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Warnschuss für die Infrastruktur: Wie ein Sonnensturm die Stromnetze ans Limit brachte
Technik · 23.07.2026 18:54

Warnschuss für die Infrastruktur: Wie ein Sonnensturm die Stromnetze ans Limit brachte

Kurz: Der Sonnensturm vom Mai 2024 war ein Warnsignal: Experten warnen vor gravierenden Sicherheitslücken in der Stromnetz-Infrastruktur durch Weltraumwetter.

Ein unterschätztes Risiko aus dem All

Die spektakulären Polarlichter, die im Mai 2024 weite Teile des Himmels in leuchtende Farben tauchten, waren weit mehr als ein ästhetisches Naturphänomen. Hinter der visuellen Faszination verbarg sich ein geomagnetischer Sturm der höchsten Kategorie G5, der die Widerstandsfähigkeit moderner Industrienationen einem massiven Stresstest unterzog. Während die Öffentlichkeit das Schauspiel bewunderte, zeigten die im Hintergrund wirkenden Energien gravierende Defizite in der kritischen Infrastruktur auf.

Auf dem National Astronomy Meeting der Royal Astronomical Society im Juli 2026 in Birmingham zog die Space Environment Impacts Expert Group nun eine ernüchternde Bilanz. Professor Richard Horne, Vorsitzender der Expertengruppe, betonte, dass die aktuelle Vorbereitung auf extreme Weltraumwetterereignisse bei weitem nicht ausreicht.

Die Blindheit der Stromnetzbetreiber

Ein zentraler Kritikpunkt der Experten betrifft die mangelnde Datenlage. Datenanalysen, die bereits im Frühjahr 2025 im Fachjournal *Frontiers in Astronomy and Space Sciences* veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass während des Sturms im Mai 2024 in britischen Umspannwerken Ströme von über 60 Ampere induziert wurden. Das Problem: In England und Wales fehlt es an einer flächendeckenden Messinfrastruktur, um diese theoretischen Computermodelle durch reale Messwerte zu validieren.

Die Netzbetreiber operieren in dieser Hinsicht im Blindflug. Ein Vergleich mit Neuseeland zeigt, dass dies kein technisches Schicksal ist. Dort werden bereits über 80 Standorte mit speziellen Sensoren überwacht, was es dem Land ermöglichte, gezielte Schutzmaßnahmen während des Sturms zu aktivieren. Ohne eine solche Sensorik fehlt die notwendige Grundlage, um bei künftigen, potenziell stärkeren Stürmen rechtzeitig und präzise reagieren zu können.

Herausforderungen für das europäische Verbundnetz

Die Erkenntnisse aus Großbritannien lassen sich direkt auf die Situation in Deutschland übertragen. Auch hierzulande ist die Gefahr durch geomagnetische Stürme, die zu lang anhaltenden Stromausfällen führen könnten, ein bekanntes Szenario in der Risikovorsorge, etwa beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Obwohl das deutsche Stromnetz als Teil des europäischen Verbundnetzes von einer höheren Redundanz profitiert, entstehen durch den Umbau der Energiewirtschaft neue Risikofelder. Insbesondere der Ausbau langer Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen, die für den Transport von Windstrom aus dem Norden in den Süden essenziell sind, bietet geomagnetisch induzierten Strömen eine große Angriffsfläche. Eine transparente Echtzeit-Überwachung solcher Ströme existiert in Deutschland derzeit ebenso wenig wie in Großbritannien.

Satelliten unter Druck

Die Auswirkungen beschränken sich nicht auf das Stromnetz am Boden. Auch die kommerzielle Raumfahrt ist massiv betroffen. Während des Sturms im Mai 2024 stieg die Zahl der Ausweichmanöver für Satelliten im niedrigen Erdorbit von üblicherweise 300 auf rund 5.000 an. Britisch lizenzierte Satelliten verzeichneten einen Anstieg der Kollisionswarnungen um 35 Prozent. Eine Überlastung der Kontrollsysteme durch solche extremen Anforderungen birgt das Risiko kaskadierender Trümmerereignisse, die den Erdorbit langfristig unbenutzbar machen könnten.

Die Gefahr extremer Ereignisse

Die Modellierungen der Experten zeigen, dass ein Ereignis in der Größenordnung des historischen Carrington-Ereignisses von 1859 – das damals die frühen Telegrafennetze zerstörte – eine jährliche Eintrittswahrscheinlichkeit von etwa einem Prozent hat. Würde ein solches Extremereignis die heutige, hochdigitalisierte Welt treffen, wären die Folgen gravierend: Globale, monatelange Blackouts und der Zusammenbruch der Kommunikationsinfrastruktur wären plausible Szenarien.

Die Space Environment Impacts Expert Group hat der britischen Regierung nun konkrete Empfehlungen zur Prüfung vorgelegt. Diese zielen primär auf eine Verbesserung der Vorhersagequalität von Sonneneruptionen ab. Doch die Experten sind sich einig: Ohne eine grundlegende Nachrüstung der Messinfrastruktur und eine technologische Absicherung der Stromnetze bleiben diese Vorhersagen lediglich ein theoretisches Frühwarnsystem ohne praktische Durchschlagskraft.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/34278678/ · Foto: David McElwee
Quelle: https://t3n.de/news/sonnensturm-schwachstellen-infrastruktur-stromnetz-1754546/?utm_source=rss&utm_medium=newsFeed&utm_campaign=newsFeed