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Ukraine und Polen: Wie die Vergangenheit die Nachbarn spalten
Technik · 02.08.2026 15:06

Ukraine und Polen: Wie die Vergangenheit die Nachbarn spalten

Kurz: Ein historischer Streit über Massaker im Zweiten Weltkrieg belastet aktuell das Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine. Wie gehen beide Länder damit um?

Historische Altlasten in der Grenzregion

In der Region Wolhynien, im Dreiländereck zwischen Polen, Belarus und der Ukraine, sind die Spuren des Zweiten Weltkriegs bis heute präsent. Neben den Verbrechen der deutschen Besatzer und der Sowjets kam es dort zu wechselseitigen Massakern zwischen ukrainischen Partisanen und der polnischen Bevölkerung. Diese Ereignisse bilden den Kern eines historischen Konflikts, der die diplomatischen Beziehungen zwischen Warschau und Kiew aktuell erneut belastet.

Die Suche nach den sterblichen Überresten der Opfer ist dabei ein langwieriger Prozess. Ein polnisch-ukrainisches Team, geleitet vom Historiker Leon Popek, durchkämmt das Gelände. Die Arbeit ist gefährlich, da in der Region noch immer Sprengkörper aus dem Krieg vermutet werden, weshalb Minensuchtrupps das Gebiet vorab absichern müssen.

Versöhnung vs. politische Kontroversen

Auf der Ebene der Forscher und Archäologen funktioniert die Zusammenarbeit vor Ort nach Berichten gut. Auch bei Gedenkveranstaltungen, wie etwa in Olyka, setzen Vertreter beider Nationen Zeichen der Versöhnung. Dennoch bleibt die politische Kommunikation hochsensibel. Als der polnische Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz bei einer Zeremonie den Begriff „Małopolska“ (Kleinpolen) für die Region Wolhynien verwendete, löste dies bei vielen Ukrainern Irritationen aus. Der Begriff wird mit einer Ära der Unterdrückung während der Zweiten Polnischen Republik assoziiert.

Die Spannungen verschärften sich, nachdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Militäreinheit nach den „Helden der Ukrainischen Aufständischen Armee“ (UPA) benannt hatte. Die UPA, gegründet 1942, ist eine historisch umstrittene Organisation: Während sie gegen die Sowjetunion und teilweise gegen die Wehrmacht kämpfte, tragen ihre Einheiten eine Mitverantwortung für die Massaker an polnischen Zivilisten in Wolhynien. Als Reaktion auf die Entscheidung Selenskyjs entzog der polnische Präsident Karol Nawrocki ihm den Orden des Weißen Adlers.

Perspektiven auf das Leid

Die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies betont, dass die unterschiedliche Erinnerungskultur an die UPA den Kern der Verstimmung bildet. Während in Polen das Gedenken an die zehntausenden polnischen Opfer der UPA-Massaker im Vordergrund steht, gibt es auf ukrainischer Seite das Gefühl, dass das Leid der Ukrainer durch polnische Vergeltungsaktionen weniger Beachtung findet.

Ein Beispiel für dieses Leid ist das ehemalige Dorf Krasny Sad. Dort wurden 1943 fast alle Bewohner durch polnische Polizisten, die unter dem Befehl der Wehrmacht standen, getötet. Zeitzeugen wie Myroslawa Jakimenko, deren Eltern zu den wenigen Überlebenden zählten, bewahren die Erinnerung an diese Gräueltaten. Solche Berichte verdeutlichen, dass das Trauma der Kriegsjahre auf beiden Seiten tief sitzt.

Aktuelle Herausforderungen für die Diplomatie

Der Geschichtsstreit fällt in eine Zeit, in der die Ukraine im Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg dringend auf die Unterstützung Polens angewiesen ist. Die diplomatische Belastung wird durch Berichte über Gewalt gegen Ukrainer in Polen zusätzlich verschärft. Der polnische Regierungschef Donald Tusk mahnte zuletzt, dass die Solidarität, die Polen zu Beginn des Krieges entgegengebracht wurde, durch diese Vorfälle gefährdet werde.

Die Frage, wie beide Staaten mit ihrer gemeinsamen, schmerzhaften Vergangenheit umgehen, bleibt eine der größten Herausforderungen für die künftige Stabilität ihrer bilateralen Beziehungen. Während die wissenschaftliche Aufarbeitung vor Ort Fortschritte macht, zeigt die politische Ebene, wie schnell historische Narrative die aktuelle Zusammenarbeit überschatten können.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/himmel-wolken-flagge-ukraine-13487040/ · Foto: Galyna Lunina
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-wolhynien-polen-100.html