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Ukraine: Russland legt Internet-Warenlager in Trümmer
Politik · 17.08.2026 16:13

Ukraine: Russland legt Internet-Warenlager in Trümmer

Kurz: Russische Luftangriffe auf ukrainische Logistikzentren verursachen massive wirtschaftliche Schäden und gefährden die Versorgung der Zivilbevölkerung.

Die Eskalation der Logistik-Angriffe

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat eine neue, verheerende Phase erreicht, in der gezielt die zivile Logistik und die Lagerkapazitäten des Landes ins Visier genommen werden. Seit einigen Monaten ist eine deutliche Verschärfung der Strategie zu beobachten, bei der russische Streitkräfte verstärkt ballistische Raketen einsetzen, um die Infrastruktur großer Online-Händler zu zerstören. Diese Entwicklung stellt eine enorme Bedrohung für die ukrainische Wirtschaft dar, da die Verteidigungsmöglichkeiten gegen diese speziellen Waffensysteme stark begrenzt sind. Die Ukraine kann sich gegen die ballistischen Flugkörper kaum noch effektiv zur Wehr setzen, was die Lagerhäuser der betroffenen Unternehmen nahezu schutzlos den Angriffen ausliefert. Dieser gezielte Schlag gegen die wirtschaftliche Lebensader des Landes zielt darauf ab, nicht nur die Unternehmen selbst zu treffen, sondern auch die Versorgung der ukrainischen Bevölkerung massiv zu stören. Die Dimension der Zerstörung hat in den letzten Wochen ein Ausmaß erreicht, das die wirtschaftliche Stabilität des Landes ernsthaft gefährdet und die zivile Infrastruktur in einem Maße belastet, das weit über die bisherigen Kriegseinwirkungen hinausgeht.

Schwere Schäden bei Branchengrößen

Zu den am stärksten betroffenen Akteuren gehört das Unternehmen Rozetka, der führende Online-Händler der Ukraine, der insbesondere im Bereich der Elektronik einen Marktanteil von etwa 50 Prozent hält. Der Mitbegründer des Unternehmens, Wladyslaw Tschetschotkin, berichtete kürzlich, dass das zentrale Lager in der Nähe von Browary bei Kiew innerhalb von nur fünf Tagen dreimal von russischen Raketen getroffen wurde. Der dabei entstandene Schaden wird auf rund sieben Milliarden Hrywnja geschätzt, was etwa 140 Millionen Euro entspricht. Doch nicht nur der Großhändler selbst ist betroffen; über 5.000 kleinere Unternehmen, die ihre Produkte über die Plattform von Rozetka vertreiben, stehen nun vor dem Nichts. Auch das zweitgrößte Unternehmen der Branche, Epizentr, das eine dominierende Stellung im Handel mit Baumaterialien einnimmt, leidet massiv unter der Gewalt. Seit Beginn des vollumfänglichen Krieges im Jahr 2022 wurden bereits zehn Warenhäuser des Unternehmens komplett zerstört. Aktuelle Berechnungen der ukrainischen Ausgabe des Forbes-Magazins beziffern die seit Anfang Juli durch russische Angriffe vernichtete Lagerfläche auf insgesamt 400.000 Quadratmeter, was das enorme Ausmaß der Zerstörung verdeutlicht.

Hintergründe der strategischen Neuausrichtung

Die aktuelle Strategie Russlands, verstärkt ballistische Raketen gegen zivile Lagerhäuser einzusetzen, markiert eine Abkehr von der bisherigen Praxis, bei der vor allem Langstreckendrohnen zum Einsatz kamen. Diese Veränderung ist eng mit der schwindenden Kapazität der ukrainischen Luftverteidigung verknüpft. Insbesondere das US-amerikanische Patriot-System, das als eines der wenigen wirksam gegen ballistische Raketen agieren kann, ist aufgrund der globalen Sicherheitslage und der Konflikte im Nahen Osten weltweit ein knappes Gut. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in diesem Zusammenhang wiederholt bei den USA um zusätzliche Lieferungen gebeten, um die kritische Infrastruktur besser schützen zu können. Die ukrainische Luftwaffe hat sich zuletzt dazu entschieden, keine Abschussquoten für diese Raketentypen mehr zu veröffentlichen, was die schwierige Lage unterstreicht. Die russische Taktik nutzt diese Lücke in der Verteidigung gezielt aus, um durch die Zerstörung von Warenlagern eine wirtschaftliche Destabilisierung herbeizuführen, die den Druck auf die ukrainische Regierung und die Zivilgesellschaft weiter erhöhen soll.

