Ein strategischer Wandel in der Smartphone-Oberklasse
Die Marke Poco, die in der Vergangenheit primär für ihre aggressive Preis-Leistungs-Strategie bekannt war, vollzieht mit der Einführung der neuen F9-Serie einen bemerkenswerten Kurswechsel. Mit dem Poco F9 Ultra und dem Poco F9 Pro bringt das Unternehmen zwei Gaming-Flaggschiffe auf den Markt, die sich technisch an der absoluten Spitze orientieren. Während Poco in den vergangenen Jahren vor allem Kunden ansprach, die maximale Rechenleistung zu einem moderaten Preis suchten und dabei Abstriche bei Gehäusematerialien oder Kameraqualität in Kauf nahmen, ist dieser Ansatz nun Geschichte. Die neuen Modelle setzen auf eine hochwertige Ausstattung, die in vielen Bereichen mit den Top-Smartphones der Muttergesellschaft Xiaomi konkurriert. Mit unverbindlichen Preisempfehlungen, die beim F9 Ultra bis zu 1399,90 Euro erreichen, positioniert sich das Unternehmen erstmals als ernsthafter Premiumanbieter. Diese Neuausrichtung stellt eine Zäsur dar, da die Marke damit ihre bisherige Identität als günstiger Geheimtipp für Enthusiasten und Gamer bewusst hinter sich lässt, um in einem deutlich exklusiveren Marktsegment Fuß zu fassen.
Die technischen Eckdaten der neuen Flaggschiffe
Das Poco F9 Ultra und das F9 Pro sind mit dem Qualcomm Snapdragon 8 Elite Gen 5 Prozessor ausgestattet, der im modernen 3-Nanometer-Verfahren gefertigt wird. Beim F9 Pro kommt dabei die V-Series-Variante (SM8850-1-AB) zum Einsatz, die über eine leicht reduzierte Grafikleistung verfügt. Ein besonderes Merkmal ist der dedizierte Bildchip VisionBoost D8, der in beiden Geräten verbaut ist. Dieser Chip ermöglicht es, Spiele hochzuskalieren und durch Zwischenbildberechnungen Bildraten von bis zu 185 Bildern pro Sekunde zu erreichen. Laut Herstellerangaben unterstützen bereits über 20 Spiele nativ diese hohe Bildrate, während weitere Titel durch die Software-Interpolation angepasst werden können. Zu den genannten Spielen gehören bekannte Namen wie PUBG Mobile, Call of Duty: Mobile und Garena Delta Force. Um die thermische Stabilität bei derart hoher Belastung zu gewährleisten, setzt Poco beim Ultra auf das „3D Dual-Layer IceLoop“-Kühlsystem, während das Pro mit einer „Poco 3D IceLoop“-Lösung ausgestattet ist. Beide Geräte nutzen zudem schnellen LPDDR5X-Arbeitsspeicher mit bis zu 9600 Mbit/s sowie UFS-4.1-Speicher, was die hohe Leistungsfähigkeit unterstreicht.
Akku-Kapazität und Ladegeschwindigkeit als Alleinstellungsmerkmal
Ein herausragendes Merkmal des Poco F9 Ultra ist der Akku mit einer Kapazität von 8050 mAh, der die meisten aktuellen Oberklasse-Smartphones deutlich übertrifft. Diese Kapazität soll laut Hersteller eine Laufzeit von bis zu zwei Tagen ermöglichen, wobei diese Angabe auf simulierten Labortests basiert. Das 235 Gramm schwere Gerät unterstützt kabelgebundenes Laden mit bis zu 100 Watt und drahtloses Laden mit 50 Watt. Zudem ist eine Reverse-Charging-Funktion integriert, mit der andere Geräte mit maximal 27 Watt kabelgebunden oder 22,5 Watt induktiv geladen werden können. Das kompaktere F9 Pro verfügt über einen 6330-mAh-Akku, der ebenfalls 100 Watt kabelgebundenes und 50 Watt drahtloses Laden unterstützt. Nach Herstellerangaben erreicht das Pro mit dem 100-Watt-Netzteil in 19 Minuten einen Ladestand von 50 Prozent. Ob das Netzteil im Lieferumfang enthalten ist, variiert laut Poco je nach lokalem Markt und Händler, weshalb Käufer vor dem Erwerb entsprechende Informationen einholen sollten.
Display-Technologie und visuelle Darstellung
Die Bildschirme der neuen Poco-Modelle setzen neue Maßstäbe für die Marke. Das F9 Ultra besitzt ein 6,9 Zoll großes AMOLED-Display mit einer Auflösung von 2608 × 1200 Pixeln, während das F9 Pro mit einem 6,59-Zoll-Panel bei 2510 × 1156 Pixeln ausgestattet ist. Beide Bildschirme nutzen eine RGB-Subpixelstruktur namens „HyperRGB“, die eine Schärfe erreichen soll, die an 2K-Displays heranreicht, ohne deren hohen Energieverbrauch zu verursachen. Die Helligkeitswerte sind beeindruckend: Poco gibt Spitzenwerte von 4500 cd/m² bei 25 Prozent Bildfläche und bis zu 10.000 cd/m² bei einem einprozentigen HDR-Fenster an. Im täglichen Gebrauch ist der High-Brightness-Mode mit 2200 cd/m² relevant, während die typische Helligkeit bei 850 cd/m² liegen soll. Ergänzt wird die Display-Ausstattung durch HDR10+, Dolby Vision, 12-Bit-Farbtiefe und Gorilla Glass 7i. Zudem sind die Bildschirme TÜV-Rheinland-zertifiziert, was unter anderem Flimmerfreiheit und Blaulichtreduktion bescheinigt.
