Was geschehen ist: Transparenz im digitalen Wahlkampf
Das Berliner Weizenbaum-Institut hat eine neue Phase seines wissenschaftlichen Citizen-Science-Projekts unter dem Titel „Dein Feed, Deine Wahl“ eingeleitet. Im Zentrum der Initiative steht der Aufruf an TikTok-Nutzerinnen und -Nutzer, ihre persönlichen Nutzungsdaten für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen. Ziel dieser groß angelegten Untersuchung ist es, ein tieferes Verständnis dafür zu gewinnen, wie der Empfehlungsalgorithmus der populären Video-Plattform politische Inhalte in die individuellen Feeds der Anwender einsteuert. Angesichts der anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September 2026 soll analysiert werden, welche Rolle die Plattform bei der politischen Meinungsbildung spielt. Die Forscher möchten insbesondere herausfinden, wie sich Informationsräume je nach regionaler Herkunft, Alter und individueller politischer Ausrichtung der Nutzenden unterscheiden. Die Datenspende ist ein freiwilliger Akt, der sowohl online über eine dedizierte Projektplattform als auch im Rahmen von Vor-Ort-Aktionen in verschiedenen deutschen Städten ermöglicht wird. Damit reagiert das Institut auf die zunehmende Bedeutung sozialer Medien als zentraler Schauplatz politischer Auseinandersetzungen im Vorfeld von Wahlterminen.
Die Einzelheiten: Methodik und Datenstruktur
Die wissenschaftliche Datenerhebung stützt sich auf die DSGVO-Datenauskunft, die Nutzerinnen und Nutzer direkt bei TikTok anfordern können. Die so gewonnenen Rohdaten, die ab dem 24. August 2026 über ein Webformular hochgeladen werden können, enthalten Informationen über konsumierte Videos, Interaktionen wie Likes und Shares sowie verschiedene Metadaten, darunter Hashtags. Das Institut betont, dass sensible Informationen wie Accountnamen der Spendenden, private Nachrichten oder Shopping-Daten explizit nicht erfasst werden. Auf den Servern des Weizenbaum-Instituts werden die Daten pseudonymisiert, wobei identifizierende Felder konsequent abgetrennt werden. Die Forschenden kategorisieren politische Inhalte, indem sie Videos anhand von Hashtags, Accounttypen und Metadaten den jeweiligen Parteien, einzelnen Politikern, parteinahen Influencern oder nutzergenerierten Inhalten zuordnen. Um die Teilnahme zu erleichtern, organisiert das Projekt sogenannte „Data-Donation-Days“. Diese finden am 29. August 2026 beim Laternenfest in Halle an der Saale, am 12. September beim Warnemünder Brückenfest in Rostock sowie am 13. September beim Demokratietag in Berlin statt. Vor Ort unterstützen Datenbotschafterinnen und -botschafter des Citizen-Science-Gremiums die Interessierten bei der Einreichung ihrer Daten.
Hintergrund: Vom Bundestag zur Landtagsebene
Das aktuelle Projekt ist keine isolierte Maßnahme, sondern knüpft direkt an eine vorangegangene Erhebung zur Bundestagswahl 2025 an. Damals beteiligten sich über 900 TikTok-Nutzende an der Studie, was dem Weizenbaum-Institut wertvolle Erkenntnisse lieferte. Die historischen Daten zeigten eine signifikante Zunahme politischer Inhalte im zeitlichen Verlauf: Während der Anteil politischer Beiträge – inklusive traditioneller Nachrichten – zum Jahresbeginn 2025 bei etwa zwei Prozent lag, stieg dieser Wert bis zum Wahltag am 23. Februar 2025 auf etwa 10 bis 11 Prozent an. Diese Beobachtung bildete die Grundlage für die aktuelle Entscheidung, den Fokus nun auf die Landtagswahlen zu legen. Dabei stellt sich die zentrale Frage, ob sich die Mechanismen der Informationsausspielung bei regionalen Wahlen von denen auf Bundesebene unterscheiden. Die Forscher wollen prüfen, ob regionale Unterschiede in den Informationsumgebungen existieren und ob die Algorithmen bei kleineren Wahlereignissen eine andere Dynamik entfalten. Die Kontinuität der Forschung erlaubt es, Trends über verschiedene Wahlzyklen hinweg zu vergleichen und die Entwicklung der digitalen politischen Kommunikation in Deutschland systematisch zu dokumentieren.
Die Beteiligten: Akteure und Gremien
Das Weizenbaum-Institut fungiert als federführende Institution für dieses Forschungsvorhaben. Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist das Citizen-Science-Gremium, welches das Projekt aktiv mitgestaltet und durch seine Datenbotschafterinnen und -botschafter den direkten Kontakt zur Öffentlichkeit sucht. Auf der anderen Seite stehen die TikTok-Nutzenden, die durch ihre freiwillige Datenspende erst die empirische Basis für die Untersuchung schaffen. Die politische Landschaft, die Gegenstand der Analyse ist, umfasst verschiedene Akteure: Parteien, einzelne Politikerinnen und Politiker sowie parteinahe Influencer. Das Institut führt zudem ein systematisches Monitoring öffentlicher Partei-Accounts durch, um Reichweiten zu messen. Hierbei zeigt sich eine deutliche Diskrepanz in der Sichtbarkeit: Seit dem 1. Juli 2026 erzielten Accounts von AfD-Politikern und der Partei selbst über 26 Millionen Views. Die CDU folgt mit rund vier Millionen Views, während Die Linke auf knapp 1,5 Millionen kommt. Diese Zahlen dienen als Referenzpunkt für die Analyse, wie sich diese Reichweiten in den individuellen Feeds der Nutzenden niederschlagen und ob sie gleichmäßig verteilt sind.
Einordnung: Wissenschaftliche Neutralität und Datenschutz
Einzuordnen ist das Projekt als Versuch, die „Blackbox“ der algorithmischen Empfehlungsmechanismen wissenschaftlich zu durchleuchten. Das Weizenbaum-Institut betont ausdrücklich, dass TikTok nicht als „Wahlentscheidungsmaschine“ missverstanden werden darf. Vielmehr geht es um die Untersuchung von Mechanismen der Informationsversorgung und deren mögliche Zusammenhänge mit politischen Einstellungen. Den Berichten zufolge wird dabei bewusst auf die Behauptung automatischer Kausalitäten verzichtet. Ein wesentlicher Aspekt ist der Schutz der Privatsphäre: Da politische Meinungen laut DSGVO als sensible Daten gelten, stützt sich das Projekt auf die ausdrückliche Einwilligung der Teilnehmenden und das Forschungsprivileg nach Artikel 89 DSGVO. Die Daten werden weder an TikTok weitergegeben noch kommerziell verwertet. Stattdessen sollen die anonymisierten Ergebnisse der wissenschaftlichen Community zugänglich gemacht werden. Die Studie soll klären, ob sich die hohen Reichweiten bestimmter politischer Akteure in den Feeds der Nutzer widerspiegeln oder ob diese Inhalte in spezifischen „Filterblasen“ verbleiben, die nur bestimmte politische Lager erreichen.
Offene Fragen: Was die Forschung noch nicht klären kann
Obwohl das Projekt einen umfassenden methodischen Ansatz verfolgt, bleiben einige Aspekte außerhalb des aktuellen Fokus. Der Quelltext lässt offen, wie genau der Algorithmus von TikTok auf spezifische, kurzfristige politische Ereignisse während der heißen Wahlkampfphase reagiert, die über die bloße Reichweitenmessung hinausgehen. Zudem wird nicht beantwortet, inwieweit die Spendenbereitschaft der Nutzerinnen und Nutzer repräsentativ für die gesamte TikTok-Community ist. Da die Teilnahme an der Datenspende eine aktive Entscheidung erfordert, könnte eine Verzerrung der Stichprobe vorliegen, die das Institut in der Auswertung berücksichtigen muss. Auch bleibt unklar, wie TikTok selbst auf diese Form der externen Beobachtung reagiert, da die Daten direkt von den Endgeräten der Nutzer und nicht über offizielle Schnittstellen der Plattform bezogen werden. Die Frage, ob die Ergebnisse der Studie tatsächlich zu einer Veränderung der algorithmischen Transparenz führen könnten, bleibt ebenfalls unbeantwortet, da das Institut lediglich beobachtend und analysierend tätig ist, ohne direkten Einfluss auf die Plattformgestaltung zu nehmen.
Wie es weitergeht: Zeitplan und Analyseziele
Der Zeitplan für das Forschungsprojekt ist eng mit den anstehenden Wahlterminen verknüpft. Nach dem Start der Datenspende-Phase Ende August 2026 ist für Mitte Oktober 2026 eine erste „Blitzauswertung“ geplant, die erste Tendenzen der Datenspenden aufzeigen soll. Die fundierten wissenschaftlichen Analysen der gesammelten Daten sind für das Jahresende 2026 vorgesehen. Ein besonderer Service für die Teilnehmenden ist die individuelle Sofortanalyse ihres eigenen Feeds, die ihnen aufzeigt, welche politischen Akteure ihre persönliche Informationsumgebung prägen. Langfristig ist für das Jahr 2027 eine umfassende wissenschaftliche Publikation geplant, die der Fachwelt zur Verfügung gestellt werden soll. Diese Veröffentlichung soll nicht nur die Ergebnisse der Landtagswahlen 2026 zusammenfassen, sondern auch vergleichende Erkenntnisse zur Bundestagswahl 2025 liefern. Damit schließt sich der Kreis der Untersuchung, die darauf abzielt, die Dynamik politischer Inhalte in sozialen Netzwerken über einen längeren Zeitraum hinweg zu verstehen und die Mechanismen der digitalen Meinungsbildung für die Öffentlichkeit transparent zu machen.