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„Schlacht um Algier“: Der Spaghetti-Western des Antikolonialismus
Kultur · 02.08.2026 20:40

„Schlacht um Algier“: Der Spaghetti-Western des Antikolonialismus

Kurz: Vor 60 Jahren gewann „Die Schlacht um Algier“ den Goldenen Löwen. Ein Rückblick auf ein Werk, das zwischen antikolonialem Mythos und politischem Lehrstück oszil

Ein filmisches Denkmal der Dekolonisation

Im Kinojahr 1966 setzte Gillo Pontecorvos „Die Schlacht um Algier“ neue Maßstäbe. Der Film, der bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, gilt bis heute als eines der einflussreichsten Werke über den antikolonialen Befreiungskampf. Während Sergio Leones zeitgleich erschienener Spaghetti-Western „Zwei glorreiche Halunken“ die Ikonographie des Wilden Westens in ein Universum aus Staub und Gier verwandelte, wählte Pontecorvo einen anderen Weg: Er stilisierte den algerischen Unabhängigkeitskrieg zu einem politischen Mythos.

Die akustische Ebene spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Filmmusik von Ennio Morricone, der auch für Leones Western verantwortlich zeichnete, verleiht dem Geschehen einen pulsierenden Rhythmus. Trommeln und Marschklänge begleiten die Bilder nicht nur, sie wirken mobilisierend und treiben die Erzählung voran.

Zwischen Dokumentation und Staatslegende

Der Film konzentriert sich auf die urbane Kriegsführung in der Kasbah von Algier im Jahr 1957. Er zeigt den Konflikt zwischen der Nationalen Befreiungsfront (FLN) und den französischen Fallschirmjägern. Die Inszenierung, die stark vom Neorealismus geprägt ist, nutzt Laiendarsteller und Handkameras, was dem Werk eine dokumentarische Anmutung verleiht. Dabei ist der Film selbst ein Produkt der Geschichte: Er entstand 1965 mit Unterstützung der jungen algerischen Regierung und unter aktiver Beteiligung von Yacef Saadi, einem ehemaligen FLN-Kommandeur, der sich im Film selbst spielt. Diese Zusammenarbeit verlieh dem Werk von Beginn an den Charakter einer staatlich legitimierten Rekonstruktion.

Ein Handbuch für beide Seiten

Die Wirkung des Films ist paradox. Einerseits wurde er für die antikoloniale Linke weltweit – von den Black Panthers in den USA bis zu revolutionären Gruppen in Lateinamerika – zu einer Art ästhetischem Handbuch für den urbanen Guerillakampf. Andererseits erkannten Militärs und Geheimdienstspezialisten das Potenzial des Films als visuelles Trainingsprogramm für die Aufstandsbekämpfung. Noch Jahrzehnte später, etwa um 2003, wurde der Film im Pentagon genutzt, um Strategien für die „Battles for the Hearts and Minds“ in Konfliktgebieten zu analysieren.

Die Figur des französischen Oberst Mathieu, gespielt vom einzigen Profischauspieler Jean Martin, verkörpert diese analytische Kälte. Er agiert als Stratege, der die Gewalt als Systemtechnik begreift. Der Film verdeutlicht dabei, wie der Einsatz massiver Gewaltmittel zwar zu technischen Siegen führen kann, jedoch strategisch in die Niederlage und den Verlust jeglicher Legitimität mündet.

Die Grenzen der Darstellung

Trotz seiner filmischen Wucht weist das Werk aus heutiger Sicht analytische Schwächen auf. Die komplexe Realität des Algerienkriegs wird auf eine Schwarz-Weiß-Dramaturgie reduziert: Hier die koloniale Unterdrückung, dort der Befreiungskampf. Interne Konflikte innerhalb der algerischen Bewegung, die Rolle von Berbern oder Juden sowie die Vielschichtigkeit der französischen Gesellschaft werden weitgehend ausgeblendet.

Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud kritisierte das Werk jüngst als eine Art „Potemkinsches Dorf“. Während Pontecorvo eine glänzende Revolutionsfassade errichtete, fand in der Realität des Jahres 1965 ein Militärputsch statt, der die Ideale der Revolution bereits in Frage stellte. Der Film zeigt die Geburt einer Nation aus der Gewalt, lässt jedoch offen, welche Auswirkungen diese Gewalt auf die spätere Entwicklung des Landes hatte.

Historische Einordnung

Die Rezeptionsgeschichte von „Die Schlacht um Algier“ ist von einer ständigen Neuinterpretation geprägt. Während der Film ursprünglich als Aufruf zum Widerstand verstanden wurde, dient er heute oft als historisches Dokument, das kritisch hinterfragt werden muss. Die Herausforderung für das heutige Publikum besteht darin, die ästhetische Kraft des Kunstwerks von der historischen Realität zu trennen. Die Faszination für das Werk bleibt ungebrochen, doch die kritische Distanz zu seiner mythologisierenden Erzählweise ist für ein tieferes Verständnis der postkolonialen Geschichte unerlässlich.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/innere-interior-museum-korridor-19402434/ · Foto: Thanh Luu
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/schlacht-um-algier-antikolonialer-kultfilm-neu-bewertet-201011900.html