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Verfassungsschutz sieht kein Zero-Day-Problem durch mehr Befugnisse
Technik · 26.08.2026 16:41

Verfassungsschutz sieht kein Zero-Day-Problem durch mehr Befugnisse

Kurz: Der Verfassungsschutz weist Sorgen zurück, dass neue Befugnisse zur Ausnutzung von Sicherheitslücken führen. Der Bitkom warnt unterdessen vor hohen Cyber-Schäde

Was geschehen ist: Die aktuelle Bedrohungslage für die deutsche Wirtschaft

Die deutsche Wirtschaft sieht sich weiterhin einer massiven Bedrohung im digitalen Raum gegenüber. Wie eine aktuelle Erhebung des Branchenverbandes Bitkom verdeutlicht, bleibt das Schadensausmaß durch Cyberangriffe auf einem besorgniserregenden Niveau. Zwar ist die Zahl der Unternehmen, die von sich aus einen Angriff melden, im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, doch die finanziellen Auswirkungen bleiben gravierend. Der quantifizierbare Schaden für die deutsche Wirtschaft wird auf eine Summe zwischen 211 und 270,8 Milliarden Euro geschätzt. Diese Zahlen basieren auf einer repräsentativen Umfrage unter Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern. Während die Produktionsausfälle im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurückgegangen sind – von 73,3 Milliarden auf 36,5 Milliarden Euro –, bewegen sich die Gesamtkosten weiterhin im unteren dreistelligen Milliardenbereich. Diese Summen umfassen direkte Kosten durch Betriebsausfälle, Lösegeldforderungen bei Ransomware-Attacken sowie Aufwendungen für rechtliche Auseinandersetzungen, Datenschutzmaßnahmen und die Bewältigung von Imageschäden. Die Situation wird durch eine zunehmende Professionalisierung staatlicher Akteure verschärft, die gezielte Kampagnen gegen deutsche Infrastrukturen und Unternehmen führen.

Die Einzelheiten: Zahlen, Akteure und die Einschätzung der Behörden

Bei der Vorstellung der Bitkom-Studie in Berlin betonte Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen die Dringlichkeit der Lage. Die Daten zeigen, dass 37 Prozent der befragten Unternehmen ihre Angreifer staatlichen Akteuren zuordnen können. Dabei entfallen 52 Prozent der genannten Ursprünge auf China, 49 Prozent auf Russland und 9 Prozent auf den Iran. Überraschend ist zudem, dass 27 Prozent der Unternehmen Angriffe aus den USA verorten. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst hob hervor, dass die Kooperation zwischen Behörden und Unternehmen in der Zwischenzeit deutlich etabliert sei. Dennoch bleibt die Abhängigkeit von internationalen, insbesondere US-amerikanischen Anbietern, ein zentrales Thema. Laut Umfrage berichten 59 Prozent der 1003 Befragten von einer Abhängigkeit von US-Sicherheitslösungen. 70 Prozent der Unternehmen sprachen sich für europäische oder deutsche Alternativen aus, wobei in der Praxis oft die Verfügbarkeit und Qualität der US-Hyperscaler den Ausschlag geben. Auch das Thema Ransomware bleibt präsent: 20 Prozent der Unternehmen gaben an, bereits einmal Lösegeld gezahlt zu haben, wobei die Beträge meist zwischen 10.000 und 500.000 Euro lagen.

Hintergrund: Die Entwicklung der digitalen Bedrohung

Die aktuelle Lage ist das Ergebnis einer langfristigen Entwicklung, in der Cyberangriffe zunehmend als Werkzeug staatlicher Machtpolitik eingesetzt werden. Die Angreifer verfolgen dabei eine klare Agenda: Es geht nicht mehr nur um isolierte kriminelle Akteure, sondern um staatlich gelenkte Kampagnen, die darauf abzielen, die Gesellschaften des Westens zu schwächen und zu verunsichern. Das Narrativ der Dysfunktionalität des Staates, der seine Bürger nicht mehr schützen kann, ist dabei ein wesentlicher Bestandteil der Kommunikationsstrategie der Angreifer. Über Jahre hinweg haben sich die Methoden verfeinert. Während früher oft zufällige Angriffe dominierten, sehen sich Unternehmen heute mit hochkomplexen, KI-gestützten Angriffsszenarien konfrontiert. Die Bitkom-Studie zeigt, dass die Aufmerksamkeit der Unternehmensvorstände für IT-Sicherheit zwar vorhanden ist, aber dennoch hinter den notwendigen Investitionen in die Systemhärtung zurückbleibt. Die Abhängigkeit von nichtdeutschen Anbietern, die bereits seit Jahren diskutiert wird, hat sich in der aktuellen Umfrage erneut als strukturelles Problem bestätigt, da viele Unternehmen trotz des Wunsches nach Souveränität aus Kostengründen oder mangelnder Alternativen bei globalen Anbietern bleiben.

