Ein Führungswechsel unter politischem Druck
Die ukrainische Armee steht unter neuer Führung. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den bisherigen Oberkommandierenden Oleksandr Syrskyj von seinem Posten entbunden. Dieser Schritt folgte auf tagelange, teils heftige Proteste in der ukrainischen Bevölkerung, die sich ursprünglich an der Absetzung des populären Verteidigungsministers Fedorow entzündet hatten. Laut dem Sicherheitsexperten Nico Lange, Direktor des Instituts für Risikoanalysen und Internationale Sicherheit (IRIS), hat Selenskyj mit dieser Entwicklung einen politischen Fehler begangen, den er als „unforced error“ bezeichnet.
Der Präsident habe die starke Rückendeckung für Fedorow in der Zivilgesellschaft und unter Veteranen unterschätzt. Die Dynamik der Proteste weitete sich rasch aus und führte schließlich zur Forderung nach einer Ablösung Syrskyjs, der nun durch General Mychajlo Drapatyj ersetzt wurde.
Ein tieferliegender Kulturkampf in den Streitkräften
Der Personalwechsel ist laut Lange kein isoliertes Ereignis, sondern Ausdruck eines seit 2014 schwelenden Konflikts innerhalb der ukrainischen Militärstrukturen. Dabei prallen zwei unterschiedliche Philosophien aufeinander:
* **Die moderne, dezentrale Schule:** Diese Gruppe besteht aus jüngeren Kommandeuren und Soldaten, die oft aus der Zivilwirtschaft stammen. Sie zeichnen sich durch hohe Agilität, Eigenständigkeit und eine große Offenheit für technologische Innovationen aus. Sie sind stark mit der Zivilgesellschaft vernetzt.
* **Die postsowjetische Tradition:** Diese Struktur ist durch zentralistische Befehlshierarchien geprägt, in denen Gehorsam eine zentrale Rolle spielt. Kritiker werfen diesem Modell eine geringere Innovationsbereitschaft vor.
Mit der Ernennung von Drapatyj rückt nun ein Vertreter der Modernisierer an die Spitze. Der 42-jährige General gilt als kampferfahren, da er seit 2014 diverse Einheiten befehligt hat. Sein Aufstieg vom Bataillonskommandeur zum Oberkommandierenden wird von Experten als ein Zeichen für eine neue, im Krieg sozialisierte Offiziersgeneration gewertet.
Bilanz der Ära Syrskyj
Trotz der Kritik an seinem Führungsstil, dem teilweise mangelnde Rücksicht auf die eigenen Verluste vorgeworfen wurde, ist die militärische Bilanz von Syrskyj nicht einseitig negativ. Unter seiner Führung konnte die Ukraine nicht nur standhalten, sondern auch strategische Erfolge verbuchen. Dazu gehören die Kursk-Offensive, Angriffe tief auf russisches Territorium sowie Versuche, die Krim logistisch zu isolieren. Lange betont, dass eine objektive Bewertung der Arbeit Syrskyjs schwierig sei, da viele seiner Entscheidungen aufgrund der militärischen Geheimhaltung der Öffentlichkeit verborgen blieben.
Strategische Aussichten: Technologische Überlegenheit gegen postsowjetische Strukturen
Die Erwartungen an die neue Armeespitze sind hoch. Die Ukraine setzt verstärkt auf eine Strategie der „Deep Strikes“, bei der Drohnen und selbst entwickelte Waffensysteme eingesetzt werden, um die russische Infrastruktur – insbesondere die Energieexporte – empfindlich zu treffen. Ziel ist es, den russischen Staatshaushalt unter Druck zu setzen und den Kreml zu einem Waffenstillstand zu bewegen.
Ein entscheidender Faktor im Vergleich zur russischen Führung ist das Alter und die Erfahrung: Während der ukrainische Oberkommandierende Drapatyj zur jüngeren, agilen Generation gehört, steht ihm mit dem russischen Generalstabschef Walerij Gerassimow ein 70-jähriger Vertreter der alten Schule gegenüber. Laut Lange wird dieser Generationswechsel in russischen Expertenkreisen mit großem Respekt beobachtet und als strategischer Nachteil für Moskau gewertet.
Politische Folgen für Selenskyj
Die Entscheidung zur Ablösung Syrskyjs wird von Beobachtern nicht als Ausdruck absoluter Stärke des Präsidenten interpretiert. Vielmehr zeigt sie, dass die ukrainische Zivilgesellschaft trotz des Ausnahmezustands ein hohes Maß an politischer Mitbestimmung einfordert. Selenskyj musste auf den öffentlichen Druck reagieren, was die Frage aufwirft, wie künftige Personalentscheidungen zustande kommen werden. Ob das neue Führungsteam um Drapatyj nun eigenständiger agieren kann oder ob der politische Einfluss des Präsidenten weiterhin dominant bleibt, werden die kommenden Monate zeigen.