Ein Jubiläum zwischen Tradition und Moderne
Die Höchster Porzellan Manufaktur in Frankfurt am Main begeht in diesem Jahr ein bedeutendes Jubiläum: Seit nunmehr 280 Jahren existiert die traditionsreiche Stätte, die weit über die Grenzen Hessens hinaus für ihre feinen Erzeugnisse bekannt ist. Was auf den ersten Blick wie ein angestaubtes Kapitel Industriegeschichte wirken mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein lebendiger Ort des Wandels und der kreativen Erneuerung. Am 24. Oktober öffnete die Manufaktur ihre Tore, um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie althergebrachtes Handwerk und zeitgenössische Konzepte von Studierenden heute eine fruchtbare Symbiose eingehen. Der Tag der offenen Manufaktur bot dabei einen tiefen Einblick in eine Welt, in der Kunst, Design und industrielle Produktion nicht mehr als Gegensätze, sondern als sich gegenseitig befruchtende Disziplinen verstanden werden. Besucher konnten an diesem Tag erleben, dass die Manufaktur trotz ihrer langen Geschichte keineswegs in der Vergangenheit verharrt, sondern als innovatives Zentrum für Gestaltung eine neue Bestimmung gefunden hat.
Einblicke in die Historie und das Handwerk
Der künstlerische Leiter der Höchster Porzellan Manufaktur, Steffen Taubhorn, fungierte als Wegweiser durch die 28 Stationen, die eigens für den Tag der offenen Manufaktur eingerichtet wurden. Diese Stationen zeichnen die lange Geschichte der Fabrik nach und präsentieren ausgewählte Exponate, die den Wandel der Zeit verdeutlichen. Ein besonderes Highlight der Ausstellung ist die sogenannte Trembleuse, im Volksmund auch als Zittertasse bekannt. Taubhorn erläutert dazu, dass dieses Objekt ein historisches Relikt aus dem 18. Jahrhundert darstellt. Damals war das Frühstück im Bett eine beliebte Gewohnheit, weshalb eine speziell vertiefte Untertasse notwendig war, um das Verschütten von Tee zu verhindern. Solche Details veranschaulichen die enge Verknüpfung von Porzellankunst und gesellschaftlichem Alltag vergangener Epochen. Die Manufaktur, die im Jahr 1746 durch den Mainzer Kurfürsten Johann Friedrich Karl von Ostein ins Leben gerufen wurde, blickt auf eine bewegte Historie zurück, die nun in einem modernen Kontext neu bewertet wird.
Der Wandel durch Insolvenzen und Neuausrichtung
Die Geschichte der Höchster Porzellan Manufaktur ist nicht frei von wirtschaftlichen Krisen. Steffen Taubhorn, der die Einrichtung als Mitarbeiter seit vielen Jahren kennt, hat in seiner Zeit dort bereits zwei Insolvenzen miterlebt, wobei die letzte im Jahr 2022 einen tiefgreifenden Einschnitt markierte. Um das kulturelle Erbe zu bewahren, entschied sich das Land Hessen im Jahr 2023 dazu, große Teile der Manufaktur zu übernehmen. In der Folge wurde die Einrichtung in die Hochschule für Gestaltung in Offenbach eingegliedert. Diese strategische Neuausrichtung hat den Fokus der Arbeit grundlegend verschoben: Während früher der Verkauf der Porzellanwaren im Vordergrund stand, fungiert die Manufaktur heute primär als ein kulturelles und handwerkliches Zentrum. Die Wissensvermittlung steht im Mittelpunkt, wobei Taubhorn und seine Kollegen ihr wertvolles Know-how im Umgang mit dem sensiblen Material Porzellan an die nächste Generation von Kunst- und Designstudierenden weitergeben, etwa beim Gießen in Gipsformen oder beim Bossieren.
Kreative Prozesse im Ceramic Art Lab
Das Herzstück der heutigen Aktivitäten befindet sich in dem 2.000 Quadratmeter großen Industriegebäude, das in drei unterschiedliche Bereiche gegliedert ist. Im Erdgeschoss ist das sogenannte "Ceramic Art Lab" untergebracht. Hier leitet die aus Finnland stammende Künstlerin Merja Herzog-Hellstén die Studierenden an, den Umgang mit Steinzeug und Porzellan zu erlernen. Ein besonders anschauliches Beispiel für die experimentelle Herangehensweise war an einem verregneten Oktobertag zu beobachten: Zehn Studierende, bekleidet mit Regencapes, bearbeiteten auf dem Hof vor dem Fabrikgebäude riesige Mengen von Porzellan-Modelliermasse mit ihren Füßen. Herzog-Hellstén erklärt, dass es darum gehe, neue Wege der Formgebung zu erproben, indem andere Körperteile als die Hände eingesetzt werden. Unter den Studierenden ist beispielsweise Amelie Paquin, die ein Selbstportrait ihres 14-jährigen Ichs geformt hat. Gemeinsam mit Kommilitoninnen wie Alina Wiche, die Freie Kunst studieren, nutzt sie die Räumlichkeiten, um ihre künstlerischen Visionen zu verwirklichen und sich auf eine berufliche Zukunft in der Kunstwelt vorzubereiten.
Technologische Innovation und künstlerische Freiheit
Ebenfalls im Erdgeschoss befindet sich das Institut für Materialdesign unter der Leitung von Markus Holzbach. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Verbindung von traditionellen Techniken mit modernsten digitalen Fertigungsmethoden. Das Bild in den Werkstätten ist geprägt von einer Mischung aus klassischer Keramik und hochmoderner Technologie: Mehrere 3D-Drucker und ein Roboterarm stehen dort neben neuartigen Design-Objekten. Ein Beispiel für diese innovative Verknüpfung ist das Projekt von Simon Hanke, einem Mitarbeiter des Instituts. Für seine Masterarbeit hat er einen futuristischen Bembel aus Porzellan entworfen, bei dessen Herstellung er sowohl Künstliche Intelligenz als auch einen 3D-Drucker einsetzte. Diese Arbeiten zeigen, dass die Höchster Porzellan Manufaktur heute ein Ort ist, an dem sich alte Produktionstechniken und moderne Design-Ideen nicht ausschließen, sondern gegenseitig ergänzen. Einzuordnen ist das so: Die Manufaktur hat sich von einem reinen Produktionsbetrieb zu einem interdisziplinären Labor entwickelt, das den Erhalt des Handwerks durch technologische und künstlerische Innovation sichert.
Offene Fragen und der Blick in die Zukunft
Trotz der detaillierten Einblicke, die der Tag der offenen Manufaktur bot, bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, wie die langfristige Finanzierung des Standortes nach der Übernahme durch das Land Hessen gesichert ist oder welche konkreten Zielvorgaben die Hochschule für Gestaltung für die kommenden Jahre definiert hat. Auch bleibt offen, ob und in welchem Umfang in Zukunft wieder eine kommerzielle Produktion von Porzellan für den freien Markt angestrebt wird oder ob die Ausrichtung als reines Ausbildungs- und Forschungszentrum dauerhaft festgeschrieben ist. Hinsichtlich der weiteren Schritte bleibt festzuhalten, dass die Manufaktur ihre Türen am 24. Oktober für ein breites Publikum öffnete, um den Dialog zwischen Tradition und Moderne zu fördern. Führungen fanden um 12 und 15 Uhr statt, und auch die Werkstätten der Studierenden waren für Besucher zugänglich. Die Veranstaltung unterstrich eindrucksvoll, dass die Höchster Porzellan Manufaktur auch 280 Jahre nach ihrer Gründung ein lebendiger und relevanter Ort für die kreative Arbeit in Hessen bleibt.