Ein Sommer der Extreme in der tschechischen Hauptstadt
Prag erlebt derzeit die zweite massive Hitzewelle des laufenden Jahres. Mit Temperaturen von knapp 40 Grad Celsius zeigt sich die tschechische Metropole von ihrer unerbittlichen Seite. Auf öffentlichen Plätzen, wie dem Jiří z Poděbrad-Platz im Stadtteil Vinohrady, suchen die Bewohner verzweifelt nach Abkühlung. Die Hitze verändert das öffentliche Leben: Wo sonst reges Treiben herrscht, bleiben die Flächen bei Höchsttemperaturen weitgehend verwaist.
Die städtebauliche Entwicklung der vergangenen Jahre steht dabei zunehmend in der Kritik. Trotz Bemühungen, durch Baumpflanzungen und moderne Regenwassersysteme gegenzusteuern, dominiert in vielen Teilen Prags weiterhin eine Bauweise, die Hitze speichert. Der Meteorologe Michal Žák von der Karls-Universität kritisiert, dass bei Umbauprojekten oft noch auf Methoden des vergangenen Jahrhunderts gesetzt werde. Während die neu gepflanzten Bäume erst in über einem Jahrzehnt ihre volle kühlende Wirkung entfalten werden, ist die Hitze bereits heute eine akute Belastung.
Das Problem der versiegelten Stadt
Die Struktur der Prager Altstadt verschärft das Problem massiv. Die engen Gassen, gesäumt von hohen Stein- und Betongebäuden, wirken bei Sonneneinstrahlung wie Wärmespeicher. Tagsüber heizen sich die Fassaden auf, nachts geben sie die gespeicherte Energie wieder an die Umgebung ab. Dieser Effekt verhindert eine natürliche Abkühlung in den Abendstunden.
Die Zunahme sogenannter tropischer Nächte, in denen die Temperaturen nicht unter 20 Grad fallen, ist ein besorgniserregender Trend. In den 1980er-Jahren waren solche Nächte in Prag eine Seltenheit; heute müssen sich die Bewohner regelmäßig auf mehr als 20 solcher Nächte pro Sommer einstellen. Für die ältere Bevölkerung stellt diese Dauerbelastung ein wachsendes Gesundheitsrisiko dar.
Klimaanpassung zwischen Strategie und Stillstand
Die Stadtverwaltung hat das Problem erkannt und eine Klimaanpassungsstrategie erarbeitet. Zu den Maßnahmen gehören die Entsiegelung von Flächen und eine interaktive Karte, die Bürger zu Trinkbrunnen, Sprühnebelsäulen und anderen kühlen Orten führt. Dennoch fehlt es sowohl in Prag als auch auf nationaler Ebene an einem zentral koordinierten Hitzeaktionsplan, der klare Warnstufen und verbindliche Maßnahmen definiert.
Ein wesentlicher Grund für diese politische Zurückhaltung liegt in der Zusammensetzung der Regierung unter Premierminister Andrej Babiš. Mit der Motoristenpartei und der SPD sind Kräfte an der Macht, die dem Klimawandel skeptisch gegenüberstehen. Besonders deutlich wurde dies durch den tschechischen Außenminister Petr Macinka, der kurz nach seinem Amtsantritt im Dezember erklärte, die Klimakrise sei beendet. In der Folge ließ er mehrere Arbeitsgruppen zur Klimapolitik auflösen, was bei Experten wie Žák auf Unverständnis stößt.
Realität trifft auf politische Rhetorik
Die zunehmende Gefahr von Waldbränden – wie sie in der Böhmischen Schweiz bereits mehrfach aufgetreten sind – zwingt die Politik jedoch zur Auseinandersetzung mit der Realität. Selbst innerhalb der Motoristenpartei ist ein vorsichtiger Wandel in der Kommunikation zu beobachten. Umweltminister Igor Červený räumte zuletzt ein, dass sich das Klima verändert und das Land auf diese Entwicklung reagieren müsse.
Für Wissenschaftler wie Michal Žák ist dieser Sinneswandel längst überfällig. Er betont, dass die Erderwärmung ein langfristiger Prozess ist, der auch bei einer sofortigen Reduktion von Emissionen nicht unmittelbar stoppt. Die Stadt Prag steht somit vor der Herausforderung, trotz politischer Widerstände und einer historisch gewachsenen, hitzeanfälligen Bausubstanz, nachhaltige Wege für eine lebenswerte Zukunft zu finden.