Zinslage am Markt wieder stabilisiert oder leicht verbessert hat. Die Banken haben die Gebührenstrukturen dauerhaft in ihre Geschäftsmodelle integriert.

Der Aufstieg der Neobanken und Direktbanken

Während traditionelle Filialbanken ihre Gebühren erhöht haben, hat sich eine neue Konkurrenz am Markt etabliert: die sogenannten Neobanken und Neobroker. Anbieter wie C24 oder Trade Republic, die über eine Vollbanklizenz verfügen, verzichten in der Regel vollständig auf Kontoführungsgebühren. Der Grund für dieses attraktive Angebot liegt in ihrer digitalen Struktur. Da diese Banken keine teuren Filialnetze unterhalten müssen, fallen die damit verbundenen Betriebskosten weg. Ihre Dienstleistungen werden ausschließlich über mobile Anwendungen und Online-Plattformen abgewickelt. Diese schlanke Kostenstruktur ermöglicht es ihnen, bessere Konditionen an die Kunden weiterzugeben. Dieser Trend spiegelt sich auch im Verhalten der Verbraucher wider. Eine Bitkom-Studie aus dem Jahr 2024 belegt, dass die Loyalität zur klassischen Hausbank stetig abnimmt. Während im Jahr 2018 erst 35 Prozent der Deutschen ihr Hauptkonto gewechselt hatten, stieg dieser Wert bis 2022 auf 51 Prozent und erreichte 2024 bereits 58 Prozent. Die Kunden sind zunehmend preisbewusst und nicht mehr bereit, für Leistungen zu zahlen, die sie im Alltag nicht mehr benötigen oder in Anspruch nehmen.

Wandel im Kundenverhalten und Filialnutzung

Das veränderte Verhalten der Bankkunden zeigt sich besonders deutlich in der Nutzung der Filialen. Laut der Bitkom-Studie aus dem Jahr 2024 haben mittlerweile mehr als 40 Prozent der Bankkunden noch nie eine Filiale aufgesucht und erledigen ihre Bankgeschäfte ausschließlich online. Dieser Wandel entwertet das klassische Argument der Filialbanken, durch ein dichtes Netz an Geschäftsstellen einen Mehrwert zu bieten. Für eine wachsende Mehrheit der Bevölkerung spielt die physische Präsenz einer Bank oder die Bekanntheit der Marke bei der Entscheidung für ein Konto kaum noch eine Rolle. Stattdessen rücken digitale Aspekte in den Vordergrund: Eine benutzerfreundliche App, die intuitive Bedienung des Online-Bankings und moderne Möglichkeiten für Mobile-Payment-Anwendungen sind heute die entscheidenden Kriterien. Trotz dieser Entwicklung gibt es einen psychologischen Widerspruch, den Experte Martin Faust beschreibt. Viele Menschen halten an ihrer Filialbank fest, weil sie sich die Option offenhalten wollen, bei Problemen persönlich vor Ort Hilfe zu suchen. Diese theoretische Möglichkeit wird als Sicherheit empfunden, selbst wenn der Service in der Praxis über Jahre hinweg nie genutzt wird. Die Kunden zahlen also gewissermaßen eine Versicherungsprämie für eine Option, die sie eigentlich nicht in Anspruch nehmen.

Worauf beim Kontovergleich zu achten ist

Wer sich für einen Wechsel entscheidet, sollte nicht nur auf die reine Kontoführungsgebühr achten. Verbraucherschützer wie das Portal Finanztip raten dazu, ein Konto ganzheitlich zu bewerten. Zu den versteckten Kostenfallen gehören Gebühren für Bankkarten, Kosten für einzelne Überweisungen oder die Bedingung eines monatlichen Mindestgeldeingangs, um das Konto überhaupt kostenlos zu halten. Ein Vergleich bietet sich an, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Beispiele für unterschiedliche Modelle sind etwa die Norisbank, die eine Gebühr von 3,90 Euro erhebt, die jedoch bei einem monatlichen Geldeingang von 500 Euro entfällt. Die DKB verlangt 4,50 Euro, sofern die Grenze von 700 Euro Geldeingang nicht erreicht wird. Die Santander bietet mit ihrem "BestGiroOnline" ein Modell ohne Grundgebühr, bei dem jedoch nur sechs Abhebungen pro Monat kostenlos sind. Die Comdirect verlangt 4,90 Euro, bietet aber ebenfalls eine Befreiung ab 700 Euro Geldeingang. Wichtig ist zudem die Frage, wo und wie oft man kostenlos Bargeld abheben oder einzahlen kann. Ein sorgfältiger Abgleich der individuellen Bedürfnisse mit den Leistungsverzeichnissen ist daher essenziell.

Der gesetzlich geregelte Wechselprozess

Der Wechsel des Girokontos ist dank des Zahlungskontengesetzes heute deutlich einfacher als in der Vergangenheit. Die Banken sind gesetzlich dazu verpflichtet, eine Kontowechselhilfe anzubieten. Der Prozess ist klar definiert: Der Kunde eröffnet bei der neuen Bank ein Konto und erteilt dieser die Ermächtigung, die Daten vom alten Institut anzufordern. Die alte Bank hat daraufhin fünf Geschäftstage Zeit, alle Informationen zu Zahlungen und Lastschriften der letzten 13 Monate an die neue Bank zu übermitteln. Die neue Bank hat ihrerseits fünf Geschäftstage Zeit, um die Daten zu verarbeiten und beispielsweise Daueraufträge neu einzurichten. Trotz dieses reibungslosen Ablaufs empfehlen Verbraucherzentralen, das alte Konto für eine Übergangszeit parallel weiterzuführen. Da Prozesse, insbesondere wenn sie auf dem Postweg abgewickelt werden, länger dauern können, minimiert dies das Risiko von Zahlungsausfällen. Sollte es durch fehlerhafte Datenübermittlung zu einem finanziellen Schaden kommen, etwa durch Mahnungen aufgrund nicht rechtzeitig umgestellter Lastschriften, haften die Banken für die entstandenen Probleme. Dies gibt dem Kunden eine zusätzliche Sicherheit beim Wechsel.

Die Kehrseite kostenloser Angebote

Auch wenn ein kostenloses Girokonto auf den ersten Blick nur Vorteile bietet, weist Experte Martin Faust auf eine wichtige Kehrseite hin: die Datennutzung. Eine Bank, die keine Kontoführungsgebühren verlangt, muss ihre Erträge an anderer Stelle generieren. Das Geldhaus erhält durch die Kontoführung tiefe Einblicke in das finanzielle Leben des Kunden. Diese Informationen können genutzt werden, um dem Kunden gezielt weitere Produkte anzubieten. Wer beispielsweise ein Guthaben auf dem Konto hat, könnte für Wertpapiere und Anlageprodukte angesprochen werden. Wer hingegen häufig im Minus ist, wird als Zielgruppe für Konsumentendarlehen identifiziert. Das kostenlose Konto ist somit oft der Einstieg in eine umfassendere Kundenbeziehung, die für die Bank profitabel ist. Die Entscheidung für eine Direktbank bedeutet also auch, dass man sich in ein System begibt, in dem die eigenen Finanzdaten als Basis für Marketing und Vertrieb genutzt werden. Kunden sollten sich daher bewusst sein, dass "kostenlos" im Bankwesen meist bedeutet, dass der Preis auf andere Weise, etwa durch Daten oder den Verkauf weiterer Finanzprodukte, entrichtet wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/geld-wahrung-euro-stillleben-9043046/ · Foto: Goran Grudić
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/girokonto-kontofuehrungsgebuehr-wechsel-100.html