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Warum Strom bei uns so teuer ist und wer daran was verdient
Schlagzeilen · 15.08.2026 07:00

Warum Strom bei uns so teuer ist und wer daran was verdient

Kurz: Deutschland verzeichnet europaweit Spitzenpreise für Strom. Eine Analyse der Kostenstruktur zeigt, wer profitiert und welche Faktoren den Preis in die Höhe trei

Was geschehen ist: Die aktuelle Lage der Strompreise

Deutschland nimmt im europäischen Vergleich eine unrühmliche Spitzenposition ein: Die Strompreise für Haushalte gehören zu den höchsten innerhalb der Europäischen Union. Im zweiten Halbjahr 2025 mussten Verbraucher durchschnittlich 39 Cent pro Kilowattstunde entrichten. Lediglich in Irland waren die Kosten für elektrische Energie in diesem Zeitraum noch höher. Diese Entwicklung ist besonders bemerkenswert, da sie zeitlich mit einem signifikanten Ausbau erneuerbarer Energien im nationalen Strommix zusammenfällt. Eigentlich sollte der zunehmende Anteil von Wind- und Sonnenenergie, die in der Erzeugung vergleichsweise kostengünstig sind, zu einer Entlastung der Endverbraucher führen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Die Diskrepanz zwischen den günstigen Gestehungskosten für regenerative Energien und dem hohen Endpreis wirft grundlegende Fragen zur Struktur des Strommarktes auf. Der Strompreis ist dabei kein monolithischer Block, sondern setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen, die jeweils unterschiedliche Akteure begünstigen oder belasten. Die aktuelle Marktsituation verdeutlicht, dass die Energiewende zwar ökologisch voranschreitet, die ökonomischen Auswirkungen für den Endkunden jedoch komplex und bisher wenig entlastend sind. Die Debatte um die hohen Kosten ist daher nicht nur eine Frage der Energiepolitik, sondern berührt auch soziale Aspekte der Daseinsvorsorge in Deutschland.

Die Einzelheiten: Wer verdient an den Kosten?

Um zu verstehen, wohin das Geld fließt, muss die Stromrechnung in ihre Bestandteile zerlegt werden. Die 39 Cent pro Kilowattstunde verteilen sich auf drei Hauptsäulen: Beschaffung und Vertrieb, Netzentgelte sowie Steuern, Abgaben und Umlagen. Den größten Anteil nehmen mit 16 Cent die Kosten für Beschaffung und Vertrieb ein. Hierbei spielt das sogenannte Merit-Order-Prinzip an den Strombörsen eine entscheidende Rolle. Nach diesem Mechanismus speisen Anlagen mit den geringsten Grenzkosten – primär Wind- und Solarkraftwerke – zuerst ein. Danach folgen konventionelle Kraftwerke wie Kohle- oder Gasanlagen. Der Clou dabei: Der Preis für den gesamten Markt wird durch das jeweils teuerste Kraftwerk bestimmt, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird. Dies führt dazu, dass auch günstiger Ökostrom zum Preis des teuren fossilen Stroms abgerechnet wird. Die Stromanbieter, die den Strom an der Börse erwerben und an die Haushalte weiterverkaufen, erzielen dabei meist Margen im einstelligen Prozentbereich. Die Netzentgelte machen etwa ein Viertel des Gesamtpreises aus. Sie dienen der Finanzierung des Ausbaus und Betriebs der Stromleitungen, um Energie beispielsweise von den Windparks im Norden zu den Verbrauchern im Süden zu transportieren. Der Staat schöpft zudem knapp ein Drittel des Preises über Steuern, Abgaben und Umlagen ab.

Hintergrund: Der Weg in die aktuelle Preisstruktur

Die Entwicklung der Strompreise ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Transformation der Energielandschaft. Während der Anteil erneuerbarer Energien stetig gewachsen ist, haben sich die Rahmenbedingungen für die Stromerzeugung grundlegend verändert. Ein zentraler Faktor ist die Differenz zwischen den Erzeugungskosten verschiedener Technologien. So sind die Kosten für eine Kilowattstunde aus Windenergie an Land bis zu sechsmal niedriger als die aus einem neu errichteten Braunkohlekraftwerk. Dieser enorme Unterschied erklärt sich unter anderem durch die Kosten für CO2-Zertifikate, die fossile Energieträger massiv verteuern. Dennoch schlägt sich dieser Preisvorteil der Erneuerbaren nicht eins zu eins auf der Stromrechnung nieder. Ein wesentlicher Grund hierfür sind Engpässe im Stromnetz. Wenn der im Norden produzierte Windstrom nicht in den Süden transportiert werden kann, müssen dort Windräder gedrosselt und im Süden teure Kraftwerke hochgefahren werden. Dieses Verfahren, bekannt als Redispatch, verursacht zusätzliche Kosten, die letztlich über die Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt werden. Die Energiewende ist somit nicht nur ein technisches Projekt, sondern ein ökonomisches Unterfangen, bei dem die Infrastruktur derzeit noch hinter den Erzeugungszuwächsen zurückbleibt. Diese historische Entwicklung hat zu der heutigen Situation geführt, in der trotz günstigerer Erzeugungsquellen der Endpreis auf einem hohen Niveau verharrt.

Die Beteiligten: Akteure und Institutionen

Verschiedene Akteure beeinflussen maßgeblich den Strompreis. Auf der Erzeugerseite stehen Betreiber von Wind- und Solarparks, die oft in Konkurrenz zu konventionellen Kohle- und Gaskraftwerksbetreibern stehen. Während Bürgerinitiativen, etwa im Münsterland, aktiv eigene Windparks errichten, gibt es an anderen Orten wie in Lüneburg Widerstand gegen den Ausbau im Wald. Auf der regulatorischen Seite spielt die Bundesnetzagentur eine zentrale Rolle. Sie überwacht die Netzbetreiber, die in ihren Regionen ein natürliches Monopol innehaben. Um faire Preise zu gewährleisten, begrenzt die Behörde die Eigenkapitalrenditen der Netzbetreiber auf einstellige Prozentwerte. Ein weiterer Akteur ist die Bundesregierung, die durch steuerliche Anpassungen und Umlagen direkten Einfluss auf die Belastung der Haushalte nimmt. Experten wie Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin beobachten die regulatorischen Entwicklungen kritisch. Er warnt beispielsweise davor, dass geplante Reformen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) das Ausbautempo verlangsamen könnten, indem sie den Druck auf Netzbetreiber reduzieren, ihre Infrastruktur zügig auszubauen. Auch die Verbraucherzentralen, vertreten durch Experten wie Thomas Zwingmann, spielen eine Rolle, indem sie Haushalte über Möglichkeiten zur Verbrauchssteuerung und zum Stromsparen aufklären.

Einordnung: Was die Preissituation bedeutet

Die Analyse der Strompreise zeigt, dass es nicht den einen Schuldigen oder den einen großen Profiteur gibt. Vielmehr ist der hohe Preis das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus Marktregeln, staatlichen Eingriffen und infrastrukturellen Herausforderungen. Den Berichten zufolge ist das Merit-Order-Prinzip zwar marktwirtschaftlich logisch, führt aber in der aktuellen Konstellation dazu, dass Verbraucher den Preis des teuersten Anbieters zahlen müssen, auch wenn der Großteil des Stroms günstig produziert wurde. Einzuordnen ist dies als strukturelles Problem des europäischen Strommarktes. Die staatlichen Abgaben, die fast ein Drittel des Preises ausmachen, werden oft als notwendiges Übel zur Finanzierung der Energiewende und des Staatshaushalts betrachtet. Dass dies auch anders geht, zeigt der Blick nach Großbritannien, wo die Mehrwertsteuer auf Strom gestrichen wurde, um die Bürger zu entlasten. In Deutschland hingegen scheiterten ähnliche Vorhaben zur Senkung der Stromsteuer an der Haushaltslage. Die hohen Preise sind somit auch ein Spiegelbild politischer Prioritätensetzung. Es ist festzuhalten, dass der Ausbau von Speichern und Netzen zwar kurzfristig die Kosten erhöht, langfristig jedoch die einzige Möglichkeit darstellt, die Abhängigkeit von teuren fossilen Kraftwerken zu verringern und damit das Preisniveau zu stabilisieren.

