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Warum Bremen gegen "Wegwerfagenten" vorgeht
Schlagzeilen · 23.08.2026 14:14

Warum Bremen gegen "Wegwerfagenten" vorgeht

Kurz: Bremen warnt mit einer neuen Plakatkampagne vor sogenannten Wegwerfagenten, die von ausländischen Geheimdiensten für Spionage und Sabotage angeworben werden.

Die neue Strategie gegen Spionage-Rekrutierung

In Bremen hat der Verfassungsschutz eine gezielte Plakataktion gestartet, um die Öffentlichkeit vor einer wachsenden Gefahr zu warnen: der Rekrutierung von sogenannten „Wegwerfagenten“ durch ausländische Geheimdienste. Die Kampagne, die über einen Zeitraum von zwei Wochen läuft, nutzt eine drastische visuelle Sprache. Auf dunkelgrauem Grund prangt in roter Schrift die Warnung: „Du riskierst alles. Sie riskieren nichts.“ Ergänzt wird dieser Slogan durch die Darstellung eines Messenger-Chats, in dem ein Unbekannter 500 Euro für ein Foto des Bremer Hauptbahnhofs bietet. Damit soll verdeutlicht werden, wie niederschwellig und verführerisch die Anwerbung für ahnungslose Bürger gestaltet ist. Die Kernbotschaft ist eine direkte Warnung vor den persönlichen Konsequenzen, die ein solches Handeln nach sich zieht. Während der angeworbene Laie sein gesamtes Leben und seine Freiheit riskiert, bleiben die eigentlichen Drahtzieher im Hintergrund anonym und geschützt. Die Aktion zielt darauf ab, potenzielle Zielpersonen für die Gefahren der Spionage-Rekrutierung zu sensibilisieren und sie vor den strafrechtlichen Folgen zu bewahren, die ein solches Engagement mit sich bringt.

Details zur Rekrutierung und den Akteuren

Die Sicherheitsexpertin Dr. Berenike Prem von der Universität Bremen definiert Wegwerfagenten als Privatpersonen, die von Nachrichtendiensten gezielt für einzelne, verdeckte Aufträge instrumentalisiert werden. Diese Tätigkeiten umfassen ein breites Spektrum, das von der Auskundschaftung und dem Fotografieren kritischer Infrastrukturen bis hin zu schwerwiegenden Delikten wie Sabotage, Brandstiftung oder gezielter Sachbeschädigung reicht. Die Bremer Innensenatorin Eva Högl (SPD) betont, dass diese Personen oft mit geringen Geldsummen dazu verleitet werden, die sogenannte „Drecksarbeit“ für fremde Staaten zu erledigen. Ein aktuelles Beispiel für die juristische Aufarbeitung solcher Fälle lieferte das Oberlandesgericht Stuttgart. Dort wurde ein ukrainischer Staatsbürger zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er im Auftrag russischer Dienste Brandanschläge vorbereitet hatte; zwei weitere Angeklagte wurden in diesem Prozess freigesprochen. Diese Fälle verdeutlichen, dass die Anwerbung nicht nur theoretisch existiert, sondern bereits zu konkreten Gerichtsverfahren in Deutschland führt. Die Beweisführung gegen die Hintermänner gestaltet sich dabei als äußerst schwierig, da die ausführenden Personen oft nur lose Kontakte zu ihren Auftraggebern haben.

Hintergrund der hybriden Bedrohungslage

Die Entwicklung der Spionageaktivitäten in Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine besorgniserregende Dynamik angenommen. Laut Statistiken des Bundeskriminalamts (BKA) ist die Zahl der Spionagefälle massiv gestiegen: Von 72 gemeldeten Fällen im Jahr 2024 schnellte die Zahl bis 2025 auf 474 Fälle hoch, was einem Anstieg von über 558 Prozent entspricht. Diese Zunahme ist Teil einer sogenannten hybriden Bedrohungslage, wie Innensenatorin Eva Högl erläutert. Deutschland befindet sich demnach in einem Zustand, der weder als vollständiger Frieden noch als offener Krieg zu bezeichnen ist. Die Strategie fremder Mächte, insbesondere Russlands, wie Thorge Koehler vom Bremer Verfassungsschutz betont, setzt auf die Ausnutzung vielfältiger Angriffsziele und ein breites Personenpotenzial. Die Taktik der „Wegwerfagenten“ ist dabei ein zentrales Element, da sie es den Geheimdiensten ermöglicht, Distanz zu den eigentlichen Straftaten zu wahren. Die Bundesregierung hat bereits auf diese hybride Kriegsführung reagiert, etwa durch die Eröffnung eines Zentrums in Berlin, das speziell vor derartigen Bedrohungen schützen soll, sowie durch die Einbestellung des russischen Botschafters nach verschiedenen Vorfällen.

