Ein Appell zur Freiheit in unsicheren Zeiten
Anlässlich des diesjährigen Reformationstages hat die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Christiane Tietz, ein deutliches Signal gegen populistische Strömungen und autoritäre Tendenzen gesetzt. In ihrer Predigt, die sie am Samstagabend in der Mainzer Christuskirche hielt, mahnte sie eindringlich vor den Gefahren, die von vermeintlich einfachen Antworten auf die vielschichtigen Krisen der heutigen Zeit ausgehen. Tietz betonte, dass die moderne Gesellschaft zunehmend von einer tiefgreifenden Verunsicherung geprägt sei, die aus der Fülle der täglichen Entscheidungen und der Komplexität globaler Herausforderungen resultiere. Diese Unsicherheit, so die Kirchenpräsidentin, öffne Tür und Tor für Akteure, die mit schwarz-weißen Narrativen und autoritären Versprechungen um die Gunst der Menschen werben. Die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, werde dabei oft als Last empfunden, was den Nährboden für antidemokratische Verlockungen bereite. Tietz appellierte an die Gläubigen, diese Freiheit nicht zu fürchten, sondern sie als ein wesentliches Gut zu begreifen, das gerade in schwierigen Zeiten Standhaftigkeit und Besonnenheit erfordert.
Zentrale Aussagen und der Rahmen des Gottesdienstes
Der zentrale Reformationsgottesdienst der EKHN fand in der Christuskirche in Mainz statt, einem Ort, der den historischen Kontext der Reformation mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen verknüpfte. Christiane Tietz nutzte diesen Rahmen, um ihre Positionierung öffentlich zu machen. Laut dem vorliegenden Predigt-Manuskript hob sie hervor, dass die ständige Verfügbarkeit von Informationen und die in sozialen Medien endlos präsentierten Lebensentwürfe die Menschen zunehmend überforderten. Diese Überforderung führe dazu, dass komplexe Sachverhalte zunehmend als bedrohlich wahrgenommen würden. Autoritäre Verführer, so Tietz, nutzten diesen Umstand gezielt aus, indem sie die Welt radikal vereinfachten. Die Kirchenpräsidentin stellte dem gegenüber, dass Autoritäre im Kern die Freiheit derjenigen fürchteten, die in der Lage seien, Komplexität auszuhalten und differenzierte Urteile zu fällen. Sie betonte, dass es gerade der Mut zur eigenen Entscheidung sei, der den autoritären Bestrebungen entgegenstehe. Die Freiheit eines Christenmenschen bedeute dabei keineswegs Beliebigkeit oder eine Abkehr von ethischen Bindungen, sondern sei eng mit der Verantwortung gegenüber dem Nächsten verknüpft.
Religiöse Fundierung und die eigene Haltung
Für Christiane Tietz ist der christliche Glaube eine wesentliche Quelle für die Bewältigung gesellschaftlicher Spannungen. Sie räumte offen ein, dass sie sich selbst häufig die Frage stelle, wie eine klare Positionierung möglich sei, ohne die ohnehin bereits stark polarisierte Gesellschaft weiter zu spalten. In diesen Momenten der Unsicherheit finde sie Trost im Glauben. Die Vorstellung, dass man als Einzelner nicht die gesamte Welt aus den Angeln heben müsse, sondern lediglich an seinem eigenen Platz das Notwendige tun könne, verleihe ihr die nötige Gelassenheit. Der Glaube an einen gütigen Gott biete zudem die Möglichkeit, um Vergebung zu bitten, was wiederum den Mut stärke, Entscheidungen zu treffen und aktiv zu handeln. Diese christliche Perspektive auf die Freiheit grenzt sich explizit von einem egoistischen Freiheitsbegriff ab. Tietz kritisierte in diesem Zusammenhang das Handeln von Herrschenden, die sich von völkerrechtlichen Normen distanzieren und ihr eigenes Handeln ausschließlich am persönlichen Nutzen ausrichten. Wahre Freiheit müsse immer ihre Grenze an der Freiheit des Anderen finden.
Einordnung der gesellschaftlichen Lage
Die Ausführungen von Kirchenpräsidentin Tietz sind in einem Kontext zu sehen, in dem gesellschaftliche Debatten zunehmend hitziger geführt werden. Den Berichten zufolge ist die Warnung vor autoritären Verlockungen als ein Plädoyer für demokratische Werte und eine differenzierte Diskurskultur zu verstehen. Einzuordnen ist das so, dass die EKHN-Spitze die Kirche als einen Akteur sieht, der in der Pflicht steht, ethische Leitplanken in einer Zeit der Orientierungslosigkeit zu setzen. Die explizite Erwähnung der sozialen Medien als Verstärker für Überforderung und Polarisierung deutet darauf hin, dass die Kirche die digitale Transformation und deren Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden der Menschen als eine der zentralen Herausforderungen der Gegenwart betrachtet. Die Abgrenzung zwischen einer verantwortungsbewussten Freiheit und einer willkürlichen, eigennützigen Handlungsweise markiert dabei die ethische Grenze, die Tietz als unverzichtbar für ein friedliches Zusammenleben erachtet. Die Predigt fungiert somit nicht nur als religiöse Unterweisung, sondern als gesellschaftspolitischer Kommentar zu den aktuellen Krisenphänomenen.
Offene Fragen und der weitere Verlauf
Der vorliegende Quelltext lässt einige Aspekte offen, die über die inhaltliche Zusammenfassung der Predigt hinausgehen. So wird beispielsweise nicht detailliert darauf eingegangen, welche konkreten politischen Ereignisse oder Krisen die Kirchenpräsidentin im Einzelnen zu ihrer pointierten Wortwahl veranlasst haben. Auch bleibt offen, wie die EKHN intern auf diese Positionierung reagiert oder welche spezifischen Schritte die Landeskirche plant, um den von Tietz geforderten Mut zur Differenzierung in der täglichen Gemeindearbeit zu fördern. Ebenso werden keine weiteren Termine oder geplanten Veranstaltungen genannt, die sich unmittelbar aus dieser Predigt ergeben könnten. Der Text konzentriert sich rein auf die inhaltliche Botschaft des Reformationstages. Es bleibt somit der Interpretation der Öffentlichkeit überlassen, wie die Mahnung zur Mäßigung und zur Wahrung völkerrechtlicher Normen in den konkreten politischen Alltag übersetzt werden kann. Die EKHN hat mit diesem Beitrag ihre Position zur aktuellen gesellschaftlichen Lage klar formuliert, ohne jedoch einen detaillierten Aktionsplan für die kommenden Monate vorzulegen.