Betroffene Unternehmen und wirtschaftliche Folgen

Die Auswirkungen dieser Angriffe beschränken sich nicht nur auf die großen Konzerne, sondern treffen vor allem kleine und mittelständische Betriebe in ihrer Existenz. Ein Beispiel hierfür ist der Brettspielverlag Igromag, dessen zentrales Lager bei Kiew mit rund 18.000 Spielen vollständig ausbrannte. Alisa Soljanitschenko, die für die Adaption ausländischer Spiele zuständig ist, erklärte, dass das Unternehmen nur durch die Loyalität der Stammkunden überleben konnte, die verbliebene Bestände aus kleineren Lagern aufkauften. Auch die Fozzy Group, Betreiberin der Supermarktkette Silpo, meldete Angriffe auf vier ihrer Verteilungszentren. Die Folgen für die Verbraucher sind bereits deutlich spürbar: Online-Bestellungen verzögern sich massiv, und in den Supermärkten entstehen zunehmend Lücken in den Regalen. Der Mangel an Grundnahrungsmitteln, wie etwa Buchweizengrütze, deutet zudem auf einsetzende Hamsterkäufe hin, da die Bevölkerung angesichts der unsicheren Versorgungslage vorsorgt. Die wirtschaftliche Belastung für die Unternehmen ist immens, und der Prozess der Schadensbewertung dauert bei vielen Firmen noch immer an.

Einordnung der gegenseitigen Angriffe

Einzuordnen ist das Geschehen als eine Eskalation des wirtschaftlichen Zermürbungskrieges, der mittlerweile beide Seiten umfasst. Während Russland ukrainische Lager zerstört, greift die Ukraine gezielt Logistikzentren auf russischem Boden an. Besonders betroffen ist dort das Unternehmen Wildberries, das in Russland eine ähnliche Marktbedeutung wie Amazon in westlichen Ländern hat. Den Berichten zufolge sind etwa 20 Prozent der Lagerkapazitäten von Wildberries durch ukrainische Drohnenangriffe und Marschflugkörper zerstört worden. Die russische "Vereinigung der Lieferanten für den Handel auf Online-Plattformen" beziffert den Schaden auf mindestens 200 Milliarden Rubel, umgerechnet rund 2,06 Milliarden Euro. Diese Zahl ist jedoch vorläufig, da sie den jüngsten Angriff auf das zweitgrößte Wildberries-Lager nahe Moskau vom vergangenen Sonntag noch nicht vollständig berücksichtigt. Die wechselseitigen Zerstörungen verdeutlichen, dass Logistikzentren zu zentralen Zielen im aktuellen Konflikt geworden sind, da sie das Rückgrat der zivilen Versorgung bilden und ihre Zerstörung den Alltag der Bevölkerung unmittelbar beeinträchtigt.

Offene Fragen und kommende Schritte

Der aktuelle Stand wirft zahlreiche Fragen auf, die in den vorliegenden Berichten noch nicht abschließend geklärt sind. So bleibt unklar, wie genau die betroffenen Unternehmen die angekündigten Steuerrückstellungen und günstigen Kredite erhalten sollen, die sie von der Regierung fordern. Ebenso offen ist die Frage, ob die Regierung dem Vorschlag von Rozetka-Mitbegründer Tschetschotkin folgen wird, Unternehmen die Installation eigener Flugabwehrsysteme zu ermöglichen, was eine beispiellose Privatisierung der Luftverteidigung darstellen würde. Auch die langfristige Versorgungssicherheit für die ukrainische Bevölkerung kann derzeit nicht garantiert werden, da die Schäden an den Verteilungszentren die Lieferketten nachhaltig unterbrechen. Die Unternehmen bemühen sich zwar um eine Normalisierung, wie etwa die Fozzy Group, die ihr Angebot in den nächsten zwei Wochen wieder komplettieren will, doch die Bedrohungslage bleibt durch die anhaltenden russischen Raketenangriffe hoch. Die ukrainische Regierung sucht weiterhin den Dialog mit den großen Online-Händlern, um Lösungen für die wirtschaftliche Krise zu finden, doch konkrete Zusagen oder Zeitpläne für staatliche Hilfspakete stehen bisher noch aus.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/madchen-jung-kind-festhalten-11337813/ · Foto: Derek French
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-angriffe-russland-warenlager-100.html