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Smarte Brille RayNeo iO setzt auf Knochenschall und KI-Projektion
Technik · 21.08.2026 09:00

Smarte Brille RayNeo iO setzt auf Knochenschall und KI-Projektion

Kurz: RayNeo stellt mit der iO eine neue smarte Brille vor, die auf Kamera und Lautsprecher verzichtet und stattdessen mit Knochenschall und KI-Projektion arbeitet.

Ein neues Konzept für smarte Brillen

Der Technologiehersteller RayNeo, eine Tochterfirma von TCL, hat kurz vor der diesjährigen IFA ein neues Modell seiner smarten Brillen angekündigt: die RayNeo iO Glasses. Im Gegensatz zu vielen aktuellen Mitbewerbern auf dem Markt, die oft auf eine Kombination aus Kameras und integrierten Lautsprechern setzen, verfolgt RayNeo bei diesem Modell einen deutlich reduzierten Ansatz. Die iO-Brille verzichtet vollständig auf optische Aufnahmegeräte und akustische Wiedergabekomponenten. Stattdessen konzentriert sich das Gerät auf die visuelle Projektion von KI-gestützten Inhalten direkt in das Sichtfeld des Nutzers. Damit positioniert sich RayNeo in einem speziellen Segment der Wearables, das den Fokus eher auf Produktivität und diskrete Unterstützung legt als auf die Erstellung von Inhalten oder den Konsum von Medien. Die Brille ist als visuelles Display konzipiert, das den Anwender im Alltag begleiten soll, ohne dabei durch eine Kamera die Privatsphäre Dritter zu gefährden. Mit diesem Schritt reagiert das Unternehmen auf die wachsende Nachfrage nach KI-Assistenzsystemen, die sich nahtlos in den Arbeitsalltag integrieren lassen, ohne dabei als störendes oder potenziell überwachungskritisches Werkzeug wahrgenommen zu werden.

Technische Details und Display-Technologie

Die RayNeo iO Glasses nutzen die bewährte Waveguide-Displaytechnik, bei der Inhalte auf matte Flächen in den Brillengläsern projiziert werden. Im Gegensatz zum Vorgängermodell X3 Pro, das eine farbige Projektion bot, setzt die iO auf eine grüne Anzeige, ähnlich wie die Modelle Even Realities G1/G2 oder die Rokid Glasses. Entgegen erster Vermutungen, die auf Basis von Produktbildern entstanden waren, handelt es sich nicht um eine einseitige Anzeige, sondern um ein binokulares Display. Die Projektion erreicht eine maximale Helligkeit von etwa 1200 Nits, was eine gute Lesbarkeit bei verschiedenen Lichtverhältnissen ermöglichen soll. Ein entscheidendes Merkmal ist die hohe Transparenz der Gläser von 97 Prozent, wodurch der Nutzer das Umfeld weiterhin ungehindert wahrnehmen kann. Mit einem Gewicht von lediglich 37 Gramm ist das Gerät zudem auf einen hohen Tragekomfort ausgelegt. Die Zertifizierung nach IP65 stellt sicher, dass die Brille vollständig gegen Staub und Strahlwasser aus allen Richtungen geschützt ist, was sie deutlich robuster macht als viele Konkurrenzprodukte, die lediglich einen Schutz gegen Spritzwasser bieten. Die Stromversorgung erfolgt über einen Akku, der laut Hersteller eine Laufzeit von bis zu 48 Stunden ermöglichen soll.

Die KI-Funktionen im Fokus

Das Herzstück der RayNeo iO ist die sogenannte „Ambient AI Productivity Suite“. Diese soll primär bei Besprechungen zum Einsatz kommen, indem sie im Hintergrund mit einem geringen Energieverbrauch läuft, um Gesprächskontexte und Termine zu erfassen. Das System ist darauf ausgelegt, aus den Inhalten der Unterhaltung automatisch Aufgaben zu extrahieren und Vorschläge für Kalendereinträge zu generieren. Eine Besonderheit ist die intuitive Steuerung: Der Nutzer kann diese Vorschläge einfach durch ein Nicken bestätigen, was eine freihändige Bedienung ermöglicht. Weitere Funktionen umfassen einen Teleprompter, der Texte direkt ins Sichtfeld einblendet und dank einer integrierten Spracherkennung automatisch mit dem Sprechtempo des Nutzers mitscrollt. Zudem ist eine Übersetzungsfunktion integriert, die Sprache in Echtzeit in Text umwandelt und dabei 40 verschiedene Sprachen unterstützt. Die Kernfunktionen basieren auf RayNeo AI und Gemini 3.1 Flash Lite. Für Nutzer, die mehr benötigen, bietet eine Begleit-App die Möglichkeit, zwischen verschiedenen KI-Modellen wie ChatGPT 5.1, Gemini 2.5 Pro, Claude oder DeepSeek zu wählen, wobei für diesen erweiterten Dienst ein monatliches Abonnement von 9,99 US-Dollar vorgesehen ist.

Knochenschall statt Lautsprecher

Da die RayNeo iO bewusst auf Lautsprecher verzichtet, können über die Brille weder Podcasts gehört noch Telefonate im klassischen Sinne geführt werden. Dennoch legt der Hersteller großen Wert auf eine präzise Spracherfassung. Um auch in lauten Umgebungen eine einwandfreie Transkription der eigenen Worte sowie der Gesprächspartner zu gewährleisten, ist die Brille mit einem Array aus vier Mikrofonen ausgestattet. Ergänzt wird dieses System durch einen VPU-Knochenleitungssensor. Dieser Sensor erfasst die Schwingungen der Stimmbänder des Trägers direkt am Körper. Durch diese Kombination aus Mikrofonen und dem Knochenschall-Sensor kann das System zuverlässig zwischen der Stimme des Nutzers und Umgebungsgeräuschen unterscheiden. Dieser technische Aufbau unterstreicht den Anspruch des Geräts als reines Produktivitätswerkzeug. Es geht nicht darum, den Nutzer mit Audioinhalten zu beschallen, sondern darum, die Kommunikation und die Informationsverarbeitung effizienter zu gestalten. Die Brille fungiert somit als eine Art diskreter Assistent, der das Gesagte in Text übersetzt oder in Aufgaben umwandelt, ohne den Träger akustisch von seiner Umgebung zu isolieren oder andere durch die Wiedergabe von Audiosignalen zu stören.

Datenschutz und rechtliche Aspekte

Ein zentraler Aspekt bei der Entwicklung der RayNeo iO war der Datenschutz. Da das Gerät ohne Kamera auskommt, entfällt die Sorge vor heimlichen Foto- oder Videoaufnahmen, die bei vielen anderen Smart Glasses ein häufiger Kritikpunkt ist. Dennoch bleibt der Mitschnitt von Gesprächen ein sensibles Thema. In Deutschland ist die Aufzeichnung des nicht öffentlich gesprochenen Wortes ohne die ausdrückliche Einwilligung aller beteiligten Gesprächspartner gemäß § 201 StGB grundsätzlich illegal und strafbar. Um hier Transparenz zu schaffen, hat RayNeo eine fest integrierte LED-Anzeige verbaut. Diese leuchtet auf, sobald die Mikrofone oder die Übersetzungstools der Brille aktiv sind, und signalisiert dem Gegenüber somit den laufenden Mitschnitt. Dieser Ansatz ist ein bewusster Versuch des Herstellers, die rechtlichen und ethischen Bedenken, die mit KI-gestützten Wearables einhergehen, proaktiv zu adressieren. Dennoch bleibt die Verantwortung für die Einhaltung der Privatsphäre beim Nutzer, da die Technik lediglich die technische Möglichkeit für den Mitschnitt bietet, die rechtliche Einordnung der Nutzung jedoch individuell und kontextabhängig bleibt.

Einordnung der Marktpositionierung

Einzuordnen ist das neue Modell von RayNeo als eine Reaktion auf die hohen Preise und die komplexe Technik bisheriger Smart Glasses. Während die RayNeo X3 Pro mit einem Preis von etwa 1600 Euro im Premiumsegment angesiedelt ist, zielt die iO-Serie auf ein breiteres Publikum ab. Zwar hat der Hersteller noch keine offiziellen Preise genannt, doch Branchenbeobachter halten einen Preisbereich zwischen 600 und 700 Euro für realistisch. Damit positioniert sich die Brille in einem kompetitiven Umfeld, in dem Nutzer zunehmend nach praktischen KI-Lösungen suchen, die nicht durch unnötige Funktionen wie Kameras überladen sind. Die Entscheidung, auf eine grüne Anzeige zu setzen, anstatt auf die aufwendige Farbdarstellung der X3 Pro, verdeutlicht das Ziel, die Kosten zu senken und die Effizienz zu steigern. Den Berichten zufolge ist die Brille vor allem für professionelle Anwender interessant, die in Meetings oder bei der Arbeit von einer automatischen Protokollierung und Übersetzung profitieren möchten, ohne dabei ein Gerät mit Kamera tragen zu müssen, das in vielen Büroumgebungen oder bei sensiblen Gesprächen als störend empfunden werden könnte.

Offene Fragen und Unsicherheiten

Trotz der detaillierten Ankündigung bleiben einige wesentliche Fragen unbeantwortet. So hat RayNeo bisher keine konkreten Angaben zum Verkaufspreis der iO Glasses gemacht. Auch der genaue Funktionsumfang der „Kernfunktionen“, die ohne das zusätzliche Abonnement nutzbar sind, ist noch unklar. Es ist derzeit nicht absehbar, ab welchem Punkt die kostenlose KI-Unterstützung an ihre Grenzen stößt und das kostenpflichtige Multi-Model-AI-Abonnement zwingend erforderlich wird. Ebenso gibt es noch keine Informationen zu einem im Pressematerial gezeigten „Charging Clip“, dessen genaue Funktion und Verfügbarkeit bisher nicht erläutert wurden. Auch die langfristige Update-Politik für die verschiedenen KI-Modelle, die in der Begleit-App zur Auswahl stehen, bleibt ein Punkt, der für potenzielle Käufer von Interesse sein dürfte. Da die Brille auf eine ständige Internetverbindung für die KI-Verarbeitung angewiesen ist, stellt sich zudem die Frage nach der Latenz und der Zuverlässigkeit der Dienste in verschiedenen Regionen. Diese Lücken in der Informationslage lassen derzeit noch keinen abschließenden Schluss über das tatsächliche Preis-Leistungs-Verhältnis zu.

Ausblick auf die weitere Entwicklung

Die Ankündigung der RayNeo iO erfolgt unmittelbar vor der IFA, was darauf hindeutet, dass das Unternehmen das Gerät dort einem breiteren Publikum präsentieren wird. Es ist davon auszugehen, dass im Rahmen der Messe weitere Details zur Verfügbarkeit, zu den konkreten Preisen und möglicherweise auch zu den technischen Spezifikationen des Charging Clips bekannt gegeben werden. Die Branche beobachtet gespannt, wie der Markt auf dieses reduzierte Konzept reagiert. Sollte die iO-Brille die versprochene Akkulaufzeit von 48 Stunden im Alltag tatsächlich erreichen und die Spracherkennung in lauten Umgebungen wie versprochen funktionieren, könnte sie eine ernsthafte Alternative für Anwender darstellen, die KI-Unterstützung suchen, ohne auf die Privatsphäre-kritischen Funktionen anderer Smart Glasses angewiesen zu sein. Die nächsten Schritte für RayNeo werden darin bestehen, die Software-Integration der verschiedenen KI-Modelle in der App zu finalisieren und die Markteinführung vorzubereiten. Potenzielle Kunden sollten die kommenden Wochen abwarten, in denen mit weiteren Informationen zur finalen Konfiguration und den genauen Kostenmodellen zu rechnen ist.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/sonnenbrille-brillen-kabellos-computer-tastatur-8964673/ · Foto: Antonio Friedemann
Quelle: https://www.heise.de/news/Smarte-Brille-RayNeo-iO-setzt-auf-Knochenschall-und-KI-Projektion-11414402.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag