Ein Streit um die Jury-Besetzung des Deutschen Buchpreises
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht sich derzeit mit einer kontroversen Debatte um die Zusammensetzung der Jury für den renommierten Deutschen Buchpreis konfrontiert. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Berliner Publizistin Maha El Hissy, die als eines der elf Mitglieder in das Gremium berufen wurde. Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker (CDU) hat öffentlich die Abberufung der Literaturwissenschaftlerin gefordert. Er begründet diesen drastischen Schritt mit dem Vorwurf, dass El Hissy antisemitische Positionen vertrete und israelfeindliche Narrative verbreite. Der Börsenverein, der den Preis über eine Stiftung vergibt, hat diese Forderung jedoch in aller Deutlichkeit zurückgewiesen. Die Verantwortlichen betonen, dass die Entscheidung für die Jurorin auf ihrer fachlichen Qualifikation basiere und man an der aktuellen Besetzung festhalten werde. Die Debatte wirft ein Schlaglicht auf die Kriterien, nach denen Jurymitglieder für bedeutende kulturelle Auszeichnungen ausgewählt werden, und auf die Frage, wo die Grenze zwischen legitimer politischer Kritik und Antisemitismus in der öffentlichen Debatte verläuft.
Die Vorwürfe und die fachliche Verteidigung
Die Kritik von Uwe Becker entzündete sich an einer Essayserie, die Maha El Hissy Mitte Juli veröffentlicht hatte. In diesen Texten thematisierte sie unter anderem die Tötungen palästinensischer Journalisten durch die israelische Armee. Becker wirft der Publizistin in diesem Zusammenhang vor, israelfeindliche Stereotype zu verbreiten. Konkret nannte er Begriffe wie Siedlerkolonialismus, Apartheid, ethnische Säuberung sowie den Vorwurf eines angeblichen Völkermords. Laut Becker sei es ein falsches Signal in einer gesellschaftlich schwierigen Zeit, an einer Person festzuhalten, die solche Positionen vertrete. Er mutmaßte zudem, dass man bei der Berufung von El Hissy deren Haltung zu Israel möglicherweise übersehen habe. Der Vorsteher des Börsenvereins, Sebastian Guggolz, wies diese Vorwürfe gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Montag in Frankfurt zurück. Er betonte, dass El Hissy die Anforderungen an die Rolle in vollem Umfang erfülle. Ihre Auswahl sei das Ergebnis ihrer langjährigen Expertise in der Literaturwissenschaft sowie ihrer fundierten Erfahrung als Mitglied in diversen Preisjurys. Die fachliche Eignung stehe für den Börsenverein im Vordergrund der Entscheidung.
Der Prozess der Jury-Berufung und die Strukturen
Um den Hintergrund der Personalentscheidung zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Auswahlprozesse des Börsenvereins. Die elfköpfige Jury des Deutschen Buchpreises wird nicht direkt vom Vorstand des Börsenvereins bestimmt, sondern durch die sogenannte Akademie Deutscher Buchpreis. Dieses Gremium setzt sich aus Vertretern der Buch- und Medienbranche zusammen. Der Börsenverein begründet dieses zweistufige Verfahren damit, dass auf diese Weise die größtmögliche Unabhängigkeit und Transparenz bei der Vergabe des Preises gewährleistet werden soll. Die Akademie hat die Aufgabe, jährlich eine neue Jury zu wählen, die in mehreren Auswahlstufen den oder die Preisträger ermittelt. Die Berufung der diesjährigen Jury wurde bereits Anfang April offiziell bekannt gegeben. Dass nun, Monate nach der Bekanntgabe, eine solche öffentliche Debatte über ein einzelnes Mitglied entbrennt, stellt eine ungewöhnliche Belastung für den laufenden Auswahlprozess dar. Der Börsenverein betont durch seine Haltung, dass er die Unabhängigkeit dieses Auswahlgremiums gegen politischen Druck von außen verteidigen will.
Einordnung der Debatte
Einzuordnen ist dieser Konflikt als Teil einer breiteren gesellschaftlichen Auseinandersetzung über die Grenzen der Meinungsfreiheit und die Definition von Antisemitismus im Kulturbetrieb. Den Berichten zufolge prallen hier zwei unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Während der Antisemitismusbeauftragte Becker eine klare moralische Grenze zieht und die Verbreitung bestimmter politischer Narrative als inkompatibel mit einer öffentlichen Jury-Tätigkeit ansieht, argumentiert der Börsenverein rein fachlich-professionell. Die Literaturwissenschaftlerin El Hissy wird von der Institution als Expertin wahrgenommen, deren politische Äußerungen in ihren Essays nicht ihre fachliche Eignung für die Bewertung literarischer Werke infrage stellen. Die Kontroverse macht deutlich, wie sensibel das Thema Israel-Kritik in Deutschland behandelt wird und welche Erwartungshaltung an Personen in öffentlichen Ämtern oder Preisjurys gestellt wird. Es zeigt sich zudem, dass die institutionelle Unabhängigkeit, die der Börsenverein für sich beansprucht, in der Praxis zunehmend unter den Druck öffentlicher moralischer Diskurse gerät, was die Arbeit solcher Gremien in der Zukunft vor neue Herausforderungen stellen könnte.
Offene Fragen und der weitere Zeitplan
Der vorliegende Sachverhalt lässt einige Fragen offen, die für die weitere Entwicklung von Bedeutung sein könnten. So bleibt unklar, ob innerhalb der Akademie Deutscher Buchpreis oder unter den anderen Jurymitgliedern bereits eine interne Diskussion über die Vorwürfe gegen El Hissy stattgefunden hat oder ob diese das Gremium spalten könnte. Auch die Frage, ob der Börsenverein seine Auswahlkriterien für zukünftige Jahre aufgrund dieser Debatte anpassen wird, bleibt unbeantwortet. Der Zeitplan für den Deutschen Buchpreis ist derweil fest vorgegeben: Anfang Oktober soll die Jury den Roman des Jahres küren. Bis dahin muss das Gremium seine Arbeit fortsetzen und die Auswahlentscheidung treffen. Ob die öffentliche Kritik an El Hissy Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Preisverleihung oder den Auswahlprozess selbst haben wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Der Börsenverein hat mit seiner klaren Absage an die Forderung Beckers jedenfalls deutlich gemacht, dass er an der bestehenden Besetzung festhält und den Fokus weiterhin auf die literarische Qualität der eingereichten Werke legen will.