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Marsmond Deimos wohl infolge einer Kollision so „glatt und jugendlich“
Technik · 19.08.2026 12:51

Marsmond Deimos wohl infolge einer Kollision so „glatt und jugendlich“

Kurz: Neue Simulationen der ESA legen nahe, dass der Marsmond Deimos durch einen gewaltigen Asteroideneinschlag seine glatte Oberfläche erhalten hat.

Ein katastrophales Ereignis in der Mars-Umlaufbahn

Der Marsmond Deimos, der äußere und kleinere Begleiter unseres Nachbarplaneten, gibt Astronomen seit Langem Rätsel auf. Während sein innerer Nachbar, der Mond Phobos, eine von unzähligen Kratern gezeichnete und zerfurchte Oberfläche aufweist, präsentiert sich Deimos in einem erstaunlich glatten und beinahe unberührten Zustand. Dieses Phänomen hat nun eine neue wissenschaftliche Analyse in den Fokus gerückt, die von der Europäischen Weltraumagentur (ESA) veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Deimos in seiner Vergangenheit eine gewaltige Kollision mit einem Asteroiden erlebt hat. Ein solches Ereignis war zwar katastrophal genug, um die geologische Beschaffenheit des Mondes grundlegend zu verändern, blieb jedoch glücklicherweise nicht zerstörerisch genug, um den Himmelskörper vollständig zu zertrümmern. Das bei diesem Einschlag aufgewirbelte und ausgeschleuderte Material verteilte sich anschließend über den gesamten Mond, was ihm sein heutiges, fast jugendlich wirkendes Erscheinungsbild verlieh. Diese Erkenntnisse markieren einen bedeutenden Fortschritt im Verständnis der dynamischen Geschichte unseres Sonnensystems und der spezifischen Entwicklung der Marsmonde, die sich trotz ihrer räumlichen Nähe in ihrer äußeren Erscheinung fundamental unterscheiden.

Details zur Kollision und den wissenschaftlichen Simulationen

Um die Entstehung der glatten Oberfläche von Deimos zu ergründen, führte ein Forschungsteam unter der Leitung von Sabina Raducan von der Universität Bern insgesamt etwa 100 komplexe Simulationen durch. Dabei variierten die Wissenschaftler sowohl die Größe der simulierten Asteroiden als auch die Winkel, in denen diese auf den Mond treffen könnten. Die Ergebnisse der Modellierungen lassen den Schluss zu, dass ein vergleichsweise kleiner, aber mit hoher Geschwindigkeit einschlagender Himmelskörper von etwa 320 Metern Durchmesser das plausibelste Szenario darstellt. Dieser Einschlag fand vermutlich am Südpol des Mondes statt, wo die Umrisse eines großen Kraters auch heute noch auf entsprechenden Aufnahmen identifiziert werden können. Das bei diesem Aufprall freigesetzte Material legte sich wie eine Decke über den gesamten Mondkörper. Die Analyse stützt sich dabei maßgeblich auf hochaufgelöste Aufnahmen der ESA-Asteroidensonde Hera, die Deimos vor anderthalb Jahren passierte. Diese Bilder liefern nicht nur den Beleg für den Krater, sondern zeigen auch Spuren älterer Strukturen, die durch den massiven Einschlag nicht vollständig ausgelöscht wurden. Dies ist ein entscheidender Hinweis auf die physikalische Beschaffenheit des Mondes, da bei einem festeren, kompakteren Körper die Schockwellen einer solchen Kollision die älteren Kraterspuren längst hätten tilgen müssen.

Hintergrund und die Beschaffenheit des Mondinneren

Die wissenschaftliche Untersuchung liefert zudem wertvolle Erkenntnisse über die innere Struktur von Deimos. Die Tatsache, dass ältere Kraterstrukturen trotz des massiven Einschlags noch immer erkennbar sind, lässt darauf schließen, dass der Mond keineswegs ein massiver, fester Gesteinsbrocken ist. Stattdessen deuten die Beobachtungen darauf hin, dass das Innere von Deimos als hochporös und zerklüftet einzustufen ist. Diese Porosität erklärt, warum die Schockwellen des Asteroideneinschlags nicht ausreichten, um die gesamte Oberfläche des Mondes zu glätten oder die darunterliegenden, älteren geologischen Merkmale vollständig zu zerstören. Es wird spekuliert, dass der Mond aus Material entstanden sein könnte, das in einer noch früheren Phase der Geschichte bei anderen Einschlägen direkt aus dem Mars herausgeschlagen wurde. Diese Hypothese fügt sich in das Gesamtbild ein, das die Forschungsgruppe um Sabina Raducan gezeichnet hat. Die vollständige Forschungsarbeit, die nun in Nature Astronomy veröffentlicht wurde, bietet somit eine kohärente Erklärung für die Diskrepanz zwischen dem zerfurchten Phobos und dem glatten Deimos, indem sie die spezifische Materialbeschaffenheit von Deimos als entscheidenden Faktor für die Art und Weise identifiziert, wie der Mond auf äußere Einflüsse reagiert.

