Ein unerwarteter Abschied nach fast vier Jahrzehnten
In der katholischen Kirchengemeinde Sankt Ursula in Oberursel und der benachbarten Gemeinde Steinbach herrscht derzeit große Bewegung, nachdem eine Nachricht die Gläubigen erreichte, die so wohl nur wenige erwartet hatten. Der langjährige Pfarrer Andreas Unfried, der über 37 Jahre hinweg das geistliche Leben in der Region maßgeblich mitgestaltet hat, hat sein Amt mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Die offizielle Bekanntgabe erfolgte am Sonntagabend in der Liebfrauenkirche, wo eigentlich ein Gottesdienst unter seiner Leitung hätte stattfinden sollen. Statt des Geistlichen trat jedoch Diakon Mathias Wolf vor die versammelte Gemeinde und verlas eine Mitteilung, die den Verzicht auf das Pfarramt verkündete. Was für die anwesenden Gläubigen in der Kirche wie ein plötzlicher Paukenschlag wirkte, war für den Pfarrer selbst das Ergebnis eines langen inneren Prozesses, den er bereits am Wochenende zuvor in einem offenen Brief auf der Homepage der Pfarrei öffentlich gemacht hatte. Der Kern der Nachricht ist so persönlich wie konsequent: Pfarrer Unfried hat sich dazu entschieden, seine langjährige, bisher im Verborgenen geführte Liebesbeziehung zu einer Frau nun offiziell zu machen und zu heiraten. Damit zieht er die notwendige Konsequenz aus seinem eigenen Lebensentwurf, der sich nun von den strengen Regeln seines priesterlichen Standes löst.
Die Hintergründe der persönlichen Entscheidung
Die Entscheidung von Andreas Unfried ist eng mit seiner persönlichen Lebensgeschichte und seinem Verständnis von Berufung verknüpft. In seinem offenen Brief schildert der Geistliche, dass er bereits seit vielen Jahren in einer festen Beziehung mit seiner Lebensgefährtin lebt, die er als seine „große Liebe“ bezeichnet. Er räumt dabei offen ein, dass ihm die Anforderungen der katholischen Kirche an das Priesteramt – insbesondere das Gebot des Zölibats – stets bewusst waren. Er habe versucht, dieses Charisma nach Kräften zu leben, müsse jedoch rückblickend anerkennen, dass er diese Gabe nicht in der erforderlichen Weise in sich getragen habe. Dennoch blickt Unfried ohne Groll auf seine lange Dienstzeit zurück. Er betont, dass er ohne die katholische Kirche nicht der Mensch geworden wäre, der er heute ist, und zeigt sich dankbar für die Förderung seiner Talente. Der Zeitpunkt für diesen Schritt sei nun gekommen, da seine Partnerin bereits im Ruhestand sei und auch für ihn das Ende seiner beruflichen Laufbahn absehbar werde. Er wolle nun die Gewichtungen in seinem Leben neu verteilen und sich der Frau widmen, die ihn über so viele Jahre hinweg unterstützt und auf ihn gewartet habe. Es sei für ihn nun schlichtweg „genug“.
Der Ablauf der Bekanntgabe und die Reaktion des Bistums
Der Rücktritt wurde nicht erst am Sonntagabend in der Kirche offiziell, sondern bereits am Samstag im Rahmen eines „Zukunftsworkshops“ verkündet, an dem auch Bischof Georg Bätzing teilnahm. Unfried nutzte diesen Rahmen, um seine Beweggründe vor versammelter Runde darzulegen. Die Reaktion der Anwesenden war bemerkenswert: Berichten zufolge erhob sich der gesamte Saal, um dem scheidenden Pfarrer mit minutenlangem Applaus seine Solidarität zu bekunden. Bischof Bätzing reagierte auf den Rücktritt, wie es in solchen kirchenrechtlichen Fällen üblich ist, mit der sofortigen Suspendierung vom priesterlichen Amt. Das Bistum Limburg ließ verlauten, dass der Bischof von der heimlichen Beziehung des Pfarrers zuvor keine Kenntnis hatte. Dennoch betonte Bistumssprecher Stephan Schnelle, dass man die persönliche Entscheidung von Andreas Unfried respektiere und ihm für sein jahrzehntelanges Engagement ausdrücklich danke. In der Liebfrauenkirche wurde am Sonntag ein Schreiben des Bistums verlesen, das sein Wirken würdigte und die Gläubigen über die nun anstehenden organisatorischen Schritte informierte, um den Gottesdienstbetrieb trotz des plötzlichen Wegfalls des Pfarrers aufrechtzuerhalten.
