Eine folgenschwere Korrektur der Kunstgeschichte
In der Berliner Museumslandschaft sorgt eine wissenschaftliche Neuentdeckung für Aufsehen. Die Alte Nationalgalerie hat die Identität und die zeitliche Einordnung eines bedeutenden Gemäldes des Impressionisten Max Slevogt grundlegend revidiert. Das Werk, das bisher unter dem Titel „Der Vater Bruno Cassirers auf dem Totenbett“ geführt wurde und auf das Jahr 1924 datiert war, trägt nun eine neue Bezeichnung: „Louis Cassirer auf dem Totenbett“. Gleichzeitig wurde das Entstehungsdatum um zwei Jahrzehnte nach vorne korrigiert, auf das Jahr 1904. Diese Korrektur ist keineswegs nur eine formale Anpassung in der Inventarliste, sondern ein tiefgreifender Eingriff in das Verständnis des Slevogt’schen Œuvres. Die Neuzuschreibung beruht auf einer akribischen Auswertung bisher unbeachteter Quellen, die im Zuge der Vorbereitungen für kommende Ausstellungen ans Licht kamen. Damit wird ein zentrales Stück der familiären Erinnerungskultur der einflussreichen Kunsthändlerfamilie Cassirer neu bewertet und historisch präziser in den Kontext des frühen 20. Jahrhunderts gerückt.
Die Fakten der Neudatierung und Identifikation
Die wissenschaftliche Basis für diese weitreichende Entscheidung lieferte Stephan Kemperdick, Kurator an der Berliner Gemäldegalerie. Im Rahmen der Vorbereitungen für die Ausstellung „Porträts! Überraschende Begegnungen von Botticelli bis Lempicka“, die ab dem 16. Oktober ihre Tore öffnet, untersuchte er die Entstehungs- und Provenienzgeschichte des Gemäldes erneut. Ausschlaggebend war ein privates Bilderverzeichnis von Max Slevogt aus dem Jahr 1904. In diesem Dokument notierte der Künstler eine „Porträtskizze nach Cassirer auf dem Totenbette“ und fügte den Vermerk „an Frau Bruno Cassirer“ hinzu. Diese Notiz ist der entscheidende Beleg: Das Werk wurde an Else Cassirer, die Ehefrau von Bruno Cassirer und Tochter von Louis Cassirer, übergeben. Stilistische Analysen stützen diese Datierung, da das Werk nun nahtlos in Slevogts Schaffen um 1904 passt, statt wie bisher angenommen in das Spätwerk des Künstlers. Zudem korrespondiert die Darstellung nicht mit dem überlieferten Erscheinungsbild von Julius Cassirer, wie es etwa ein Porträt von Max Liebermann aus dem Jahr 1907 belegt.
Ein bewegtes Schicksal: Provenienz und NS-Raubkunst
Die Geschichte des Gemäldes ist untrennbar mit dem Schicksal der Familie Cassirer verbunden. Ursprünglich befand sich das Bild im Besitz des Verlegers Bruno Cassirer (1872–1941) und seiner Frau Else (1873–1942). Als jüdische Familie waren sie unter dem NS-Regime massiver Verfolgung ausgesetzt. Nach ihrer Flucht aus Deutschland wurde ihr gesamter Besitz beschlagnahmt und im Jahr 1944 zwangsversteigert. Das Gemälde gelangte auf verschlungenen Wegen über den Kunsthändler Wolfgang Gurlitt im Jahr 1963 als Schenkung in die Bestände der Nationalgalerie. Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels erfolgte durch das Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin. Im Jahr 2025 wurde das Werk als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut offiziell an die Erben der Familie restituiert. Dank der finanziellen Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung konnte das Gemälde jedoch für die Sammlung der Nationalgalerie zurückerworben werden, wodurch es nun dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt und wissenschaftlich korrekt eingeordnet werden kann.
