Neue Ära im Aktienhandel: Das Ende von PFOF
Seit Anfang Juli 2026 gehört das umstrittene Modell des „Payment for Order Flow“ (PFOF) der Vergangenheit an. Lange Zeit war dieses System das Rückgrat vieler Neobroker, die ihren Kunden den Handel mit Aktien und ETFs nahezu kostenlos ermöglichen konnten. Bei PFOF erhielten die Broker für die Weiterleitung von Kundenaufträgen an bestimmte Handelsplätze oder Market Maker Rückvergütungen. Die Europäische Union stufte diese Praxis jedoch als potenziellen Interessenkonflikt ein, da die Gefahr bestand, dass Orders nicht zum besten Preis, sondern zum lukrativsten Vergütungsmodell ausgeführt wurden.
Obwohl Branchenexperten vor dem Verbot befürchteten, dass die Ordergebühren für Privatanleger massiv steigen könnten, ist dieser Schock bisher ausgeblieben. Die Anbieter haben stattdessen ihre Strategien angepasst, um die wegfallenden Einnahmen – die bei manchen Brokern zeitweise 30 bis 50 Prozent des Umsatzes ausmachten – anderweitig zu kompensieren.
Vom Vermittler zum eigenen Handelsplatzbetreiber
Ein zentraler Trend unter den führenden Neobrokern ist die vertikale Integration. Anstatt Aufträge an externe Partner weiterzureichen, übernehmen Unternehmen wie Scalable Capital und Trade Republic zunehmend die gesamte Wertschöpfungskette selbst.
* **Scalable Capital:** Der Broker hat mit der „European Investor Exchange“ (EIX) einen eigenen Handelsplatz ins Leben gerufen und agiert dort selbst als Market Maker. Die Einnahmen werden nun direkt über den Spread – die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs – generiert, statt über externe Zahlungen.
* **Trade Republic:** Das Unternehmen setzt auf eine neue Handelstechnologie, die Orders über ein aggregiertes Orderbuch führt. Kunden sollen so automatisch den besten verfügbaren Preis erhalten. Trade Republic tritt dabei selbst als Gegenpartei auf, was den Prozess innerhalb der eigenen Plattform hält.
Diese Strategie führt dazu, dass die Kosten für den Nutzer zwar oft stabil bleiben, die Preisstruktur jedoch komplexer wird. So steuern Broker den Handelsfluss gezielt auf ihre eigenen Plattformen, indem sie Gebühren für externe Börsenplätze anpassen oder erhöhen.
Diversifizierung als Überlebensstrategie
Neben der technischen Umstellung setzen Neobroker verstärkt auf eine breite Palette an Finanzdienstleistungen. Der reine Aktienhandel dient heute oft nur noch als Einstiegsprodukt. Die Anbieter haben sich zu digitalen Finanzplattformen gewandelt, die durch Quersubventionierung profitabel bleiben:
* **Zinsmargen und Girokonten:** Viele Broker bieten mittlerweile verzinsliche Konten an und verdienen an der Zinsmarge.
* **Zusatzprodukte:** Das Angebot wurde um Krypto-Handel, Derivate, Robo-Advisor und Private Markets (ELTIFs) erweitert.
* **Kartenprogramme:** Die Ausgabe von Debitkarten generiert zusätzliche Einnahmen durch Interchange-Gebühren.
Durch diese breitere Aufstellung ist der Wegfall der PFOF-Einnahmen für die großen Akteure weniger existenzbedrohend als ursprünglich angenommen.
Unterschiedliche Ansätze bei kleineren Anbietern
Nicht jeder Broker verfügt über die Ressourcen, eine eigene Börseninfrastruktur aufzubauen. Anbieter wie finanzen.net zero haben daher ihre Modelle angepasst, indem sie Bonifizierungen nun direkt an die Kunden weitergeben oder durch Kooperationspartner ausgleichen. Andere, wie Smartbroker+, setzen auf eine strikte Kostenoptimierung und die Erschließung neuer Ertragsquellen, beispielsweise durch das kommende Altersvorsorgedepot oder professionelle Schnittstellen für erfahrene Nutzer.
Worauf Anleger jetzt achten müssen
Das Ziel des PFOF-Verbots war mehr Transparenz. In der Praxis ist das Gegenteil eingetreten: Die Gebührenmodelle sind für den Endnutzer undurchsichtiger geworden. Da die Kosten nicht mehr nur über die sichtbare Ordergebühr entstehen, sollten Anleger bei der Wahl ihres Handelsplatzes und des Brokers genauer hinsehen.
Die tatsächlichen Kosten setzen sich heute aus der Kombination von Ordergebühr, dem Spread und dem jeweiligen Ausführungskurs zusammen. Da die Broker den Handel zunehmend in ihre eigenen Systeme lenken, ist es für Anleger schwieriger geworden, die Konditionen über verschiedene Plattformen hinweg direkt zu vergleichen. Wer die günstigste Option sucht, muss daher nicht nur auf die Gebührenliste schauen, sondern auch die Qualität der Ausführung und die Kostenstruktur der gewählten Handelsplätze kritisch hinterfragen.