News aus aller Welt
Start
Unterwegs in Litauen: Ein Prosit der deutschen Entschlossenheit
Schlagzeilen · 23.07.2026 17:32

Unterwegs in Litauen: Ein Prosit der deutschen Entschlossenheit

Kurz: Die Kurische Nehrung ist ein Ort voller Geschichte und literarischer Bedeutung. Heute prägt die neue deutsche Militärpräsenz das Verhältnis zwischen Litauen und

Ein Ort zwischen den Welten

Die Kurische Nehrung, ein schmaler Landstreifen zwischen der Ostsee und dem Kurischen Haff, ist weit mehr als nur ein touristisches Ziel. Über Generationen hinweg zog die Region deutsche Schriftsteller und Maler an, die in der unberührten Natur und dem besonderen Licht eine Quelle der Inspiration fanden. Heute steht die Halbinsel jedoch auch für eine neue sicherheitspolitische Realität an der NATO-Außengrenze.

Die 98 Kilometer lange Halbinsel ist geografisch zweigeteilt: Der nördliche Teil gehört zu Litauen, während der südliche Teil zur russischen Exklave Kaliningrad – dem ehemaligen Königsberg – zählt. Die Grenze zwischen beiden Gebieten ist heute hermetisch abgeriegelt. Was einst als Raum für kulturellen Austausch zwischen Deutschland, Litauen und Russland gedacht war, ist heute durch die geopolitische Lage und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geprägt.

Die neue deutsche Präsenz

Die Entsendung einer Bundeswehr-Brigade nach Litauen markiert einen historischen Wendepunkt. Es ist der erste dauerhafte Auslandseinsatz der Bundeswehr seit 1945. Während die Entscheidung in Deutschland teilweise kontrovers diskutiert wird, stößt sie in Litauen auf große Dankbarkeit. Der bekannte litauische Journalist Andrius Tapinas rief die Bevölkerung sogar dazu auf, den deutschen Soldaten mit besonderer Gastfreundschaft zu begegnen.

Diese Haltung ist bemerkenswert, wenn man die historische Last bedenkt: Litauen war in beiden Weltkriegen von deutschen Truppen besetzt. Dennoch wird Deutschland heute von vielen Litauern als Garant für Freiheit und Sicherheit wahrgenommen. Auch in Nida, dem einstigen Nidden, ist diese neue Entschlossenheit spürbar. Die Anwesenheit der Soldaten wird in der Region als notwendiges Zeichen des Schutzes für ein freies Europa verstanden.

Thomas Mann und die „Sahara des Nordens“

Nida ist untrennbar mit dem Namen Thomas Mann verbunden. Der Literaturnobelpreisträger verbrachte hier zwischen 1930 und 1932 drei Sommer. Die Landschaft, geprägt von riesigen Wanderdünen, die Mann als „Sahara-Erfahrung“ beschrieb, bot ihm die Kulisse für seinen „Joseph“-Zyklus. Das Sommerhaus der Familie, das heute ein kulturelles Zentrum ist, zeugt von dieser Zeit.

Entgegen mancher Mythen wurde der Bau des Hauses nicht durch das Preisgeld des Nobelpreises finanziert, sondern durch Zuwendungen der Familie seiner Frau Katia. Die Historikerin Ruth Leiserowitz betont, dass die Manns damals finanziell angespannt waren. Das Haus diente der Familie als Rückzugsort, bis die politische Lage in Deutschland den Aufenthalt unmöglich machte. 1933 konnte die Familie nicht mehr anreisen; das Haus wurde später requiriert und in der Sowjetzeit als Soldatenunterkunft genutzt.

Kulturelles Erbe und heutige Realität

Die Kurische Nehrung war einst ein Treffpunkt der Künstlerkolonie, die unter anderem Max Pechstein und Lovis Corinth anzog. Noch heute finden sich in Nida zahlreiche Spuren deutscher Kultur: deutsche Gräber auf dem Friedhof, Inschriften in der evangelischen Kirche und die charakteristische Architektur der Fischerhäuser.

Die Region bleibt ein Ort des Übergangs. Für den Literaturwissenschaftler Bernd M. Kraske liegt die Faszination des Ortes in seiner Topographie: Nidden war damals weder ganz Deutschland noch Russland, sondern ein „Sowohl-als-auch“. Heute, da die Grenze zur russischen Exklave wieder undurchdringlich ist, wirkt dieser Charakter als Ort zwischen den Zeiten und Ländern besonders nach. Die Geschichte der Nehrung, von den glücklichen Sommertagen der Manns bis zur heutigen sicherheitspolitischen Bedeutung, bleibt ein Spiegelbild der wechselvollen europäischen Geschichte.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/charmante-cafestrasse-in-augsburg-bayern-32173345/ · Foto: Birgit Böllinger
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/was-wollte-thomas-mann-auf-der-kurischen-nehrung-201056172.html