Die Akteure hinter der wissenschaftlichen Aufarbeitung
An diesem Prozess sind verschiedene Institutionen und Experten beteiligt. Stephan Kemperdick nimmt als Kurator der Gemäldegalerie eine zentrale Rolle ein, da er die Quellenarbeit maßgeblich vorangetrieben hat. Die Alte Nationalgalerie fungiert als Bewahrerin des Werks und Ort der aktuellen Präsentation. Die Ernst von Siemens Kunststiftung trat als entscheidender Förderer auf, der den Rückerwerb nach der Restitution erst ermöglichte. Die Familie Cassirer selbst, namentlich Bruno und Else Cassirer, bildet den historischen Ankerpunkt, deren privates Schicksal die Provenienz des Bildes bestimmt. Auch der Kunsthändler Wolfgang Gurlitt wird in der Historie des Werks als Zwischenstation genannt. Die wissenschaftliche Arbeit der Staatlichen Museen zu Berlin, insbesondere die Provenienzforschung des Zentralarchivs, bildet das Fundament, auf dem diese Korrekturen erst möglich wurden. Diese Akteure tragen gemeinsam dazu bei, dass die Geschichte des Gemäldes nun von der Verfolgung und dem Verlust bis hin zur wissenschaftlichen Identifizierung und musealen Bewahrung transparent und nachvollziehbar ist.
Einordnung: Warum diese Korrektur von Bedeutung ist
Einzuordnen ist diese Neuzuschreibung als ein wichtiger Beitrag zur Slevogt-Forschung. Den Berichten zufolge ermöglicht die Vordatierung auf 1904 eine wesentlich schlüssigere Einordnung in die stilistische Entwicklung des Künstlers. Bisher klaffte eine Lücke zwischen der vermuteten Entstehungszeit im Spätwerk und der tatsächlichen künstlerischen Handschrift Slevogts zu Beginn des Jahrhunderts. Dass nun die Identität des Dargestellten zweifelsfrei als Louis Cassirer geklärt ist, schließt zudem eine biografische Lücke in der Familiengeschichte der Cassirers. Die Korrektur unterstreicht, wie wichtig die fortlaufende wissenschaftliche Überprüfung von Sammlungsbeständen ist. Museen sind keine statischen Orte; sie müssen ihre Dokumentationen stetig an den aktuellen Forschungsstand anpassen. Die Neuzuschreibung ist somit auch ein Beleg für die Qualität der Provenienzforschung, die nicht nur den rechtmäßigen Besitzstatus klärt, sondern auch die historische Wahrheit über die Entstehung und den Kontext der Werke ans Licht bringt. Die Verbindung von Kunstgeschichte und Familiengeschichte gewinnt durch solche Erkenntnisse an Tiefe.
Offene Fragen und kommende Schritte
Obwohl die Identität des Porträtierten und die Datierung nun als gesichert gelten, bleiben Aspekte der Provenienzgeschichte stets Gegenstand weiterführender Forschung. Der Quelltext lässt etwa offen, welche weiteren, bisher unentdeckten Dokumente in privaten Archiven noch existieren könnten, die das Bilderverzeichnis von Slevogt ergänzen oder in einen noch breiteren Kontext setzen. Auch Details über den Verbleib des Bildes in den Jahren zwischen der Beschlagnahmung 1944 und der Schenkung durch Wolfgang Gurlitt 1963 könnten in Zukunft noch weiter aufgearbeitet werden. Was die nächsten Schritte betrifft, so ist der Weg des Gemäldes klar vorgezeichnet: Aktuell ist es noch in der Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ in der Alten Nationalgalerie zu sehen, die noch bis zum 27. September 2026 läuft. Danach wird das Werk in die Ausstellung „Porträts! Überraschende Begegnungen von Botticelli bis Lempicka“ in der Berliner Gemäldegalerie überführt. Dort werden die neuen Forschungsergebnisse zudem erstmals ausführlich im begleitenden Ausstellungskatalog publiziert, womit die wissenschaftliche Debatte zu diesem Werk offiziell abgeschlossen und dokumentiert sein wird.