Kameraausstattung und fotografische Möglichkeiten
Erstmals verbaut Poco in beiden Geräten eine 200-Megapixel-Hauptkamera mit optischer Bildstabilisierung, die 16 Pixel zu einem 2-µm-Superpixel zusammenfasst. Dennoch gibt es deutliche Unterschiede bei der weiteren Kameraausstattung. Das F9 Ultra bietet eine 50-Megapixel-Periskopkamera mit 120 Millimeter Kleinbildäquivalent, fünffachem optischem Zoom und optischer Stabilisierung sowie ein 50-Megapixel-Ultraweitwinkel. Zusätzlich wird ein zehnfacher „verlustfreier“ Zoom und ein KI-gestützter Zoom bis 20-fach beworben. Das F9 Pro hingegen setzt auf ein 50-Megapixel-Floating-Tele mit 60 Millimeter Kleinbildäquivalent und 2,5-fachem Zoom, das sich durch einen Mindestabstand von zehn Zentimetern auch für Makroaufnahmen eignet. Als Ultraweitwinkel kommt beim Pro lediglich eine 8-Megapixel-Kamera zum Einsatz. Beide Smartphones verfügen zudem über eine 32-Megapixel-Frontkamera für Selfies. Die tatsächliche Qualität der Aufnahmen, insbesondere im Vergleich zu etablierten Flaggschiffen, bleibt abzuwarten und muss sich in unabhängigen Tests beweisen.
Zusätzliche Ausstattungsmerkmale und Konnektivität
Die Ausstattung der F9-Serie umfasst zahlreiche moderne Standards. Beide Geräte bieten IP68-Schutz gegen Staub und Wasser, Wi-Fi 7, Bluetooth 6.0 und NFC. Ein Ultraschall-Fingerabdrucksensor im Display sowie USB 3.2 Gen 1 über den Typ-C-Anschluss sind ebenfalls vorhanden. Bei der Audiowiedergabe setzt Poco die Kooperation mit Bose fort. Das F9 Ultra nutzt ein 2.1-System mit zwei symmetrischen Stereolautsprechern und einem dedizierten Subwoofer. Das F9 Pro verzichtet auf den Subwoofer, bietet aber ebenfalls zwei symmetrische Lautsprecher mit Dolby Atmos und Bose-Klangprofilen. Als Betriebssystem kommt Xiaomis HyperOS 3 zum Einsatz, wobei der Hersteller eine Update-Garantie von vier Jahren für Android-Versionen und sechs Jahren für Sicherheitsupdates gibt. Eine Besonderheit ist die „Xiaomi Offline Communication“, die eine Sprachkommunikation zwischen kompatiblen Geräten ohne Mobilfunknetz ermöglicht, allerdings nicht für Notrufe vorgesehen ist.
Einordnung der Marktpositionierung
Die Preisgestaltung der neuen Serie ist der entscheidende Punkt der Markteinführung. Mit Preisen zwischen 899,90 Euro für das Basismodell des Pro und 1399,90 Euro für die Top-Variante des Ultra bewegt sich Poco in einem Segment, das bisher von hochpreisigen Flaggschiffen dominiert wurde. Den Berichten zufolge ist dies ein bewusster Schritt, um das Image der Marke von einem reinen Preis-Leistungs-Anbieter hin zu einem Premium-Hersteller für Gaming und Multimedia zu wandeln. Einzuordnen ist das so, dass Poco nun direkt mit den Topmodellen der Muttergesellschaft Xiaomi konkurriert, wie etwa dem Xiaomi 17T Pro. Zwar mildern die bis zum 21. September geltenden Early-Bird-Preise (ab 739,90 Euro für das Pro und 829,90 Euro für das Ultra) den Einstieg, doch die hohe unverbindliche Preisempfehlung bleibt ein deutliches Signal. Die Marke versucht, ihre technologische Kompetenz durch hochwertige Hardware und exklusive Features wie das Lichtelement auf der Rückseite des Ultra oder die leuchtende Rückseite des Pro zu unterstreichen.
Offene Fragen und ungeklärte Details
Obwohl die technischen Daten der Poco F9-Serie umfangreich dokumentiert sind, bleiben einige Aspekte offen. So ist unklar, wie die 200-Megapixel-Hauptkamera in der Praxis im Vergleich zu den etablierten Spitzenmodellen der Konkurrenz abschneidet, da die reine Auflösung allein keine Aussage über die Bildqualität zulässt. Auch die tatsächliche Alltagstauglichkeit der extremen Helligkeitswerte der Displays bedarf noch einer Überprüfung durch unabhängige Tests, da die Herstellerangaben oft nur punktuelle Spitzenwerte unter idealen Bedingungen beschreiben. Ebenso ist nicht abschließend geklärt, ob das 100-Watt-Netzteil bei allen Verkaufsvarianten und in jedem Markt beiliegt, da Poco hier auf die jeweiligen lokalen Händler verweist. Zudem bleibt abzuwarten, wie Kunden den radikalen Preisanstieg aufnehmen werden, da die Marke bisher über ihre günstigen Preise definiert wurde. Ob sich die „Xiaomi Offline Communication“ in der Praxis als nützlich erweist oder eher ein Nischenfeature bleibt, ist ebenfalls noch nicht absehbar.