News aus aller Welt
Start
Ukraine und Polen: Wie alte Massaker die Nachbarn spalten
Technik · 02.08.2026 10:58

Ukraine und Polen: Wie alte Massaker die Nachbarn spalten

Kurz: Ein historischer Konflikt um Massaker im Zweiten Weltkrieg belastet aktuell das Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine. Wie gehen beide Seiten damit um?

Historische Last in Wolhynien

In der Region Wolhynien, im Grenzgebiet zwischen Polen, Belarus und der Ukraine, ist die Geschichte des Zweiten Weltkriegs bis heute tief im Boden verwurzelt. Während Minensuchtrupps das Gelände nach gefährlichen Altlasten durchsuchen, graben Archäologen an anderer Stelle nach einer anderen Art von Vergangenheit: den sterblichen Überresten von Opfern, die vor über acht Jahrzehnten bei Massakern ums Leben kamen. Die Region war während der Nazi-Besatzung Schauplatz schwerster Verbrechen, verübt durch deutsche Besatzer, sowjetische Kräfte sowie durch gegenseitige Übergriffe ukrainischer und polnischer Partisaneneinheiten.

Für den polnischen Historiker Leon Popek, der ein gemeinsames Forschungsteam leitet, ist die Arbeit eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Seine eigenen familiären Wurzeln liegen in dieser Region, in der sein Großvater während der Unruhen vor 83 Jahren starb. Die Suche nach den Toten ist ein mühsamer Prozess, der erst nach der systematischen Räumung von Sprengkörpern und dem vorsichtigen Abtragen der Erdschichten durch Bagger beginnen kann.

Politische Dissonanzen und unterschiedliche Erinnerungskultur

Während die Zusammenarbeit der Forscher vor Ort als konstruktiv beschrieben wird, zeigt sich auf politischer Ebene ein gegensätzliches Bild. Ein Gedenkakt in der ukrainischen Kleinstadt Olyka verdeutlichte die Sensibilität der Thematik. Der polnische Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz sprach bei dieser Gelegenheit von einem „Völkermord in Małopolska“. Die Verwendung des Begriffs „Małopolska“ (Kleinpolen) – eine historische Bezeichnung aus der Zeit der Zweiten Polnischen Republik – löste bei vielen Ukrainern Irritationen aus. Viele verbinden diese Ära mit Unterdrückung und staatlicher Repression.

Der Kern des Konflikts liegt in der unterschiedlichen Bewertung der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA). Diese formierte sich 1942 und kämpfte primär gegen die Sowjetunion sowie teilweise gegen die Wehrmacht. Gleichzeitig sind Einheiten der UPA für die Ermordung zehntausender polnischer Zivilisten in Wolhynien verantwortlich. Die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies betont, dass genau diese Ambivalenz der UPA-Geschichte die heutige Erinnerungskultur belastet.

Eskalation auf diplomatischer Ebene

Die Spannungen erreichten eine neue Stufe, als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Militäreinheit nach den „Helden der UPA“ benannte. Die Reaktion aus Polen fiel drastisch aus: Der polnische Präsident Karol Nawrocki entzog Selenskyj den Orden des Weißen Adlers, die höchste staatliche Auszeichnung Polens. Dieser Schritt markiert einen beispiellosen diplomatischen Bruch in der jüngeren Geschichte beider Staaten.

Auf ukrainischer Seite wächst unterdessen die Sorge, dass die einseitige Fokussierung auf polnische Opfer die historische Realität verzerrt. Es gibt Stimmen, die darauf hinweisen, dass auch ukrainische Opfer polnischer Vergeltungsaktionen in der öffentlichen Wahrnehmung kaum Beachtung finden. Ein Beispiel hierfür ist das ehemalige Dorf Krasny Sad, wo 1943 fast alle Bewohner durch polnische Polizisten im Dienst der Wehrmacht getötet wurden. Zeitzeugenberichte von Überlebenden wie Myroslawa Jakimenko zeugen von dem unermesslichen Leid, das auch ukrainische Familien in dieser Zeit erfuhren.

Ein Konflikt zur Unzeit

Die aktuelle politische Verstimmung fällt in eine Phase, in der die Ukraine im Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg dringend auf die Unterstützung Polens angewiesen ist. Die einstige Solidarität, die zu Beginn des Krieges weltweit Anerkennung fand, steht unter Druck. Polens Regierungschef Donald Tusk äußerte sich bereits besorgt über eine zunehmende Gewalt gegen Ukrainerinnen und Ukrainer im Land. Die historische Aufarbeitung bleibt somit eine komplexe Herausforderung, die nicht nur die Vergangenheit betrifft, sondern die Stabilität der aktuellen nachbarschaftlichen Beziehungen maßgeblich beeinflusst.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/laptop-verbindung-technologie-display-8720267/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-wolhynien-polen-100.html