Ein rätselhafter Riese im Orion
Der rötlich leuchtende Stern Beteigeuze zählt zu den markantesten Objekten am Nachthimmel. Als Schulterstern des Sternbilds Orion ist er für das bloße Auge leicht zu identifizieren. Doch trotz seiner Bekanntheit sorgt der Himmelskörper seit über 100 Jahren für wissenschaftliche Diskussionen. Insbesondere seine unregelmäßigen Helligkeitsschwankungen gaben Astronomen lange Zeit Rätsel auf.
Ein Team um Steve Howell vom Nasa Ames Research Center hat nun in einer im Fachblatt „The Astrophysical Journal Letters“ veröffentlichten Studie Hinweise präsentiert, die eine plausible Erklärung liefern könnten: Beteigeuze besitzt vermutlich einen bisher unentdeckten Begleitstern.
Die „Große Verdunkelung“ und ihre Folgen
Besondere Aufmerksamkeit erregte der Stern in den Jahren 2019 und 2020. Damals verzeichneten Beobachter einen massiven Helligkeitsabfall, der unter dem Begriff „Große Verdunkelung“ bekannt wurde. Die Sorge, dass der Stern kurz vor einer Supernova-Explosion stehen könnte, war groß. Spätere Untersuchungen ergaben jedoch, dass eine von Beteigeuze ausgestoßene Staubwolke das Licht zeitweise blockierte.
Doch die Staubwolke allein konnte nicht alle Unregelmäßigkeiten erklären. Insbesondere ein sechsjähriger Zyklus in den Helligkeitsdaten blieb rätselhaft. Hier setzen die neuen Forschungsergebnisse an: Die Existenz eines Begleiters würde diese periodischen Schwankungen physikalisch begründen.
Herausforderungen bei der Beobachtung
Die Identifizierung des Begleitsterns erforderte komplexe technische Verfahren. Da Beteigeuze selbst extrem hell ist, überstrahlt er schwächere Objekte in seiner unmittelbaren Umgebung. Zudem erschwert die Erdatmosphäre die präzise Beobachtung, da sie die Auflösung von Teleskopen negativ beeinflusst.
Die Forscher nutzten daher das Gemini-North-Teleskop in Kombination mit der sogenannten Speckle-Interferometrie. Diese Technik erlaubt es, atmosphärische Störungen rechnerisch zu minimieren. Dennoch bleibt die Auswertung anspruchsvoll, da das Ergebnis optisch an die Sicht durch Rauchsäulen erinnert. Thomas Granzer vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam, der selbst an der Suche nach einem solchen Begleiter beteiligt war, bezeichnet die Entdeckung als potenzielle Sensation.
Ein Begleiter mit kurzem Schicksal
Die Daten deuten darauf hin, dass der Begleitstern etwa 1,6 Sonnenmassen aufweist und um sechs Größenordnungen schwächer leuchtet als Beteigeuze. Auch wenn die Forscher einräumen, dass es sich theoretisch um einen optischen Effekt durch einen Vorder- oder Hintergrundstern handeln könnte, stützen die gesammelten Informationen die Theorie eines echten Begleiters.
Sollte sich die Entdeckung bestätigen, steht dem kleineren Stern ein dramatisches Ende bevor. Den Berechnungen zufolge wird er innerhalb der nächsten 10.000 Jahre aufgrund der starken Gravitationskräfte von Beteigeuze angezogen und schließlich in diesem untergehen.
Blick in die Zukunft
Die aktuelle Entdeckung hat laut Experten keinen direkten Einfluss auf die Frage, wann Beteigeuze selbst als Supernova explodieren wird. Dass der Riesenstern irgendwann sein Ende in einer gewaltigen Explosion finden wird, gilt in der Fachwelt als sicher. Dies dürfte jedoch noch viele Jahrtausende auf sich warten lassen. Die nun gefundenen Hinweise auf den Begleitstern markieren einen wichtigen Schritt, um die komplexen dynamischen Prozesse innerhalb dieses berühmten Sternsystems besser zu verstehen.