Die Stimmung in der Gemeinde und die Stimmen der Gläubigen
Die Nachricht hat in der Gemeinde Sankt Ursula, die sich selbst als progressiv versteht, eine Welle der Anteilnahme ausgelöst. Während in der Liebfrauenkirche am Sonntagabend zunächst Stille und leises Flüstern herrschten, äußerten viele Gemeindemitglieder im Nachgang Verständnis für den Schritt ihres langjährigen Seelsorgers. Eine Gottesdienstbesucherin betonte gegenüber der hessenschau, dass jeder Mensch das Recht habe, sein Leben so zu gestalten, wie er es für sinnvoll erachte. Andere zeigten sich jedoch sichtlich betroffen über den Verlust. Ein Gemeindemitglied, das regelmäßig aus Frankfurt-Niederursel anreist, hob die Qualität der Predigten und die besondere Art von Unfried hervor, die man nun vermissen werde. Wieder andere Stimmen kritisierten die starren Strukturen der katholischen Kirche. Eine Besucherin äußerte den Wunsch, dass der Zölibat längst abgeschafft sein sollte, da die Kirche durch das Festhalten an dieser Regelung wertvolle und fähige Leute verliere. Carsten Trumpp aus der Gemeindeleitung unterstrich, dass Unfried die Gemeinde maßgeblich geprägt habe und man seinen Weggang sehr bedauere, auch wenn man die Entscheidung persönlich respektiere und die Gemeinde zuversichtlich in die Zukunft blicke.
Einordnung der kirchenpolitischen Dimension
Einzuordnen ist dieser Vorfall als ein Beispiel für das Spannungsfeld zwischen dem priesterlichen Zölibat und der persönlichen Lebenswirklichkeit von Geistlichen. Dass ein Pfarrer nach 37 Jahren Dienstzeit aufgrund einer Liebesbeziehung sein Amt niederlegt, ist ein Schritt, der sowohl die menschliche Komponente als auch die institutionellen Grenzen der katholischen Kirche verdeutlicht. Den Berichten zufolge wurde Unfried von seiner Gemeinde stets unterstützt, was darauf hindeutet, dass das Bild des „progressiven“ Pfarrers in Oberursel gut mit den Erwartungen der Gläubigen harmonierte. Dass die Gemeinde bei der Bekanntgabe des Rücktritts mit Applaus reagierte, ist ein Indiz dafür, dass die persönliche Integrität des Pfarrers in den Augen der Mitglieder schwerer wiegt als die kirchenrechtliche Verfehlung. Die Suspendierung durch den Bischof ist dabei als rein formaler Akt zu verstehen, der den kirchenrechtlichen Regeln folgt. Dennoch zeigt die Reaktion der Gemeindemitglieder, dass die Akzeptanz für solche Lebensentscheidungen in der Basis oft deutlich höher ist als in der offiziellen Hierarchie der Kirche, was die Debatte um den Zölibat erneut befeuern könnte.
Offene Fragen und der weitere Weg der Gemeinde
Der vorliegende Sachverhalt lässt einige Fragen offen, auf die der Quelltext keine Antworten liefert. So bleibt unklar, wie genau die finanzielle und soziale Zukunft von Andreas Unfried nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst aussieht. Auch wird nicht explizit thematisiert, ob es bereits vor dem „Zukunftsworkshop“ konkrete Anzeichen oder Gerüchte innerhalb der Kirchenleitung über die Beziehung gab, die über die bloße Unkenntnis des Bischofs hinausgehen. Zudem bleibt offen, wie die langfristige Nachfolgeregelung aussehen wird. Bekannt ist lediglich, dass zunächst ein sogenannter Pfarrverwalter eingesetzt werden soll, um die Vakanz zu überbrücken, bevor die Stelle für einen neuen Pfarrer offiziell ausgeschrieben wird. Unfried selbst hat angekündigt, sich in den kommenden Monaten noch persönlich von allen Gemeindemitgliedern verabschieden zu wollen. Damit endet eine Ära in Oberursel, während die Gemeinde nun vor der Herausforderung steht, den Übergang zu gestalten und einen neuen geistlichen Leiter zu finden, der die von Unfried geprägte progressive Ausrichtung der Gemeinde Sankt Ursula fortführen kann.