Die Rolle der beteiligten Institutionen

Die Verantwortung für die Abwehr dieser Bedrohungen liegt bei verschiedenen staatlichen Stellen. Der Bremer Verfassungsschutz, unter der Leitung von Thorge Koehler, spielt eine zentrale Rolle bei der Aufklärung und Prävention auf lokaler Ebene. Innensenatorin Eva Högl fungiert als politische Stimme, die sowohl die Dringlichkeit der Lage betont als auch die Notwendigkeit einer bundesweiten Koordination unterstreicht. Sie setzt sich dafür ein, das Thema auf der nächsten Innenministerkonferenz zur Sprache zu bringen, um einheitliche Maßnahmen gegen die Rekrutierung von Privatpersonen zu entwickeln. Wissenschaftliche Expertise wird durch Fachleute wie Dr. Berenike Prem eingebracht, die die Mechanismen der hybriden Kriegsführung analysieren und die Wirksamkeit von Sensibilisierungskampagnen einordnen. Auf juristischer Ebene sind die Oberlandesgerichte mit der strafrechtlichen Verfolgung befasst, wobei die Beweisaufnahme bei den ausführenden Tätern oft nur die Spitze des Eisbergs offenbart. Die Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsbehörden, Politik und Wissenschaft ist laut den Aussagen der Akteure essenziell, um den komplexen Herausforderungen dieser neuen Form der Spionage und Sabotage wirksam zu begegnen.

Einordnung der aktuellen Sicherheitslage

Die aktuelle Kampagne ist laut Einschätzung von Experten ein notwendiger Balanceakt. Dr. Berenike Prem ordnet die Bremer Aktion als sinnvoll ein, da sie Sichtbarkeit für ein Problem schafft, das ansonsten im Verborgenen bliebe. Den Berichten zufolge besteht die Gefahr bei hybriden Aktivitäten oft darin, dass die Gegenseite durch gezielte Desinformation und Sabotage bewusst Verunsicherung in der Bevölkerung schüren will. Eine Sensibilisierungskampagne kann daher auch als Gegenmaßnahme zur psychologischen Kriegsführung verstanden werden. Dennoch bleibt die Einordnung schwierig, da es sich um ein dynamisches Feld handelt. Die hybride Bedrohung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie keine klaren militärischen Grenzen zieht, sondern den Alltag und die Infrastruktur direkt angreift. Die Einordnung der Lage als „ernst“ durch die Bremer Innensenatorin unterstreicht, dass die Behörden die Entwicklung nicht als isolierte Vorfälle, sondern als konzertierte Angriffe auf die Sicherheit des Landes betrachten. Die Sichtbarkeit durch Plakate soll hierbei helfen, die Hemmschwelle für potenzielle Täter zu erhöhen und die Bevölkerung für die ungewöhnlichen Anwerbeversuche zu sensibilisieren.

Offene Fragen und Lücken in der Informationslage

Trotz der klaren Warnungen des Bremer Verfassungsschutzes bleiben zahlreiche Aspekte der Problematik im Dunkeln. Der Quelltext lässt offen, wie viele der offiziell registrierten Spionagefälle des BKA tatsächlich auf das Konto von sogenannten „Wegwerfagenten“ gehen, da hierzu keine statistischen Daten vorliegen. Ebenso bleibt unklar, wie hoch die Dunkelziffer derer ist, die bereits von fremden Diensten kontaktiert wurden, aber den Kontakt abgebrochen haben oder nicht in die Statistik eingingen. Auch die konkreten Methoden der Anwerbung, abgesehen von Messenger-Diensten, werden nicht detailliert ausgeführt. Es bleibt zudem offen, welche spezifischen weiteren Maßnahmen der Bund plant, um die Rekrutierung über die Landesgrenzen hinaus zu unterbinden. Die Wirksamkeit der Plakatkampagne lässt sich laut den Verantwortlichen aktuell nicht messen, was eine objektive Erfolgsbewertung unmöglich macht. Die konkrete Identität der ausländischen Dienste, die neben Russland noch in dieses Schema passen könnten, wird zwar angedeutet, aber nicht weiter spezifiziert. Die Lücke zwischen der abstrakten Warnung und der konkreten Verhinderung von Taten durch die Kampagne bleibt somit eine offene Frage der Sicherheitsstrategie.

Ausblick auf kommende Schritte

Die Bemühungen zur Abwehr der Wegwerfagenten sind nicht als einmalige Aktion geplant, sondern als Teil einer fortlaufenden Strategie. Innensenatorin Eva Högl hat bereits angekündigt, das Thema auf der kommenden Innenministerkonferenz zur Diskussion zu stellen. Dies deutet darauf hin, dass die Bremer Behörden den Druck auf den Bund erhöhen wollen, um eine koordinierte, deutschlandweite Antwort auf die hybride Bedrohung zu finden. Ob daraus neue gesetzliche Regelungen oder verstärkte Präventionsprogramme resultieren, bleibt abzuwarten. Die Ermittlungsbehörden stehen weiterhin vor der Herausforderung, die Drahtzieher hinter den ausführenden Agenten zu identifizieren, was eine dauerhafte Priorität der Sicherheitsbehörden bleibt. Die Plakataktion in Bremen markiert lediglich den aktuellen Anfang einer verstärkten öffentlichen Aufklärungsarbeit. Weitere Schritte hängen maßgeblich von den Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden ab, die kontinuierlich prüfen, wie die Drohnenabwehr an Flughäfen und der Schutz kritischer Infrastrukturen gegen Sabotageakte verbessert werden können. Die politische Agenda sieht vor, das Thema Spionage und hybride Angriffe in den kommenden Monaten weiterhin prominent auf der sicherheitspolitischen Tagesordnung zu halten.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/roter-zug-am-bahnhof-elbbrucken-hamburg-29002554/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/wegwerfagenten-bremen-plakatkampagne-100.html