Die Beteiligten: Institutionen und Entscheidungsträger

Im Zentrum der aktuellen Debatte stehen das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) unter der Leitung von Sinan Selen sowie der IT-Branchenverband Bitkom, vertreten durch seinen Präsidenten Ralf Wintergerst. Das BfV ist als Nachrichtendienst für die Spionageabwehr und den Sabotageschutz zuständig und nimmt eine zentrale Rolle bei der Warnung der Wirtschaft vor digitalen Gefahren ein. Sinan Selen betont dabei die Notwendigkeit einer aktiven Prävention und einer engen Zusammenarbeit mit internationalen Partnern. Auf der anderen Seite steht die deutsche Wirtschaft, repräsentiert durch die 1003 befragten Unternehmen, die sich in einem Spannungsfeld zwischen technischer Abhängigkeit von ausländischen Anbietern und dem Wunsch nach digitaler Souveränität befinden. Auch die Politik spielt eine entscheidende Rolle, insbesondere durch die geplante Reform des Nachrichtendienstrechts. Diese Reform soll dem BfV und dem Bundesnachrichtendienst (BND) erweiterte Befugnisse einräumen, um auf die veränderte Bedrohungslage reagieren zu können. Die Diskussion um diese Befugnisse wird sowohl innerhalb der Sicherheitsbehörden als auch in der öffentlichen Debatte intensiv geführt.

Einordnung: Die Rolle von KI und die Sicherheitsarchitektur

Einzuordnen ist die aktuelle Situation laut Verfassungsschutzpräsident Selen als eine Phase, in der Künstliche Intelligenz als „Booster“ für die Bedrohungslage fungiert. Deepfakes und automatisierte Robocalls sind nur der Anfang einer Entwicklung, die das Patchmanagement und die Integrität bestehender Systeme vor neue Herausforderungen stellt. Einem Bericht zufolge gab es bereits einen Vorfall, bei dem eine gesamte Angriffskampagne aus China KI-generiert war. Aus Sicht des Verfassungsschutzes ist der Ansatz, lediglich auf Open-Source-Software zu setzen, keine ausreichende Lösung, da auch hier Angriffsvektoren existieren. Stattdessen wird ein „Multi-Layer-Approach“ gefordert. Einzuordnen ist zudem die Debatte um die neuen Befugnisse für Nachrichtendienste: Selen stellt klar, dass es nicht darum gehe, Sicherheitslücken systematisch zu horten, um sie selbst auszunutzen. Dies widerspräche dem Auftrag des Schutzes von Wirtschaft und Gesellschaft. Vielmehr gehe es um fokussierte Maßnahmen, um Angreiferinfrastrukturen zu hemmen oder zu löschen, bevor ein Schaden entsteht. Die Sicherheit darf laut Selen nicht „hinten“ durch offene Türen gefährdet werden, während man „vorne“ den Schutz betont.

Offene Fragen: Was der Quelltext nicht beantwortet

Obwohl der Quelltext detaillierte Einblicke in die Einschätzungen des Verfassungsschutzes und die Bitkom-Studie bietet, bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Text spezifiziert beispielsweise nicht, welche konkreten legislativen Schritte die Reform des Nachrichtendienstrechts im Detail vorsieht oder welche spezifischen rechtlichen Hürden bei der Löschung von Angreiferinfrastrukturen im Ausland bestehen. Auch die Frage, welche konkreten deutschen oder europäischen Software-Alternativen für die befragten Unternehmen in Frage kämen, bleibt offen, da der Text lediglich das allgemeine Problem der Abhängigkeit von US-Hyperscalern benennt. Zudem wird nicht erläutert, wie genau die Behörden die Balance zwischen der notwendigen Geheimhaltung bei der Spionageabwehr und der Transparenz gegenüber der Wirtschaft bei der Meldung von Sicherheitslücken in Zukunft gestalten wollen. Ebenso fehlen weiterführende Informationen dazu, wie die „Härtung der Systeme“ in den Unternehmen konkret subventioniert oder gefördert werden soll, um den Investitionsstau aufzubrechen, den die Bitkom-Studie indirekt andeutet.

Wie es weitergeht: Strategien und notwendige Maßnahmen

Für die Zukunft kündigt das Bundesamt für Verfassungsschutz einen spürbaren Ausbau seiner Fähigkeiten an. Es reicht laut Sinan Selen nicht mehr aus, lediglich reaktiv zu agieren und Unternehmen über Angriffe zu informieren. Die Prävention soll durch das Abwehrzentrum gegen hybride Bedrohungen gestärkt werden. Ein zentraler Punkt bleibt die Zusammenarbeit mit Unternehmen, bei der Warnmeldungen und Informationen zu „Indicators of Compromise“ eine entscheidende Rolle spielen sollen. Unternehmen sind zudem angehalten, ihre Aufmerksamkeit für IT-Sicherheit zu erhöhen und das Patchmanagement zu beschleunigen. Selen plädiert für ein „Zero-Trust“-Modell, das eine herkunftsland-agnostische Herangehensweise bei der Softwarewahl fordert. Die Abhängigkeit von Anbietern müsse bei der Sicherheitsstrategie zwingend berücksichtigt werden, insbesondere im Hinblick auf die langfristige Verfügbarkeit von Support und Software-Updates. Die Entwicklung hin zu einer stärkeren Resilienz und die Etablierung von Sicherheitsstandards als Markenkern deutscher Unternehmen werden als notwendige Schritte angesehen, um der wachsenden Bedrohung durch staatliche Akteure und KI-gestützte Angriffe langfristig begegnen zu können.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/retro-ms-dos-terminal-mit-tastaturbeleuchtung-37657434/ · Foto: Rafael Minguet Delgado
Quelle: https://www.heise.de/news/Verfassungsschutz-sieht-kein-Zero-Day-Problem-durch-mehr-Befugnisse-11426869.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag