Was geschehen ist – die Kernmeldung
Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat vier aktuelle Musikveröffentlichungen in einer gemeinsamen Kurzkritik-Übersicht zusammengefasst. Die Bandbreite der besprochenen Alben erstreckt sich dabei über verschiedene Epochen und Genres: von der klassischen Kirchenmusik Joseph Haydns über die Klavierkompositionen des französischen Komponisten Louis Vierne bis hin zu zeitgenössischen Produktionen der Jazz-Sängerin Britta Rex und dem umfangreichen Singer-Songwriter-Projekt des Amerikaners Joseph Arthur. Die Rezensenten Jan Brachmann, Gerald Felber und Rolf Thomas beleuchten dabei die musikalischen Besonderheiten, die künstlerischen Ambitionen und die interpretatorischen Ansätze der jeweiligen Künstler. Die Veröffentlichungen, die unter anderem bei Labels wie harmonia mundi, Musikproduktion Dabringhaus und Grimm sowie Cattitude/Galileo erschienen sind, bieten einen Einblick in die aktuelle Vielfalt des Musikmarktes. Dabei werden sowohl historische Einspielungen mit neuem Fokus als auch aktuelle, teils konzeptionell aufgeladene Projekte gewürdigt. Die Kritiken setzen sich mit den jeweiligen Hintergründen der Musiker auseinander und ordnen die Werke in den Kontext der Musikgeschichte sowie in das bisherige Schaffen der Beteiligten ein.
Die Einzelheiten der Produktionen
Im Zentrum der klassischen Besprechungen steht die Aufnahme der „Harmoniemesse“ von Joseph Haydn durch William Christie und das Ensemble „Les Arts Florissants“, veröffentlicht bei harmonia mundi. Ergänzt wird diese durch die „Kleine Orgelmesse“, die durch eine Besetzung von acht Choristen und vier Streichern besticht. Besonders hervorzuheben ist laut Rezension das „Gloria“, das mit einer Spieldauer von knapp einer Minute als eines der kürzesten der Musikgeschichte gilt. Im Bereich der Klaviermusik widmet sich der Pianist und Organist Michael Schöch dem Werk von Louis Vierne (1870–1937). Auf dem ersten Band der Gesamteinspielung „Piano Works Vol. 1“ (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm) finden sich neben den drei Nocturnes op. 34 auch die „Suite bourguignonne“ op. 17 sowie die „Silhouettes d’enfants“ op. 43. Britta Rex und ihr „Madame Pele Project“ präsentieren das Album „She Who Shapes the Land“ (Cattitude/Galileo), welches an einem einzigen Wochenende aufgenommen wurde. Das Ensemble besteht fast ausschließlich aus Frauen, lediglich der Schlagzeuger Eddie Filipp bildet die männliche Ausnahme. Joseph Arthur hingegen veröffentlicht unter dem Titel „You’re Not a Ghost Anymore“ (Megaforce/H’Art) ein monumentales Projekt, das aus drei separaten Alben mit den Titeln „Faith“, „Heart“ und „Fight“ besteht und insgesamt drei Dutzend neue Songs umfasst.
Hintergrund und Entstehungsgeschichte
Die späten Messen von Joseph Haydn stehen oft im Schatten seiner berühmten Oratorien wie „Die Schöpfung“ oder „Die Jahreszeiten“. Die aktuelle Aufnahme durch William Christie verdeutlicht jedoch, dass diese Kirchenmusikwerke essenzielle Vorläufer für das spätere Schaffen des Komponisten waren. Bei Louis Vierne, dessen Nocturnes als bedeutende Glockengedichte des frühen 20. Jahrhunderts gelten, wird eine Verbindung zu den Werken von Rachmaninow und Ravel gezogen. Michael Schöch, der selbst sowohl Pianist als auch Organist ist, nähert sich diesem Repertoire mit einer spezifischen Artikulationsweise. Britta Rex benannte ihr Projekt nach der hawaiianischen Göttin Madame Pele, die für Blitze, Feuer und Vulkane steht. Ihr Album verfolgt einen explizit emanzipatorischen Anspruch, der den Raum für weibliche Musikerinnen in den Vordergrund stellt. Joseph Arthur, der vor rund drei Jahrzehnten von Peter Gabriel entdeckt wurde, nutzt sein aktuelles Dreifach-Album als Metapher für eine künstlerische und persönliche Wiedergeburt. Er sieht die Veröffentlichung als einen Prozess, in dem der Name und die Stimme des Künstlers nach schwierigen Phasen wieder als intakt wahrgenommen werden können.
