Ein Hype mit gefährlichen Nebenwirkungen
Der E-Scooter hat sich in deutschen Städten fest etabliert. Besonders bei Jugendlichen sind die elektrischen Kleinstfahrzeuge aus dem Alltag kaum noch wegzudenken. Sie bieten eine einfache Möglichkeit, den eigenen Aktionsradius zu erweitern und sich selbstbestimmt in der Umgebung zu bewegen. Laut Daten des Statistischen Bundesamtes befanden sich 2023 rund 1,4 Millionen E-Scooter in Privatbesitz, ergänzt durch etwa 200.000 Leihfahrzeuge in urbanen Zentren.
Doch die vermeintliche Lässigkeit täuscht. Fachleute beobachten mit Sorge, dass die Unfallzahlen steigen. Im Jahr 2025 registrierte die Polizei fast 16.500 Unfälle mit E-Scooter-Beteiligung – ein Zuwachs von rund 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Warum Jugendliche besonders gefährdet sind
Die Statistik zeigt ein deutliches Bild: Die Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen ist am häufigsten in Unfälle verwickelt. Mehr als die Hälfte aller Verunglückten ist jünger als 25 Jahre. Experten wie die Unfallforscherin Kirstin Zeidler vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) führen dies auf eine geringere Übung im Umgang mit den Geräten und ein selteneres Tragen von Helmen zurück. Zudem neigen junge Nutzer von Leihscootern laut Untersuchungen häufiger dazu, geltende Verkehrsregeln zu missachten.
Ein wesentlicher Faktor für das Unfallgeschehen ist die spezifische Fahrdynamik der E-Scooter. Im Vergleich zu Fahrrädern sind sie durch kleinere Räder und ein höheres Gewicht weniger stabil. Hindernisse wie Bordsteinkanten oder plötzliche Bremsmanöver führen daher schneller zu Stürzen. Besonders kritisch ist das verbotene Fahren zu zweit oder zu dritt, was die Stabilität der Gefährte massiv beeinträchtigt.
Typische Verletzungsmuster und gesundheitliche Folgen
Die Folgen von Stürzen sind oft gravierend. Mediziner berichten von einer Häufung an Hand- und Armbrüchen sowie schweren Kopfverletzungen, da das Tragen eines Helms bei vielen Nutzern nicht zur Routine gehört. Eine britische Studie deutet zudem darauf hin, dass das Risiko für Schädel-Hirn-Traumata bei E-Scooter-Fahrern im Vergleich zu Rad- oder Motorradfahrern deutlich höher liegen kann.
Die Auswirkungen können drastisch sein: Schwere Kopfverletzungen unterbrechen nicht selten Bildungsbiografien und führen dazu, dass Betroffene nicht mehr an ihre ursprüngliche Laufbahn anknüpfen können. Zudem warnen Sportmediziner wie Professor Ingo Tusk vor einem weiteren Effekt: Die ständige Verfügbarkeit der Scooter verleitet dazu, selbst kurze Wege nicht mehr zu Fuß zurückzulegen, was den Bewegungsmangel bei Jugendlichen verschärft und motorische Fähigkeiten beeinträchtigen kann.
Konflikte im Straßenverkehr
Neben der Eigengefährdung stellen E-Scooter auf Gehwegen ein erhebliches Risiko für Fußgänger dar, insbesondere für Kinder und Senioren. Die Fußgängerlobby Fuss e.V. fordert daher eine konsequentere Sanktionierung von Verstößen. Während in Frankreich hohe Bußgelder für das Fahren auf Gehwegen erhoben werden, wird das in Deutschland geltende Verwarngeld von 25 Euro als zu gering kritisiert.
Wege zu mehr Verkehrssicherheit
Um die Unfallzahlen zu senken, sehen Experten einen dringenden Nachholbedarf bei der Verkehrserziehung. Der klassische Fahrradführerschein in der Grundschule deckt die spezifischen Risiken des E-Scooter-Fahrens, wie etwa die Handynutzung während der Fahrt oder Alkoholkonsum, nicht ab. Fachleute plädieren für gezielte Verkehrsausbildungen an weiterführenden Schulen.
Erste Ansätze existieren bereits: Die Deutsche Verkehrswacht bietet seit 2019 spezielle Trainings an, und Plattformen wie Scootskills bündeln Angebote zur Stärkung der Fahrkompetenz. Langfristig wird diskutiert, ob ein verpflichtender Kenntnisnachweis oder eine Anhebung des Mindestalters auf 15 Jahre dazu beitragen könnten, den Trend in sicherere Bahnen zu lenken.