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KI im Wahlkampf in Israel: "Wählermanipulation in nie dagewesener Art."
Technik · 28.07.2026 06:21

KI im Wahlkampf in Israel: "Wählermanipulation in nie dagewesener Art."

Kurz: Der aktuelle israelische Wahlkampf wird erstmals massiv durch KI beeinflusst. Experten warnen vor gezielter Manipulation und einer Gefahr für die Demokratie.

Eine neue Ära der politischen Auseinandersetzung

Israel steht vor einer Zäsur in seiner politischen Kultur. Der laufende Wahlkampf, der in die Abstimmung am 27. Oktober mündet, ist der erste in der Geschichte des Landes, der maßgeblich durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) geprägt wird. Was als technologische Neuerung begann, hat sich laut Experten zu einem besorgniserregenden Phänomen entwickelt, das nicht nur die öffentliche Meinung beeinflussen, sondern das Vertrauen in den demokratischen Prozess selbst untergraben könnte.

Die Grenzen der Wahrnehmung verschwimmen

Längst sind KI-generierte Inhalte nicht mehr an einfachen Fehlern wie anatomischen Unstimmigkeiten zu erkennen. Die KI-Expertin Tehilla Shwartz Altshuler betont, dass die Qualität der Fälschungen mittlerweile so hoch ist, dass eine Unterscheidung zwischen authentischem Material und künstlich erzeugten Inhalten für den Durchschnittsbürger kaum noch möglich ist. Diese Entwicklung führt zu einer Informationsflut, die es den Wählern erschwert, die nötige Distanz und kritische Prüfung walten zu lassen.

Ein prominentes Beispiel für diese neue Art der Kampagnenführung ist ein Video aus dem Umfeld von Finanzminister Bezalel Smotrich. Darin wird der politische Gegner Gadi Eisenkot in einer frei erfundenen Szene gemeinsam mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas gezeigt, um den Eindruck einer drohenden politischen Kehrtwende zu erwecken. Obwohl formelle Beschwerden bei der Wahlaufsicht eingereicht wurden, entfaltete das Video seine Wirkung in den sozialen Medien bereits in vollem Umfang – ein typisches Muster für die virale Verbreitung solcher Inhalte.

Manipulationspotenzial durch personalisierte Bots

Die Gefahr geht jedoch weit über manipulierte Videos hinaus. Experten wie Daniel Jacobs von der israelischen Ombudsstelle warnen vor Netzwerken aus Bots und gefälschten Identitäten, die gezielt Desinformation verbreiten. Besonders kritisch wird die Fähigkeit von Chatbots bewertet, personalisierte Nachrichten über Kanäle wie WhatsApp zu versenden oder sogar täuschend echte Stimmen zu imitieren.

Ein beängstigendes Szenario ist die gezielte Unterdrückung von Wählerstimmen durch psychologische Manipulation. So könnten Wähler am Wahltag durch automatisierte Anrufe mit erfundenen Warnungen vor Unruhen oder Sicherheitsrisiken in ihrem jeweiligen Wahllokal von der Stimmabgabe abgehalten werden. Die KI-Systeme sind dabei in der Lage, ihre Botschaften in Echtzeit an die individuelle Situation des Empfängers anzupassen, was eine neue Dimension der Wählermanipulation darstellt.

Die Rolle ausländischer Akteure und staatliche Defizite

Neben den internen politischen Akteuren stehen auch ausländische Einflüsse im Fokus. Sicherheitsbehörden beobachten mit Sorge, wie Akteure, etwa aus dem Iran, versuchen, durch gezielte Falschinformationen die gesellschaftliche Spaltung in Israel weiter zu vertiefen. Die Kritik an den staatlichen Institutionen ist dabei deutlich: Die Ombudsstelle bemängelt, dass sich die Behörden trotz der absehbaren Risiken nicht ausreichend auf die digitale Bedrohung vorbereitet haben. Forderungen nach einer zentralen Meldestelle für KI-Verstöße blieben bislang ohne Umsetzung.

Zwischen Propaganda und ethischer Verantwortung

Die Debatte um den Einsatz von KI führt auch zu einer Diskussion über ethische Standards. Während Wahlkampfmanager wie Moshe Klughaft fordern, dass politische Gegner zwar hart angegriffen werden dürfen, eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit jedoch eine rote Linie darstelle, sieht die Realität anders aus. Auch aktuelle Videos von Premierminister Benjamin Netanjahu, die seinen Kontrahenten Eisenkot in einem hochgradig provokanten Kontext zeigen, stehen in der Kritik, da sie die erforderliche Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte vermissen lassen.

Kommunikationswissenschaftler bezeichnen das aktuelle Umfeld bereits als „Propagandalabor“ oder „Slopaganda“. Der Begriff beschreibt eine Mischung aus Abfall und Propaganda, bei der die Entmenschlichung des politischen Gegners im Vordergrund steht. Das Ziel ist oft nicht die inhaltliche Überzeugung, sondern die Provokation und die Entmutigung der gegnerischen Wählerschaft.

Die Gefahr für den sozialen Frieden

Die größte Sorge der Experten gilt der Zeit nach der Wahl. Wenn ein signifikanter Teil der Bevölkerung aufgrund der KI-gesteuerten Kampagnen nicht mehr an die Legitimität des Wahlergebnisses glaubt, drohen Instabilität, Unruhen und ein tiefer Riss in der Gesellschaft. Präsident Izchak Herzog hat bereits eindringlich dazu aufgerufen, von Ausschreitungen abzusehen und den Wahlkampf nicht in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand abgleiten zu lassen.

Angesichts dieser Herausforderungen bleibt die Empfehlung von Experten wie Altshuler, den Informationen aus dem Netz mit größter Skepsis zu begegnen, das direkte Gespräch mit Mitmenschen zu suchen und sich trotz der manipulativen Atmosphäre an der Wahl zu beteiligen, um die demokratische Teilhabe nicht den Algorithmen zu überlassen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/strassenansicht-des-israel-museums-bei-bewolktem-himmel-38430997/ · Foto: Anat Landa
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/asien/israel-wahlkampf-ki-100.html