Die beteiligten Institutionen und Akteure

An der Spitze der wissenschaftlichen Aufarbeitung steht das Team um Sabina Raducan von der Universität Bern, das für die Durchführung und Auswertung der komplexen Computersimulationen verantwortlich zeichnet. Die Europäische Weltraumagentur (ESA) fungiert dabei als zentrale Institution, die nicht nur die notwendigen Daten durch ihre Weltraummissionen zur Verfügung stellt, sondern auch die Publikation dieser Ergebnisse maßgeblich unterstützt. Eine Schlüsselrolle spielt hierbei die Asteroidensonde Hera, deren Aufnahmen die empirische Grundlage für die theoretischen Modelle bilden. Hera, die vor etwa 18 Monaten in der Nähe von Deimos operierte, ist jedoch nicht nur für die Erforschung der Marsmonde konzipiert. Ihr eigentliches Missionsziel liegt weiter entfernt: Die Sonde befindet sich auf dem Weg zum Doppelasteroiden-System Didymos und Dimorphos, wo sie im November ankommen soll. Die Zusammenarbeit zwischen der Universität Bern und der ESA unterstreicht die Bedeutung internationaler Kooperationen in der modernen Planetenforschung, bei der theoretische Modellierungen und reale Beobachtungsdaten aus dem All eng miteinander verzahnt werden, um die Geschichte der Himmelskörper in unserem Sonnensystem zu rekonstruieren.

Einordnung der wissenschaftlichen Erkenntnisse

Einzuordnen ist das Ergebnis der Forschung als ein wichtiger Baustein für das Verständnis der Mars-Umgebung. Den Berichten zufolge stellt die Analyse eine plausible Erklärung für die optische Differenz zwischen den beiden Marsmonden dar, die Astronomen lange Zeit vor Rätsel stellte. Während Phobos durch seine Nähe zum Mars und seine spezifische Umlaufbahn eine andere Entwicklungsgeschichte durchlaufen haben dürfte, zeigt die Arbeit an Deimos, wie prägend einzelne, katastrophale Ereignisse für die Topografie kleinerer Himmelskörper sein können. Die Wissenschaftler betonen jedoch, dass es sich hierbei um eine fundierte Theorie handelt, die durch Simulationen gestützt wird. Dennoch bleiben alternative Erklärungen für die Entstehung der glatten Oberfläche derzeit noch nicht vollständig ausgeschlossen. Die Arbeit hat jedoch einen praktischen Mehrwert: Sie liefert konkrete Hinweise darauf, wie künftige Sondenmissionen ausgerichtet werden müssen, um weitere Spuren und geologische Indizien zu finden, die entweder die Einschlagshypothese weiter untermauern oder alternative Szenarien in den Vordergrund rücken könnten. Die Forschung zeigt eindrucksvoll, wie aus der Analyse von Kratern und Oberflächenbeschaffenheiten auf die innere Struktur und die gewaltsame Vergangenheit eines Mondes geschlossen werden kann.

Offene Fragen und der weitere Verlauf der Forschung

Trotz der detaillierten Simulationen und der Auswertung der Hera-Daten bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext benennt explizit, dass alternative Erklärungen für das Erscheinungsbild von Deimos noch nicht vollständig vom Tisch sind. Zwar ist das Szenario des 320 Meter großen Asteroiden, der am Südpol einschlug, derzeit das am besten passende Modell, doch ob dies die einzige Ursache für die heutige Beschaffenheit ist, bleibt Gegenstand weiterer Untersuchungen. Zudem bleibt die genaue Herkunft des Materials, aus dem Deimos besteht, ein Feld für zukünftige Forschungen, insbesondere die Frage, ob es sich tatsächlich um vom Mars abgesprengtes Gestein handelt. Wie es weitergeht, ist durch den weiteren Flugplan der Sonde Hera vorgegeben. Nachdem sie Deimos passiert hat, liegt der Fokus nun auf dem Erreichen des Doppelasteroiden Didymos und Dimorphos im November. Diese Ankunft markiert das nächste große Manöver der ESA-Mission. Für die Forschung an Deimos bedeutet dies, dass man sich vorerst auf die vorhandenen Daten stützen muss, während man gleichzeitig aus den gewonnenen Erkenntnissen Strategien für künftige Sonden missionen entwickelt, die gezielter nach weiteren Spuren auf dem Marsmond suchen sollen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/schreibtisch-internet-computer-desktop-9794458/ · Foto: Lynde
Quelle: https://www.heise.de/news/Marsmond-Deimos-wohl-infolge-einer-Kollision-so-glatt-und-jugendlich-11419221.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag