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Verhaltensscanner in Berlin: Harte Kritik an der KI-Überwachung
Technik · 23.08.2026 11:44

Verhaltensscanner in Berlin: Harte Kritik an der KI-Überwachung

Kurz: In Berlin beginnt die Installation von KI-gestützten Verhaltensscannern am Kottbusser Tor. Das Projekt stößt auf massiven Widerstand aus Politik und Wissenschaf

Der Beginn der automatisierten Überwachung am Kottbusser Tor

Am 23. August 2026 hat in Berlin eine technologische Zäsur begonnen, die den öffentlichen Raum nachhaltig verändern könnte. Mit der Installation der ersten von insgesamt etwa 30 geplanten Videokameras am Kottbusser Tor leitet die Berliner Polizei die Einführung einer automatisierten Verhaltensanalyse ein. Dieses Projekt markiert den Übergang zu einer dauerhaften, algorithmisch gestützten Überwachung, die weit über konventionelle Videoaufzeichnungen hinausgeht. Der Livestream der Kameras wird in Echtzeit von einer speziellen Software ausgewertet, die darauf programmiert ist, spezifische Bewegungsmuster zu identifizieren. Während die Behörden das Projekt als Sicherheitsmaßnahme präsentieren, wächst der Widerstand in der Berliner Stadtgesellschaft. Anwohner, Wissenschaftler und politische Akteure äußern sich besorgt über die weitreichenden Konsequenzen dieser Überwachungstechnologie. Die Installation am Kottbusser Tor soll dabei lediglich den Auftakt bilden; weitere Standorte im Stadtgebiet sind bereits in Planung. Damit etabliert die Polizei ein Instrumentarium, das den öffentlichen Raum unter eine ständige, automatisierte Beobachtung stellt, was von Kritikern als eine fundamentale Veränderung des städtischen Lebensgefühls wahrgenommen wird.

Technische Details und die Funktionsweise der KI-Systeme

Das eingesetzte System basiert auf einer komplexen Software, die das Videobild in abstrakte Datenströme umwandelt. Offiziell wird argumentiert, dass die Privatsphäre geschont werde, da die Personen auf den Aufnahmen in eine Art Strichmännchen-Modell überführt werden, welches lediglich aus bewegten Vektorenbündeln besteht. Die KI analysiert diese abstrakten Muster, um verdächtiges Verhalten zu klassifizieren. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine weitaus invasivere Realität: Das ursprüngliche Videomaterial, auf dem Gesichter und Identitäten klar erkennbar sind, wird standardmäßig für einen Zeitraum von bis zu einem Monat gespeichert. Im Falle einer durch die Software ausgelösten Alarmierung haben Polizeikräfte direkten Zugriff auf diese Aufnahmen. Auf Grundlage des neuen Berliner Polizeigesetzes ist es den Beamten zudem gestattet, Gesichter einzelner Personen aus dem Videomaterial zu extrahieren. Diese Daten können anschließend mit Informationen aus dem Internet abgeglichen werden, um eine Identifizierung der Betroffenen zu ermöglichen. Die Kombination aus automatisierter Verhaltensanalyse und der Möglichkeit zur biometrischen Identifizierung schafft eine neue Qualität der Überwachung, die weit über das hinausgeht, was bisher im öffentlichen Raum Berlins üblich war.

Einordnung der Sicherheitsdebatte und die Rolle der Evidenz

Die Entscheidung für den Einsatz dieser Technologie ist innerhalb der Berliner Politik höchst umstritten. Kritiker führen an, dass die sicherheitspolitischen Entscheidungen des Senats zunehmend von kriminologischer Evidenz entkoppelt seien. Experten wie Vasili Franco, innenpolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, bezeichnen die Pläne als Irrsinn. Er verweist darauf, dass langjährige Studien belegen, dass Videoüberwachung Kriminalität in der Regel nicht wirksam bekämpft, sondern lediglich in andere Bereiche verlagert. Diese Einschätzung wird von der Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann geteilt, die bezweifelt, dass die Kameras die Situation am Kottbusser Tor tatsächlich verbessern können. Einzuordnen ist das so: Die Debatte dreht sich nicht nur um die Wirksamkeit der Technik, sondern auch um die Priorisierung öffentlicher Mittel. Während Millionenbeträge in die technologische Aufrüstung fließen, fehlt es laut Kritikern an Investitionen in die kommunale Infrastruktur und soziale Projekte. Die Sorge ist groß, dass die Überwachung den ohnehin schwierigen sozialen Brennpunkt nicht befriedet, sondern die Probleme lediglich in die angrenzenden Wohngebiete verschiebt, was die Lebensqualität der Anwohner weiter verschlechtern könnte.

Die Perspektive der Betroffenen und juristische Bedenken

Die Auswirkungen auf die Grundrechte der Bürger stehen im Zentrum der juristischen Kritik. Felix Ruppert, ein Experte für Strafrecht und Digitalisierung von der Universität München, warnt eindringlich vor den Folgen. Er ordnet die Verhaltensanalyse nicht als privatsphärenfreundliche Alternative ein, sondern als eine zusätzliche Ebene tiefgreifender Grundrechtseingriffe. Die Betroffenen werden nicht nur permanent erfasst, sondern ihr Verhalten wird kontinuierlich bewertet und kategorisiert. Ruppert betont, dass dies mit dem verfassungsrechtlich verankerten Recht, nicht willkürlich staatlich registriert zu werden und nicht unter ständigem Überwachungsdruck zu stehen, nur schwer vereinbar ist. Auch die politische Opposition, vertreten durch Niklas Schrader von der Fraktion Die Linke, warnt vor einer Überwachungsdichte, der sich niemand mehr entziehen könne. Besonders kritisch wird bewertet, dass die Daten der Bürger genutzt werden, um die KI-Systeme weiter zu trainieren. Dies erzeugt ein Gefühl der Ausgeliefertheit, da die Bürger nicht wissen können, wie und zu welchem Zweck ihre Bewegungsdaten in Zukunft weiterverwendet werden könnten, was das Vertrauen in den Rechtsstaat nachhaltig beschädigen kann.

Offene Fragen zur algorithmischen Willkür

Trotz der massiven Kritik bleiben wesentliche Fragen zur Funktionsweise der Software unbeantwortet. Die Berliner Polizei hält sich bedeckt, wenn es darum geht, nach welchen konkreten Bewegungsmustern die KI eigentlich sucht. Es gibt keine gesetzlich festgelegten Kriterien, die definieren, ab wann ein Verhalten als „verdächtig“ eingestuft wird und einen Alarm auslöst. Kritiker wie Felix Ruppert bemängeln, dass diese Unschärfe den Behörden einen enormen Interpretationsspielraum lässt. Die Polizei könnte die Software je nach Bedarf anpassen, ohne dass eine externe Kontrolle oder eine transparente gesetzliche Grundlage für diese Definitionen existiert. Es bleibt unklar, welche menschlichen Verhaltensweisen als „normal“ und welche als „abnormal“ oder „gefährlich“ in den Algorithmus programmiert wurden. Da diese Kriterien nicht öffentlich einsehbar sind, fehlt es an der notwendigen demokratischen Legitimation für die Überwachungsparameter. Diese Intransparenz verstärkt die Befürchtung, dass die Technologie zu einer diskriminierenden Praxis führen könnte, bei der bestimmte Personengruppen aufgrund ihrer bloßen Bewegungsmuster unter Generalverdacht gestellt werden, ohne dass ein konkreter Anlass für polizeiliches Handeln vorliegt.

Zukünftige Entwicklungen und ausstehende Entscheidungen

Die Installation am Kottbusser Tor ist erst der Anfang einer umfassenderen Strategie. Die Berliner Polizei hat bereits angekündigt, dass weitere Orte in der Stadt folgen sollen, an denen die Verhaltenserkennungs-Software zum Einsatz kommen wird. Über den konkreten Zeitplan für die Ausweitung auf weitere Standorte schweigen sich die Verantwortlichen bisher aus. Ebenso bleibt abzuwarten, wie sich die politische Debatte im Abgeordnetenhaus weiterentwickelt, insbesondere angesichts der scharfen Kritik aus den Reihen der Grünen und der Linken. Die Frage, ob die Millioneninvestitionen in die KI-Überwachung angesichts der Sparzwänge in der sozialen Arbeit Bestand haben werden, bleibt ein zentraler Streitpunkt. Zudem ist offen, ob juristische Klagen gegen die Praxis der Datenspeicherung und die Extraktion von Gesichtsdaten folgen werden. Die Berliner Polizei steht nun vor der Herausforderung, den Betrieb der Anlage zu rechtfertigen, während die zivilgesellschaftliche Debatte über die Grenzen staatlicher Überwachung im digitalen Zeitalter erst an Fahrt gewinnt. Die kommenden Monate werden zeigen, ob das Projekt wie geplant fortgesetzt wird oder ob der öffentliche Druck zu einer Revision der Überwachungspläne führen wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/sonnenuntergang-uber-berlin-mit-der-skulptur-molekulmann-39121263/ · Foto: Ro Berto
Quelle: https://netzpolitik.org/2026/verhaltensscanner-in-berlin-harte-kritik-an-der-ki-ueberwachung/