Offene Fragen: Was bleibt ungeklärt?

Obwohl die Struktur der Stromrechnung detailliert analysiert werden kann, bleiben einige Punkte offen. Der Quelltext beantwortet beispielsweise nicht, wie genau die Bundesregierung den Zielkonflikt zwischen der notwendigen Haushaltskonsolidierung und der Entlastung der Bürger bei den Stromkosten langfristig auflösen will. Auch die konkreten Auswirkungen der geplanten EEG-Reform auf die zukünftige Preisentwicklung sind Gegenstand von Spekulationen und nicht abschließend quantifizierbar. Es bleibt unklar, in welchem genauen Zeitrahmen die Engpässe im Stromnetz durch den Ausbau der Infrastruktur so weit reduziert werden können, dass Redispatch-Kosten signifikant sinken. Ebenso wird nicht explizit dargelegt, wie die Akzeptanz für neue Windkraftanlagen in Regionen mit Widerstand, wie etwa Lüneburg, durch politische Maßnahmen gesteigert werden soll, ohne den Ausbau zu gefährden. Die Frage, ob eine Entkopplung des Strompreises vom Gaspreis nach dem Vorbild von Spanien und Portugal auch in Deutschland rechtlich und ökonomisch dauerhaft umsetzbar wäre, bleibt ebenfalls unbeantwortet. Diese Lücken zeigen, dass die Debatte um die Energiewende und die Strompreise noch viele Variablen enthält, die von zukünftigen politischen und technologischen Entwicklungen abhängen.

Wie es weitergeht: Ausblick und Strategien

Die Zukunft der Strompreise hängt von verschiedenen geplanten Maßnahmen ab. Ein zentraler Punkt ist die geplante EEG-Reform, die Anreize dafür schaffen soll, neue Wind- und Solaranlagen bevorzugt dort zu errichten, wo das Stromnetz bereits über ausreichende Kapazitäten verfügt. Dies soll den Bedarf an teurem Netzausbau und Redispatch-Maßnahmen verringern. Parallel dazu wird der Ausbau von großen Batteriespeichern vorangetrieben, wie das Beispiel des neuen Speichers in Sachsen-Anhalt zeigt, der überschüssige Energie aus erneuerbaren Quellen aufnehmen soll. Auch die Digitalisierung spielt eine Rolle: Die Einführung digitaler Stromzähler soll es Haushalten ermöglichen, ihren Verbrauch flexibler zu gestalten und Strom dann zu nutzen, wenn er besonders günstig produziert wird. Sogenannte dynamische Stromtarife sollen hierfür den nötigen ökonomischen Anreiz bieten. Zudem bleibt die Debatte über eine Senkung der staatlichen Abgaben ein wiederkehrendes Thema in der Politik. Ob und wann weitere Entlastungen für die Verbraucher kommen, bleibt jedoch von der jeweiligen Haushaltslage des Bundes abhängig. Die Strategie ist klar: Durch den Ausbau von Speichern und die intelligente Steuerung des Verbrauchs soll das System effizienter werden, um die Nachfrage nach teurem, fossilem Strom dauerhaft zu senken und damit die Preise für die Endkunden langfristig zu stabilisieren.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/geld-euro-kommerziell-geld-hintergrund-10356910/ · Foto: Tim Heckmann
Quelle: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/strompreis-strom-energiekosten-deutschland-100.html