Die beteiligten Akteure
Die Rezensionen führen eine Reihe prominenter und aufstrebender Musiker und Ensembles auf. William Christie und sein Ensemble „Les Arts Florissants“ stehen für die historisch informierte Aufführungspraxis. Michael Schöch agiert als Interpret, der die Brücke zwischen Klavier- und Orgelrepertoire schlägt. Britta Rex wird als Braunschweiger Sängerin vorgestellt, die mit ihrem „Madame Pele Project“ eine klare Vision verfolgt. Ihre Mitstreiterinnen und der Schlagzeuger Eddie Filipp bilden das musikalische Fundament. Joseph Arthur wird als amerikanischer Singer-Songwriter und bildender Künstler charakterisiert, der durch seine langjährige Verbindung zu Peter Gabriel bekannt wurde. Die Rezensenten Jan Brachmann, Gerald Felber und Rolf Thomas fungieren als Vermittler, die diese unterschiedlichen künstlerischen Positionen bewerten und in den Diskurs einordnen. Die genannten Institutionen und Labels, darunter harmonia mundi und Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, spielen eine zentrale Rolle bei der Verfügbarmachung dieser Werke für ein breiteres Publikum.
Einordnung der künstlerischen Leistungen
Die Einordnung der Werke erfolgt durch die Kritiker anhand spezifischer ästhetischer Kriterien. Bei Haydn wird die „Glaubensfröhlichkeit“ betont, die Christie durch flotte Tempi erreicht, wobei den Berichten zufolge das Szenisch-Dramatische gelegentlich zugunsten einer „frischen Mobilität“ zurücktritt. Die Musik von Louis Vierne wird als herber und bedrückender als die von Debussy eingestuft, wobei Michael Schöchs Spiel durch scharfe Lautstärkekontraste und eine „Poesie des Derben“ überzeugt. Britta Rex’ Album wird als „schön“ bezeichnet, wobei der emanzipatorische Anspruch der Künstlerin kritisch hinterfragt wird: Die Rezensenten empfinden den Wunsch, Raum einzunehmen, als teilweise im Widerspruch zu der im Album postulierten Idee des Zerbrechens stehend. Joseph Arthur wird für seine „fesselnde tiefe Stimme“ gelobt. Sein künstlerischer Ansatz, der sich als „Liebe zur Gefahr“ definiert, wird als ein spektakuläres Konglomerat beschrieben. Die Kritiker ordnen Arthurs Projekt als eine Form der persönlichen und künstlerischen Rückkehr ein, die durch die Metapher der Wiedergeburt im Titel „You’re Not a Ghost Anymore“ unterstrichen wird.
Offene Fragen und Lücken im Quelltext
Obwohl die Kurzkritiken einen detaillierten Einblick in die jeweiligen Alben geben, bleiben einige Aspekte unbeantwortet. So wird bei der Besprechung von Britta Rex nicht explizit ausgeführt, wie genau der Widerspruch zwischen dem emanzipatorischen Anspruch und der Philosophie des „Was zerbricht, schafft Raum“ musikalisch oder inhaltlich aufgelöst wird. Auch bei Joseph Arthur bleibt unklar, welche spezifischen Ereignisse oder Krisen der Metapher der „Wiedergeburt“ zugrunde liegen, da der Text hier lediglich auf die Liner Notes des Künstlers verweist. Zudem werden bei den Haydn-Messen zwar die „verstörenden Akzentverschiebungen“ erwähnt, eine tiefergehende musiktheoretische Analyse dieser Phänomene findet jedoch nicht statt. Ebenso fehlen Informationen über den genauen Vertriebsweg oder die geplante Tournee-Aktivität der genannten Künstler. Die Texte konzentrieren sich rein auf die auditive Erfahrung und die künstlerische Intention, lassen aber die wirtschaftlichen oder logistischen Rahmenbedingungen der Veröffentlichungen weitgehend aus. Auch die genaue Auswahl der Stücke für die Gesamteinspielung von Vierne wird nur exemplarisch und nicht vollständig dargelegt.
Wie es weitergeht
Konkrete Termine für zukünftige Konzerte oder weitere Veröffentlichungen werden im vorliegenden Text nicht genannt. Dennoch lassen die Rezensionen auf eine kontinuierliche Arbeit der Künstler schließen. Bei Michael Schöch ist die Rede von einer „Gesamteinspielung der Klavierwerke Viernes“, was impliziert, dass nach dem vorliegenden „Vol. 1“ weitere Bände zu erwarten sind. Joseph Arthur hat mit seinem Dreifach-Album ein umfangreiches Werk vorgelegt, das nun in den Handel gelangt ist. Die Rezensionen dienen als erste Orientierung für den Hörer. Ob und wann weitere Projekte von Britta Rex oder William Christie folgen werden, bleibt offen. Die Künstler befinden sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere: Während Schöch ein langfristiges Editionsprojekt verfolgt, markiert Arthur mit seinem aktuellen Release eine Zäsur in seinem Schaffen. Die Rezeption dieser Alben wird nun maßgeblich davon abhängen, wie das Publikum auf die Kombination aus historischer Aufführungspraxis und zeitgenössischem Singer-Songwriter-Ethos reagiert.