Ein Vierteljahrhundert Kultur am Mainufer
Was vor 25 Jahren als bescheidenes Projekt an einer windigen, unbebauten Weseler Werft begann, hat sich zu einem der bedeutendsten Open-Air-Theaterfestivals Deutschlands entwickelt. Die Sommerwerft im Frankfurter Ostend feiert in diesem Jahr ihr Jubiläum und blickt auf eine bemerkenswerte Transformation zurück. Wo früher lediglich Radfahrer vorbeikamen und das Gelände weitgehend ungenutzt war, erwartet das Festival heute bis zu 120.000 Besucher während der 17-tägigen Veranstaltungsdauer.
Die Vision: Kunst für alle
Der künstlerische Leiter Bernhard Bub, der das Festival mitbegründet hat, erinnert sich an die Anfänge, als das Gelände noch keine städtische Infrastruktur aufwies. Die Gründungsidee war und ist bis heute der barrierefreie Zugang zu Kunst. Das Ziel ist es, Theater und Performance aus der sogenannten „Bubble“ zu befreien und für jeden Menschen zugänglich zu machen. Ein entscheidender Wendepunkt für den Erfolg war das Jahr 2008, als die Veranstalter beschlossen, das Festival komplett kostenlos anzubieten. Seitdem verzeichnete die Veranstaltung einen massiven Zuwachs an Zuspruch.
Das Erfolgsmodell: Gemeinschaft und Effizienz
Die Sommerwerft wird gemeinsam vom Antagon Theateraktion und dem Verein Protagon organisiert. Dass ein solches Großereignis ohne Gewinnabsichten existieren kann, liegt an einer besonderen Organisationsstruktur. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs basiert auf dem Engagement zahlreicher freiwilliger Helfer. In Hochzeiten leben und arbeiten bis zu 180 Personen aus der ganzen Welt gemeinsam auf dem Gelände in Frankfurt-Riederwald.
Zudem setzen die Veranstalter auf eine hohe Kosteneffizienz. Durch das Vorhalten eigener Lagerhallen für Veranstaltungstechnik, Bühnenbilder und Requisiten können die Produktionskosten im Vergleich zu anderen Festivals ähnlicher Größenordnung auf etwa 30 bis 35 Prozent reduziert werden. Die Finanzierung setzt sich aus einer Mischung von öffentlichen Fördergeldern der Stadt und des Landes – die etwa zwei Drittel der Kosten decken – sowie privaten Spenden und Stiftungen zusammen.
Das Motto: Der Ozean beginnt in Frankfurt
Passend zum 25. Geburtstag widmet sich das Festival in diesem Jahr einem Element, das zwar direkt vor der Tür liegt, aber erst jetzt zum zentralen Thema erkoren wurde: das Wasser. Unter dem Motto „Der Ozean beginnt in Frankfurt“ beleuchtet das Programm die vielfältigen Facetten von Flüssen und Meeren. Dabei geht es nicht nur um poetische Aspekte wie Unterwassergeräusche, sondern auch um gesellschaftspolitische Themen wie Fluchtrouten über das Mittelmeer, die Migration von Fischen und territoriale Fragen.
Ein besonderes Experiment unterstreicht die thematische Tiefe: Besucher haben die Möglichkeit, gefiltertes Mainwasser zu probieren. Die Künstlerin Barbara Luci Carvalho erklärt, dass hierfür spezielle Filtertechnologien zum Einsatz kommen, die weltweit in Regionen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser genutzt werden. Damit schlägt das Festival eine Brücke zwischen lokaler Verbundenheit und globalen Herausforderungen.
Ein Blick zurück: Von brennenden Schiffen und internationaler Vernetzung
Schon in den frühen Jahren bewies das Festival Mut zu spektakulären Inszenierungen. Bereits 2002 sorgte das polnische Ensemble Teatr Ósmego Dnia mit dem Stück „Arka“ für Aufsehen – einer Performance, bei der ein brennendes Schiff auf Rädern das Mainufer entlangzog. Diese internationale Vernetzung war von Beginn an ein Markenzeichen der Sommerwerft. Auch heute noch bietet das Festival eine Bühne für Produktionen aus aller Welt, die oft ohne Worte auskommen und somit eine universelle Sprache sprechen.
Die Entwicklung von einem belächelten Nischenprojekt zu einem festen Bestandteil der Frankfurter Kulturlandschaft zeigt, wie nachhaltig das Konzept der freien Szene wirken kann. Auch wenn die Finanzierung laut Bernhard Bub ein stetiger Kampf bleibt, ist das Festival heute aus dem Veranstaltungskalender der Stadt nicht mehr wegzudenken. Die diesjährige Ausgabe läuft noch bis zum 9. August an der Weseler Werft.