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Ukraine-Krieg: Wie Forensiker den Toten ihre Namen zurückgeben
Politik · 17.08.2026 13:51

Ukraine-Krieg: Wie Forensiker den Toten ihre Namen zurückgeben

Kurz: Forensiker in Dnipro leisten Schwerstarbeit, um ukrainischen Kriegsopfern ihre Namen zurückzugeben und Angehörigen Gewissheit zu verschaffen.

Die unermüdliche Suche nach Identität in der Gerichtsmedizin

In der ukrainischen Stadt Dnipro, die nur rund einhundert Kilometer von den aktiven Frontlinien entfernt liegt, findet täglich eine Arbeit statt, die an die Grenzen des menschlich Erträglichen geht. Ihor Tytartschuk, ein erfahrener Gerichtsmediziner, steht regelmäßig vor der Aufgabe, aus Knochenfragmenten, Schädelteilen oder gar Asche die Identität eines Menschen zu rekonstruieren. In einem aktuellen Fall hält er die Überreste eines jungen Mannes in den Händen, dessen Alter er auf maximal 23 Jahre schätzt. Für Tytartschuk und sein Team ist dies kein Einzelfall, sondern trauriger Alltag in einem Land, das seit dem russischen Großangriff im Februar 2022 in einen beispiellosen Ausnahmezustand versetzt wurde. Die Aufgabe der Forensiker besteht darin, den Toten ihre Namen zurückzugeben und den Familien, die oft monatelang in quälender Ungewissheit leben, eine letzte Gewissheit zu verschaffen. Dabei ist die Arbeit nicht nur fachlich hochkomplex, sondern auch psychisch zermürbend, da der Zustrom an Leichen durch die anhaltenden Kampfhandlungen niemals abreißt. Es gibt in diesem Labor keine Wochenenden, keine Feiertage und keinen Urlaub, da der Krieg selbst keine Pause einlegt und die Zahl der Opfer stetig weiter anwächst.

Die logistischen und medizinischen Herausforderungen der Identifizierung

Die Gerichtsmedizin in Dnipro fungiert als zentrale Anlaufstelle für Opfer aus den umkämpften Gebieten im Osten und Süden der Ukraine. Die physische Verfassung der Körper, die das Institut erreichen, ist oft katastrophal. Selten kommen unversehrte Leichname an; stattdessen dominieren zerfetzte Überreste, einzelne Knochenfragmente oder Brandrückstände das Bild. Einige Verstorbene werden kurz nach ihrem Tod geborgen, andere verbleiben Wochen oder gar Monate auf dem Gefechtsfeld, bevor sie überhaupt gefunden werden können. Wieder andere Überreste werden erst Jahre später im Rahmen von Austauschprogrammen mit Russland in die Ukraine zurückgeführt. Die forensische Arbeit beginnt bei der Dokumentation von Tätowierungen, Narben, Zähnen sowie der Untersuchung von Kleidung und persönlichen Gegenständen. In vielen Fällen ist die DNA-Analyse das letzte verbleibende Mittel zur Identifizierung. Doch auch diese Methode stößt an ihre Grenzen, wenn kein Vergleichsmaterial von Verwandten wie Eltern oder Kindern zur Verfügung steht. Ohne diese Referenzproben bleibt ein erstelltes DNA-Profil zwar in der Datenbank gespeichert, doch der Name des Verstorbenen bleibt ein Geheimnis, das die Forensiker nicht lüften können.

Ein historischer Kontext des Leids und der Vermisstenzahlen

Der russische Großangriff im Februar 2022 hat die Kapazitäten der ukrainischen Gerichtsmedizin vor eine gewaltige und beispiellose Herausforderung gestellt. Allein im vergangenen Jahr konnten nach offiziellen Angaben rund 30.000 Fälle erfolgreich geklärt werden, was die enorme Arbeitsleistung der Spezialisten unterstreicht. Dennoch ist die Zahl der ungeklärten Schicksale weiterhin erschreckend hoch. Nach Daten des ukrainischen Innenministeriums, die auf den Stand vom Juli 2026 aktualisiert wurden, gelten mehr als 114.000 Menschen als vermisst. Unter diesen Vermissten befinden sich sowohl Soldaten als auch Zivilisten. Diese Zahlen verdeutlichen das enorme Ausmaß der humanitären Katastrophe, die weit über das Schlachtfeld hinausreicht und Zehntausende Familien in eine tiefe psychische Krise stürzt. Die Ungewissheit, ob ein geliebter Mensch tatsächlich gefallen ist oder sich in russischer Gefangenschaft befindet, prägt den Alltag dieser Angehörigen. Die Forensik leistet hierbei nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine wichtige gesellschaftliche Arbeit, indem sie versucht, diese Lücke der Ungewissheit durch wissenschaftliche Fakten zu schließen und den Angehörigen einen Abschluss zu ermöglichen.

Die psychologische Belastung für Angehörige und Forensiker

Die Kommunikation mit den Hinterbliebenen stellt eine besondere Herausforderung dar, die von Laborassistentin Wiktorija Haraschtschenko betreut wird. Sie erlebt täglich, wie Angehörige versuchen, die Realität des Todes abzuwehren. Selbst bei starken Indizien für den Tod eines Verwandten klammern sich viele Familien an die Hoffnung, dass der Vermisste noch am Leben und in Gefangenschaft sei. Diese Hoffnung schlägt in der belastenden Situation oft in Wut um, wenn die Forensiker die Überreste offiziell identifizieren. Haraschtschenko berichtet von Vorwürfen der Angehörigen, die die Beschriftung der sterblichen Überreste als falsch oder willkürlich ablehnen, weil sie die bittere Wahrheit nicht akzeptieren können. Auch für das Personal selbst ist die psychische Belastung enorm. Der erfahrene Mediziner Walerij Wjun, der bereits über 70 Jahre alt ist, erinnert sich an die ersten gefallenen Soldaten, die er untersuchte. Ein besonders traumatisches Erlebnis war der Moment, als das Mobiltelefon eines toten Soldaten während der Untersuchung immer wieder klingelte und die Nachricht „Mama ruft an“ auf dem Display erschien. Wjun wusste in diesem Moment, dass die Mutter noch nichts von ihrem Verlust ahnte, was die emotionale Last seiner Arbeit verdeutlicht.

Die ethische Dimension der forensischen Arbeit im Krieg

Die Einordnung der forensischen Arbeit in Dnipro lässt sich als ein Akt der Menschlichkeit unter unmenschlichen Bedingungen beschreiben. Für Ihor Tytartschuk ist die Identifizierung der Toten weit mehr als eine rein kriminalistische oder medizinische Routineaufgabe. Es ist der letzte Akt einer Heimkehr, der den Familien die Möglichkeit gibt, ihre Angehörigen würdevoll zu bestatten. Den Berichten zufolge ist es für die Forensiker ein ethisches Gebot, dass kein Verstorbener als bloße Nummer, als DNA-Profil oder als anonymer Knochensatz in einem Labor zurückbleiben darf. Tytartschuk betont, dass jeder Mensch das Recht hat, nach Hause zurückzukehren. Die Arbeit ist jedoch von einer tiefen Erschütterung geprägt, wenn die Forensiker auf Geburtsjahre wie 2005 oder 2006 stoßen. Diese jungen Menschen, die viel zu früh sterben, führen den Medizinern die Unnatürlichkeit des Krieges vor Augen. Die ständige Konfrontation mit dem Tod zwingt die Forensiker dazu, eine professionelle Distanz zu wahren, die jedoch angesichts des Ausmaßes der Zerstörung und des jungen Alters der Opfer immer wieder brüchig wird.

Unbeantwortete Fragen und Lücken in der Dokumentation

Obwohl die forensische Arbeit in Dnipro akribisch durchgeführt wird, bleiben zahlreiche Fragen offen, die der vorliegende Bericht nicht klären kann. So bleibt unklar, wie genau die logistischen Abläufe der Bergung in den umkämpften Gebieten koordiniert werden, insbesondere wenn die Frontlinien sich verschieben oder Gebiete unter russischer Kontrolle stehen. Auch bleibt offen, welche spezifischen technologischen Hilfsmittel oder internationalen Unterstützungsleistungen den ukrainischen Forensikern zur Verfügung stehen, um die hohe Anzahl an DNA-Analysen in dieser Geschwindigkeit zu bewältigen. Ebenso werden die genauen Protokolle zur Benachrichtigung der Angehörigen nicht im Detail erläutert, außer dass es sich um einen hochsensiblen Prozess handelt. Es bleibt zudem die Frage, wie die langfristige Finanzierung und personelle Ausstattung der forensischen Institute gesichert werden kann, da bereits jetzt ein Mangel an Fachkräften herrscht und erfahrene Mediziner wie Walerij Wjun weit über das Rentenalter hinaus im Dienst bleiben müssen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Ausblick auf die weitere Entwicklung der forensischen Kapazitäten

Die Arbeit der Forensiker in Dnipro wird auch in absehbarer Zukunft ein zentraler Bestandteil der ukrainischen Aufarbeitung des Krieges bleiben. Da die Kampfhandlungen anhalten, ist mit einer weiteren Zunahme der zu identifizierenden Opfer zu rechnen. Die Herausforderung besteht darin, die Kapazitäten für die DNA-Analyse und die Kommunikation mit den Angehörigen trotz der knappen personellen Ressourcen aufrechtzuerhalten. Die Schilderungen von Ihor Tytartschuk und Walerij Wjun machen deutlich, dass die Suche nach den Vermissten eine Aufgabe ist, die weit über das Ende der aktiven Kampfhandlungen hinausreichen wird. Die ukrainischen Behörden stehen vor der Herausforderung, nicht nur die Identifizierung der aktuellen Opfer zu gewährleisten, sondern auch die riesige Datenbank der Vermissten systematisch abzuarbeiten. Die Hoffnung der Forensiker bleibt, dass durch ihre Arbeit zumindest ein Teil der quälenden Ungewissheit für die Familien beendet werden kann, auch wenn dies die Trauer um die Verstorbenen nicht lindern kann. Die Arbeit geht weiter, in dem Wissen, dass jeder identifizierte Tote ein Stück Würde zurückerhält.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/menschen-strasse-banner-menge-11421241/ · Foto: Mathias Reding
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-tote-forensik-100.html