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Psychische Gesundheit - ADHS-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland steigen - "Keine Modediagnosen"
Technik · 11.08.2026 09:53

Psychische Gesundheit - ADHS-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland steigen - "Keine Modediagnosen"

Kurz: Aktuelle Daten zeigen einen deutlichen Anstieg von ADHS-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen. Experten ordnen die Entwicklung ein und warnen vor Stigmatisieru

Ein deutlicher Anstieg bei Neudiagnosen

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in Deutschland, bei denen eine Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) festgestellt wurde, ist signifikant gestiegen. Aktuelle Auswertungen der Krankenkasse DAK für das Jahr 2024 belegen ein Plus von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hochgerechnet erhielten im genannten Zeitraum über 200.000 junge Menschen erstmals diese Diagnose. Insgesamt befanden sich rund 620.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen drei und 17 Jahren aufgrund von ADHS in medizinischer oder therapeutischer Behandlung. Dies entspricht etwa fünf Prozent der betroffenen Altersgruppe.

Geschlechtsspezifische Unterschiede und Diagnosepraxis

Betrachtet man die Verteilung der Diagnosen, zeigt sich ein bekanntes Muster: Jungen erhalten die Diagnose ADHS etwa doppelt so häufig wie Mädchen. Dennoch ist ein Trend erkennbar, bei dem die Zuwachsraten bei Mädchen stärker ausfallen. Fachleute interpretieren dies nicht als plötzliche Zunahme der Erkrankung bei Mädchen, sondern als Korrektur einer langjährigen Unterdiagnostik. Viele Mädchen wurden in der Vergangenheit aufgrund abweichender Symptompräsentationen seltener erfasst.

Die Erstdiagnose erfolgt in der Regel während der Grundschulzeit. In diesem Lebensabschnitt treten die Anforderungen an Konzentration und Selbstorganisation deutlicher hervor, was die Identifikation der Störung erleichtert.

Ursachenforschung: Genetik und Umwelteinflüsse

Die Wissenschaft ist sich weitgehend einig, dass ADHS eine starke genetische Komponente aufweist, da die Störung in Familien gehäuft auftritt. Dennoch stellt sich die Frage nach den Gründen für den aktuellen Anstieg. Psychiatrie-Experten ziehen hierbei mehrere Faktoren in Betracht:

* **Nachholeffekte der Pandemie:** Während der Corona-Jahre blieben viele Arztbesuche aus, und wichtige Lernschritte wurden unterbrochen. Aktuell könnte ein Nachholeffekt bei der diagnostischen Abklärung stattfinden.

* **Gesellschaftliche Belastungen:** Zunehmender Leistungsdruck, Stress sowie die Einflüsse sozialer Medien können bei einer bestehenden genetischen Veranlagung dazu führen, dass die Symptomatik einer ADHS schneller klinisch relevant wird.

* **Gestiegene Aufmerksamkeit:** Das Thema ADHS ist in der öffentlichen Wahrnehmung präsenter, was Eltern und Lehrkräfte sensibler für Anzeichen macht.

Einordnung: Keine Modediagnose

Christoph Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité, widerspricht der Einschätzung, es handele sich um eine Modediagnose oder eine Überdiagnostik. Vielmehr sei die Regulation von Botenstoffen im Gehirn – insbesondere von Dopamin – bei Betroffenen nachweislich verändert.

Die Symptomatik äußert sich in einer unregulierten Aufmerksamkeit, die zwischen extremer Ablenkbarkeit und einem sogenannten Hyperfokus schwankt. Hinzu kommen körperliche oder gedankliche Hyperaktivität sowie Defizite in der Impulskontrolle und Selbstorganisation.

Folgen fehlender Unterstützung

Die Bedeutung einer rechtzeitigen Diagnose geht weit über die schulische Leistung hinaus. Kinder, deren ADHS unerkannt bleibt, sehen sich häufig mit Ablehnung und negativen Kommentaren zu ihrem Verhalten konfrontiert. Dies kann das Selbstwertgefühl massiv beeinträchtigen. Langfristig steigt das Risiko für Folgeerkrankungen wie Depressionen oder Abhängigkeitserkrankungen im Jugend- und Erwachsenenalter.

Diese Problematik betrifft auch viele Erwachsene, die heute noch undiagnostiziert sind. Da das Wissen über ADHS sowie die Möglichkeiten der Therapie und Medikation in früheren Jahrzehnten deutlich weniger verbreitet waren, leiden viele Betroffene bis ins Erwachsenenalter unter den Folgen der unbehandelten Störung. Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Thema für die psychische Gesundheit der Betroffenen von zentraler Bedeutung ist.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/sitzung-sitzen-arzt-doktor-7653084/ · Foto: Pavel Danilyuk
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/adhs-diagnosen-bei-kindern-und-jugendlichen-in-deutschland-steigen-keine-modediagnosen-104.html