Eine europäische Perspektive auf die Literatur
Die Verleihung des Österreichischen Staatspreises für europäische Literatur an die portugiesische Autorin Lídia Jorge markiert einen Moment der Reflexion über die gemeinsame europäische Identität. In ihrer Dankesrede schlägt sie eine Brücke zwischen der österreichischen Literaturtradition – etwa durch Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ – und der portugiesischen Erzählkunst. Für Jorge ist Europa ein Raum, in dem trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Ängste eine gemeinsame Zugehörigkeit existiert, die sich über nationale Grenzen hinweg definiert.
Portugiesisch: Eine Sprache des Meeres
Lídia Jorge ordnet die portugiesische Literatur in den europäischen Kanon ein, indem sie sie als „Sprache des Meeres“ charakterisiert. Während andere Sprachen durch Berge, Ebenen oder Wälder geprägt seien, speise sich das Portugiesische aus einer historischen Erfahrung der Weite und Diaspora. Dieses Selbstverständnis ist jedoch von einem Paradoxon durchzogen: Die stolze Geschichte der Seefahrt und die geografische Ausdehnung des ehemaligen Imperiums standen oft im krassen Gegensatz zur materiellen Armut der Bevölkerung im Mutterland. Diese Diskrepanz zwischen imperialem Anspruch und der harten Realität des Alltags prägte die Wahrnehmung der Welt bereits in Jorges Kindheit.
Die Erfahrung der Kolonialzeit als literarischer Ursprung
Ihre Zeit in den ehemaligen portugiesischen Kolonien, insbesondere in Angola und Mosambik, wurde für Jorge zum entscheidenden Wendepunkt ihres Schreibens. Als Lehrerin und Beobachterin erlebte sie die Gewalt kriegerischer Auseinandersetzungen aus nächster Nähe. Sie beschreibt ihre damalige Rolle als eine Art „Spionin“, die menschliche Schicksale und Überlebensfabeln sammelte, ohne zunächst zu ahnen, dass diese Erlebnisse das Fundament ihres literarischen Werkes bilden würden.
Besonders prägend waren Begegnungen, die die vermeintliche Trennung zwischen „Zivilisierten“ und „Wilden“ in Frage stellten. In einer Erzählung über Heuschreckenschwärme und das Verhalten von Offizieren reflektiert sie die Absurdität menschlicher Überheblichkeit: Während Soldaten über die Essgewohnheiten der Einheimischen spotteten, bemerkten sie nicht, dass sie selbst in ähnlicher Weise handelten. Für Jorge verdeutlicht dies eine fundamentale Wahrheit: Entweder ist die Menschheit in ihrem Kern gleich, oder die moralische Unterscheidung verliert jegliche Gültigkeit.
Die warnende Kraft der Literatur in der Gegenwart
Ein zentrales Anliegen der Autorin ist die Mahnung, dass Literatur nicht nur Unterhaltung bietet, sondern eine „warnende Kraft“ besitzt. Klassiker wie Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ oder Musils Werk hätten bereits früh aufgezeigt, wie Gesellschaften um Unanständigkeit und Machtmissbrauch herum organisiert werden können. Jorge betont, dass diese literarischen Vorahnungen heute aktueller denn je sind.
Die Autorin warnt davor, die Geschichte als abgeschlossenes Kapitel zu betrachten. Die Gewalt, die sie vor Jahrzehnten in Afrika beobachtete – die Zerstörung von Lebensgrundlagen, das Leid von Kindern und die Vertreibung –, wiederhole sich in der heutigen Welt in neuen Formen. Die Literatur fungiere dabei als Korrektiv, das gegen die „grausame Unvollkommenheit der Welt“ anschreibt. Sie fordert dazu auf, die universelle Menschlichkeit anzuerkennen, anstatt Mauern zu errichten oder Einwanderer auszugrenzen. Die Zukunft, so Jorges Überzeugung, müsse „Hand in Hand“ gestaltet werden, da das Schicksal der Menschen – über alle geografischen Unterschiede hinweg – untrennbar miteinander verbunden bleibt.