Einblicke in das Schaffen eines Farbmagiers
Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden präsentiert aktuell eine bedeutende Werkschau des Künstlers Simon Hantaï unter dem Titel „Entfaltung der Farbe“. Die Ausstellung bietet einen tiefen Einblick in das Werk eines Mannes, der als eine der Schlüsselfiguren der Nachkriegsabstraktion gilt. Hantaï, der den surrealistischen Automatismus mit der Gestik des Abstrakten Expressionismus verband, wird hier in einer chronologischen Abfolge gewürdigt, die vier Jahrzehnte seines Schaffens umfasst. Die Schau verzichtet dabei bewusst auf das frühe figurative Werk sowie auf die späten Arbeiten der sogenannten „Laissée“-Phase nach 1982. Besucher können in den transparenten Räumen des Richard-Meier-Baus rund vierzig ausgewählte Arbeiten betrachten, die den Werdegang eines Künstlers nachzeichnen, der sich zeitlebens gegen die Mechanismen des Kunstbetriebs auflehnte. Die Ausstellung ist eine seltene Gelegenheit, Hantaïs Werk in Deutschland zu erleben, da die letzte große Werkschau in einem deutschen Museum bereits ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Die Präsentation setzt auf eine durchgehend weiße Architektur, die den Fokus vollständig auf die komplexen, oft großformatigen Leinwände lenkt und den Besucher dazu einlädt, die Entwicklung von der gestischen Abstraktion hin zu den berühmten Faltbildern nachzuvollziehen.
Die Technik hinter den Falten
Im Zentrum der Ausstellung stehen die sogenannten „Pliages“, jene legendäre Falttechnik, mit der Simon Hantaï seinen künstlerischen Durchbruch erzielte. Der Prozess hinter diesen Werken ist ebenso faszinierend wie methodisch: Hantaï nutzte die Leinwand als textiles Material, das er auf dem Atelierboden ausbreitete, zusammenknüllte oder verschnürte. Erst nach dieser physischen Manipulation trug er Farbe auf die hervorstehenden Partien auf. Nach dem Entfalten und Glätten der Leinwände sowie dem abschließenden Spannen auf Keilrahmen offenbarten sich Muster weißer Flächen, die an geologische Formationen oder kristalline Strukturen erinnern. Diese Werke, wie etwa die „Mariales“, beziehen sich auf die Faltenwürfe von Mariengewändern, die Hantaï während seiner Reise von Ungarn nach Italien auf Fresken von Meistern wie Giotto oder Piero della Francesca studierte. Die „Blancs“ von 1974 verdeutlichen diese Methode eindrucksvoll. Die Ausstellung zeigt zudem die „Catamurons“, die durch das Aussparen weißer Ränder bestechen, sowie die „Panses“, deren ovale Formen an zellartige Gebilde erinnern. Die monumentalen „Tabulas“ im letzten Raum, bei denen Hantaï erstmals Acrylfarben verwendete, bilden den krönenden Abschluss dieser Auseinandersetzung mit Raster und Form.
Ein Leben zwischen Exil und künstlerischer Suche
Simon Hantaï wurde 1922 in der ländlichen Umgebung von Biatorbágy bei Budapest geboren. Sein Vater, der einer schwäbischen Familie entstammte, änderte den Familiennamen Handel als Reaktion auf die deutsche Aggression während des Zweiten Weltkriegs. Hantaïs Kindheit war von einer schweren Diphtherieerkrankung geprägt, die zu einer vorübergehenden Erblindung führte – eine Erfahrung, die er später als prägend für seine auf Zufall basierende Faltmethode beschrieb. 1943 engagierte er sich als Vorsitzender der Studentenvertretung an der Ungarischen Akademie der Bildenden Künste in Budapest. Nach dem Krieg floh er gemeinsam mit seiner Frau Zsuzsa, einer Holocaust-Überlebenden und Kommilitonin, vor dem aufkommenden Stalinismus nach Paris. In der französischen Hauptstadt fand er schnell Anschluss an die Avantgarde-Zirkel, geriet jedoch aufgrund seines Individualismus und seiner Hinwendung zum katholischen Glauben in Konflikt mit dem Surrealisten André Breton. Hantaï, der stets betonte, am Rande der Gesellschaft gelebt und gearbeitet zu haben, blieb ein Einzelgänger, der sich von dogmatischen Gruppenbildungen distanzierte und schließlich 1982, nach seiner Teilnahme an der Biennale von Venedig, den Kunstbetrieb vollständig verließ.
Theoretische Einbettung und philosophischer Dialog
Ein besonderes Merkmal von Hantaïs Wirken war sein enger Austausch mit bedeutenden französischen Philosophen seiner Zeit. Er korrespondierte intensiv mit Denkern wie Jean-Luc Nancy, Jacques Derrida, Roland Barthes und Gilles Deleuze. Letzterer erwähnte Hantaï sogar in seinem Werk „Le Pli. Leibniz et le Baroque“ im Kontext der Unendlichkeit. Bereits Ende der fünfziger Jahre integrierte Hantaï intellektuelle Inhalte direkt in seine Arbeit, indem er Texte von Hegel, Heidegger oder Goethe in seinem Werk „Écriture rose“ unmittelbar auf die Leinwand übertrug. Die Ausstellung in Baden-Baden beleuchtet diese Verbindung, auch wenn sie laut Berichten eher ästhetische Schaußerliche Schauwerte betont als neue theoretische Thesen zu wagen. Dennoch ist der intellektuelle Überbau für das Verständnis von Hantaïs Werk unerlässlich. Der Briefwechsel mit Nancy unter dem Titel „Jamais le mot créateur“ unterstreicht, dass Hantaï nicht nur als Maler, sondern als ein Künstler verstanden werden muss, der seine Arbeit als Teil eines größeren philosophischen Diskurses begriff, auch wenn er sich selbst zunehmend der Sichtbarkeit entzog.
Biografische Spuren im Werk
Ein besonders berührender Moment der Ausstellung ist die Konfrontation mit einem persönlichen Artefakt: der schwarzen Schürze von Hantaïs Mutter. Das Kleidungsstück weist ein Raster aus Rechtecken auf, das Hantaï als Junge akribisch glattbügeln und zusammenlegen musste. Dieser biographische Verweis ist der Schlüssel zum Verständnis seiner späteren Arbeitsweise, in der das Falten und Strukturieren der Leinwand eine zentrale Rolle einnimmt. Es schlägt eine Brücke zwischen der häuslichen Pflicht der Kindheit und der künstlerischen Methode der Reife. Dass dieser Aspekt erst durch die Hintertür des Katalogs in die Ausstellung Eingang findet, wird als eine der Lücken der Schau wahrgenommen. Dennoch bietet dieser Einblick eine menschliche Dimension, die das oft hochtheoretische Werk des „Malers der Philosophen“ erdet. Die Ausstellung macht deutlich, dass Hantaïs Falttechnik nicht nur ein rein ästhetisches Experiment war, sondern tief in seiner eigenen Lebensgeschichte verwurzelt ist, die von Flucht, Exil und der Suche nach einer eigenen Identität geprägt war.
Einordnung der künstlerischen Haltung
Den Berichten zufolge ist Hantaïs Rückzug aus dem Kunstbetrieb im Jahr 1982 als konsequente Entscheidung zu werten. Er lehnte nicht nur die zunehmende finanzielle Spekulation ab, die den Kunstmarkt dominierte, sondern sah seinen Erfolg auch im Widerspruch zu seinem Bestreben, als Künstler zu verschwinden. Hantaï inszenierte sich in seinem Atelier in Meun bewusst nicht als heroisches Genie, sondern als eine Art „Fabrikarbeiter der Malerei“. Die Fotografien von Édouard Boubat aus dem Jahr 1976 zeigen ihn in einer Haltung, die jede Pose vermissen lässt; er wirkt abwesend, fast unbeteiligt an der Kamera. Einzuordnen ist dies als bewusste Entmachtung des Künstlers zugunsten der Eigendynamik des Materials. Dass die Ausstellung in Baden-Baden den Fokus nun stark auf die farblichen Qualitäten legt, könnte man im Sinne von Hantaïs programmatischem Rückzug kritisch hinterfragen, doch für den Besucher bietet die Schau dennoch eine wertvolle Gelegenheit, die ästhetische Kraft seiner „Pliages“ in einem ruhigen, musealen Kontext zu erfahren.
Offene Fragen und Lücken der Ausstellung
Trotz der beeindruckenden Auswahl an Werken bleiben einige Aspekte des Schaffens von Simon Hantaï in der Ausstellung unterbelichtet. Während der Fokus auf den „Pliages“ und den verschiedenen Serien wie den „Meuns“ oder „Tabulas“ liegt, vermisst man eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem theoretischen Überbau, der Hantaï zu Lebzeiten so wichtig war. Die Kompassnadel der Ausstellung wird, wie Kritiker anmerken, mangels gewagter Thesen nicht neu ausgerichtet. Auch die Verbindung zwischen seiner katholischen Glaubenspraxis, die ihn einst aus dem Kreis der Surrealisten ausschloss, und der sakralen Bildtradition seiner frühen Faltbilder bleibt eher oberflächlich behandelt. Es stellt sich die Frage, warum die theoretische Aufladung seines Werks, die ihn in Frankreich als „Maler der Philosophen“ bekannt machte, in der Ausstellungsarchitektur nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Schau konzentriert sich primär auf die visuelle Wirkung der Farben und Formen, lässt dabei aber die philosophische Tiefe, die seine Arbeit erst in ihrer Gänze verständlich macht, weitgehend außen vor.
Ausblick und Informationen für Besucher
Die Werkschau „Entfaltung der Farbe“ im Museum Frieder Burda in Baden-Baden ist noch bis zum 10. Januar für die Öffentlichkeit zugänglich. Interessierte Besucher haben bis zu diesem Datum die Möglichkeit, die vier Jahrzehnte umfassende Entwicklung von Simon Hantaï zu studieren. Der begleitende Katalog, der für 39 Euro erhältlich ist, bietet weiterführende Informationen und vertieft die biographischen sowie theoretischen Hintergründe, die in der Ausstellung selbst nur in Ansätzen thematisiert werden. Da die letzte große Retrospektive in Deutschland bereits 25 Jahre zurückliegt, stellt diese Ausstellung eine seltene Gelegenheit dar, das Werk eines Künstlers zu würdigen, der sich zeitlebens der Vereinnahmung durch den Kunstmarkt entzog. Die Ausstellung bietet trotz der kritisierten fehlenden theoretischen Wagnisse eine hohe ästhetische Qualität, die durch die Lichtverhältnisse im Richard-Meier-Bau optimal zur Geltung kommt. Ein Besuch empfiehlt sich für all jene, die sich auf die meditative und zugleich komplexe Bildwelt Hantaïs einlassen möchten, deren Ursprung in der einfachen Geste des Faltens liegt.