Was geschehen ist – die Kernmeldung
Im Herbst 2017 stand der Klett-Cotta Verlag im Zentrum eines Aufruhrs auf der Frankfurter Buchmesse. Anlass war das Erscheinen des Sachbuchs „Mit Rechten reden“, verfasst von Per Leo, Maximilian Steinbeiß und Daniel-Pascal Zorn. Das Werk, das als Leitfaden für das Verständnis rechter Argumentationsmuster konzipiert war, löste unerwartete Reaktionen aus. Während die Autoren versuchten, eine analytische Auseinandersetzung mit autoritären Diskursen zu fördern, kam es am Messesamstag zu einer Eskalation. Ein rechtsaktivistischer Kleinverlag, der ein Gegenbuch unter dem Titel „Mit Linken leben“ publiziert hatte, provozierte eine Konfrontation. Eine Gruppe von Demonstranten, die sich gegen die Präsenz rechter Akteure richtete, geriet mit den Gegenseiten in eine lautstarke Auseinandersetzung. Es kam zu Rangeleien und Handgemengen, die das eigentliche Ziel der Buchpräsentation – die sachliche Aufklärung über rhetorische Strategien – vollständig überschatteten. Die Situation entwickelte sich zu einer Art Live-Performance der gesellschaftlichen Polarisierung, bei der am Ende, so die Einschätzung von Verleger Tom Kraushaar, vor allem die rechten Akteure als Nutznießer hervorgingen.
Die Einzelheiten des Vorfalls
Die Ereignisse auf der Frankfurter Buchmesse 2017 lassen sich als ein Scheitern der intendierten Debattenkultur beschreiben. Tom Kraushaar, der als verlegerischer Geschäftsführer von Klett-Cotta die Verantwortung trug, erinnert sich an die angespannte Atmosphäre. Das Buch „Mit Rechten reden“ wurde von vielen, die es nicht gelesen hatten, fälschlicherweise als eine Aufforderung missverstanden, den Dialog mit Rechtsextremen zu suchen. Am Klett-Cotta-Stand war ein Gespräch mit Rechtsintellektuellen geplant, doch aufgrund der aufgeheizten Stimmung mussten Kamerateams abgewiesen werden, um die Situation nicht weiter anzuheizen. Der rechtsaktivistische Kleinverlag nutzte die mediale Aufmerksamkeit geschickt für eine eigene Inszenierung. Als die linken Demonstranten mit „Nazis raus“-Rufen gegen völkisches Denken protestierten, konterte die Gegenseite mit denselben Rufen, wobei sie sich auf eine vermeintliche Einschränkung der Meinungsfreiheit beriefen. Diese rhetorische Spiegelung führte direkt zu physischen Auseinandersetzungen. Kraushaar betont, dass dieser Vorfall nicht nur das geplante Gespräch beendete, sondern auch den Versuch torpedierte, das Publikum für die subtilen Mechanismen autoritärer Rhetorik zu sensibilisieren.
Hintergrund und bisheriger Verlauf
Die Veröffentlichung von „Mit Rechten reden“ im Jahr 2017 war eine Reaktion auf den erstarkenden rechten Autoritarismus in Deutschland. Der Klett-Cotta Verlag hatte das Ziel, ein Werkzeug an die Hand zu geben, um die Strategien rechter Agitation zu durchschauen. Die Autoren Per Leo, Maximilian Steinbeiß und Daniel-Pascal Zorn wollten eine intellektuelle Basis schaffen, um mit den veränderten politischen Rahmenbedingungen umzugehen. Doch die Buchmesse, die Kraushaar als „größte Versuchsanordnung für die demokratische Öffentlichkeit“ bezeichnet, bot einen Nährboden für Missverständnisse. Die Polarisierung, die sich damals entlud, war bereits ein Vorbote für die gesellschaftlichen Spannungen der Folgejahre. Der Verlag sah sich in einer schwierigen Lage: Man wollte den Erfolg des Buches nutzen, um zur Debatte beizutragen, musste aber gleichzeitig verhindern, dass extreme Kräfte das Podium für ihre Zwecke kapern. Der Eklat von 2017 markierte dabei einen Wendepunkt im Umgang mit der Präsenz rechter Verlage auf der Frankfurter Buchmesse, der auch in späteren Jahren, etwa durch Boykottaufrufe wie jene von Jasmina Kuhnke im Jahr 2021, immer wieder thematisiert wurde.
Die Beteiligten und ihre Rollen
Im Zentrum steht der Verleger Tom Kraushaar, der seit 2007 die Geschäfte bei Klett-Cotta führt und dessen berufliche Wurzeln beim Suhrkamp Verlag liegen. Er agiert hier als reflektierender Beobachter, der den Verlag als Akteur in einem hochpolitisierten Raum sieht. Die Autoren des Buches – Per Leo, Maximilian Steinbeiß und Daniel-Pascal Zorn – lieferten die intellektuelle Grundlage, die jedoch im Getümmel der Messe unterging. Auf der Gegenseite agierte ein rechtsaktivistischer Kleinverlag, dessen Strategie explizit auf Provokation und mediale Sichtbarkeit ausgelegt war. Die demonstrierenden Gruppen, die Kraushaar als „wohlmeinend und naiv“ bezeichnet, trugen durch ihre lautstarke Intervention ungewollt zur Eskalation bei. Zudem erwähnt Kraushaar weitere Akteure der Zeitgeschichte, wie die Journalistin Anna Politkowskaja, deren Ermordung 2006 die Grenzen des politischen Protests aufzeigte, sowie die Autorin Adania Shibli und den Autor Clemens Meyer, deren Auftritte oder Auszeichnungen in den Folgejahren ebenfalls von kontroversen Debatten begleitet wurden. Diese Akteure stehen symbolisch für die ständige Reibung zwischen kultureller Freiheit und politischer Instrumentalisierung.
Einordnung der Ereignisse
Einzuordnen ist das Scheitern auf der Buchmesse 2017 als ein Symptom einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Spaltung. Den Berichten von Tom Kraushaar zufolge zeigt der Vorfall, dass gut gemeinte Aufklärung in einem polarisierten Umfeld schnell ins Gegenteil umschlagen kann. Die „Live-Performance“ der Polarisierung diente den Rechten dazu, sich als Opfer einer angeblichen Zensur zu inszenieren, während die linke Kritik an der völkischen Ideologie in der hitzigen Debatte an Schärfe und Wirkung verlor. Kraushaar bewertet die Buchmesse dennoch als unverzichtbar. Trotz der wiederkehrenden Eklats und der Unfähigkeit, den Aufstieg der AfD durch bloße Publikationen oder Proteste zu verhindern, bleibt die Messe ein zentraler Ort für die Aushandlung demokratischer Werte. Die Ambiguitätstoleranz, die das Buch als Leitmedium verkörpere, sei gerade in Zeiten der Aggression und mangelnden Impulskontrolle – wie sie etwa bei der Debatte um Clemens Meyer 2024 kritisiert wurde – essenziell. Scheitern ist in diesem Kontext, angelehnt an Samuel Beckett, als notwendiger Teil eines Lernprozesses zu verstehen.
Offene Fragen und Lücken
Der Quelltext lässt einige Aspekte der Geschehnisse offen, die für eine vollständige Rekonstruktion hilfreich wären. Es wird nicht konkret benannt, welcher rechtsaktivistische Kleinverlag das Gegenbuch „Mit Linken leben“ präsentierte; der Name bleibt unerwähnt. Ebenso bleibt unklar, welche konkreten Sicherheitsvorkehrungen der Klett-Cotta Verlag im Vorfeld der Messe getroffen hatte, um eine solche Eskalation zu vermeiden, abgesehen von der Entscheidung, Kamerateams vom Stand zu verweisen. Auch die Identität der „wohlmeinenden und naiven“ Demonstranten wird nicht weiter spezifiziert, was eine Einordnung ihrer organisatorischen Hintergründe erschwert. Zudem liefert der Text keine Details darüber, wie die Verlagsleitung nach dem Eklat intern mit den Autoren kommunizierte oder ob es in den Folgejahren zu einer Änderung der Verlagsstrategie bei der Präsentation politisch sensibler Titel auf der Messe kam. Die genauen Auswirkungen auf die Verkaufszahlen oder die öffentliche Wahrnehmung des Verlags direkt nach dem Eklat werden lediglich angedeutet, aber nicht durch Zahlen belegt.
Wie es weitergeht
Für die Zukunft der Frankfurter Buchmesse zieht Kraushaar ein ambivalentes Fazit. Er sieht keine einfachen Lösungen für die Herausforderungen durch politische Radikalisierung. Dennoch plädiert er für ein Festhalten an der Messe als Ort des Austauschs. Die Ankündigung, dass die Messe weiterhin als „Versuchsanordnung“ für die demokratische Öffentlichkeit dienen soll, impliziert, dass man auch zukünftig mit Konflikten rechnet und diese als Teil des demokratischen Prozesses akzeptieren muss. Es gibt keine Anzeichen für einen Rückzug des Verlags aus der öffentlichen Debatte; vielmehr scheint die Haltung zu sein, dass man trotz des Scheiterns im Jahr 2017 weiterhin versuchen muss, „besser zu scheitern“. Die kommenden Buchmessen werden nach Kraushaars Lesart weiterhin Orte bleiben, an denen die Gesellschaft verhandelt, was sie bewegt, auch wenn die Gefahr der Instrumentalisierung durch extreme Ränder stets präsent bleibt. Die Arbeit an der demokratischen Öffentlichkeit ist demnach ein fortlaufender Prozess ohne festes Enddatum.