Ein ungewöhnlicher Auftakt auf dem Rosa-Luxemburg-Platz
Direkt vor der monumentalen Fassade der Berliner Volksbühne bietet sich Passanten derzeit ein ungewohntes Bild: Wo sonst urbanes Treiben herrscht, glitzert nun ein türkisblaues Wasserbecken. Mit der Eröffnung eines temporären Freibads, das schlicht als „Volksbad“ bezeichnet wird, setzt der neue Intendant Matthias Lilienthal ein deutliches Zeichen. Das Projekt fungiert nicht nur als sommerliche Attraktion, sondern markiert den inoffiziellen Startschuss für seine Intendanz.
Das Becken, das eine 25-Meter-Bahn umfasst, ist mit einer eigenen Infrastruktur ausgestattet. Neben Umkleidekabinen gehört auch eine Pommesbude zum Ensemble, um das klassische Freibad-Gefühl mitten in Berlin-Mitte zu komplettieren. Die Anlage ist für die Öffentlichkeit zugänglich, wobei der Zugang über ein kostenloses Zeitfenster-System geregelt wird, das über die Website des Theaters buchbar ist.
Mehr als nur eine Plansche: Kritik an der Infrastruktur
Matthias Lilienthal betont, dass es sich bei dem „Volksbad“ keineswegs um eine reine Freizeitbeschäftigung handelt. Vielmehr versteht er das Projekt als einen „Fingerzeig“ auf den Zustand der öffentlichen Infrastruktur in der Hauptstadt. Die Liste der Missstände, auf die Lilienthal verweist, ist lang: Er nennt die Schließung zahlreicher Hallen- und Freibäder, Asbestbelastungen in Schulen sowie die Unzuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs.
Mit der Installation möchte die Volksbühne das Angebot der Berliner Bäderbetriebe symbolisch ergänzen und dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner bei der Bewältigung der infrastrukturellen Herausforderungen unter die Arme greifen. Das Theater versteht das Planschen als eine Form von theatralischem Event und als politische Performance.
Kosten und Finanzierung im Fokus der Debatte
Das Projekt ist mit einem Budget von rund 300.000 Euro veranschlagt, das vollständig aus dem Haushalt des Theaters finanziert wird. Die Kosten gliedern sich in etwa 90.000 Euro für das gemietete Becken sowie rund 210.000 Euro für Personal, Sicherheitsvorkehrungen und die Projektplanung. Nach Angaben des Theaters entsprechen diese Aufwendungen dem Budget einer größeren Theaterproduktion. Die Volksbühne erhält jährlich Zuschüsse von über 20 Millionen Euro.
Die Finanzierung stößt jedoch nicht bei allen auf Zustimmung. Dunja Wolff, SPD-Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus, äußerte sich kritisch zu dem Vorhaben. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen hätte sie sich eine Investition in kleinere Spielstätten, insbesondere im Bereich des Jugendtheaters, gewünscht. Sie plädiert dafür, das Geld eher in die Auslastung der regulären Vorstellungen zu investieren, statt in die Realisierung eines Schwimmbads.
Programm und Ausblick bis Oktober
Das „Volksbad“ dient auch dazu, die Zeit bis zum offiziellen Spielzeitbeginn im Oktober zu überbrücken. Da derzeit umfangreiche Arbeiten an der Obermaschinerie der Volksbühne stattfinden, ist der reguläre Spielbetrieb pausiert. Bis zum Ende der Badesaison im Oktober rechnet das Theater mit bis zu 20.000 Besuchern.
Das Programm umfasst neben dem freien Schwimmen auch strukturierte Angebote wie Kraulkurse und Synchronschwimmen. Auch DJ-Sets sind geplant, um den Platz zu beleben. Nach dem Abbau des Beckens sollen die verwendeten Materialien in zukünftige Inszenierungen einfließen.
Künstlerische Inspiration und zukünftige Impulse
Die Idee für das Wasser-Projekt ist von der Performance-Künstlerin Florentina Holzinger inspiriert. Holzinger, die international für ihre provokanten Inszenierungen bekannt ist – etwa durch die Flutung des österreichischen Pavillons auf der Biennale in Venedig oder ihre Arbeit „Ophelia’s Got Talent“ – hat eine enge Verbindung zur Volksbühne. Sie hat dort bereits mehrere Stücke gezeigt, die sich durch den Einsatz von Wasser und radikale Ästhetik auszeichneten.
Für die Zukunft sind weitere Kooperationen geplant: Holzinger soll 2028 ein neues Stück an der Volksbühne inszenieren. Bereits zum Abschluss des „Volksbad“-Projekts im Oktober ist eine weitere Aktion der Künstlerin angekündigt. Während die Details dazu noch offen sind, bleibt das „Volksbad“ bis dahin ein Ort für Schwimmer und Pommes-Liebhaber.