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Kassel kann Ganztag
Regional · 31.08.2026 17:00

Kassel kann Ganztag

Kurz: Kassel erreicht einen Meilenstein: 27 von 28 Grundschulen bieten bereits flächendeckend Ganztagsangebote an und übertreffen damit den bundesweiten Rechtsanspruc

Ein Meilenstein für die Bildungslandschaft in Kassel

Die Stadt Kassel hat im Bereich der schulischer Betreuungsangebote eine Vorreiterrolle eingenommen, die weit über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgeht. Während zum 1. August 2026 der bundesweite Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Kinder im Grundschulalter in Kraft getreten ist – zunächst gestaffelt für die erste Klassenstufe – präsentiert sich Kassel als bestens vorbereitet. Von den insgesamt 28 Grundschulen und Grundstufen der Stadt verfügen bereits 27 über ein umfassendes Ganztagsangebot, das für sämtliche Klassenstufen gilt. Dieser Fortschritt ist das Ergebnis einer langjährigen, strategischen Planung, die darauf abzielt, Familien eine verlässliche Vereinbarkeit von Alltag und Beruf zu ermöglichen. Bürgermeisterin und Bildungsdezernentin Nicole Maisch betont, dass dieser Erfolg auf einer jahrelangen, intensiven Zusammenarbeit innerhalb der Stadtverwaltung sowie mit zahlreichen externen Akteuren basiert. Für die Familien in Kassel bedeutet dies eine konkrete Entlastung, da sie sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder in einem strukturierten Rahmen gut betreut und pädagogisch begleitet werden. Der Rechtsanspruch wird dabei nicht als Endpunkt, sondern als Meilenstein in einem fortlaufenden Entwicklungsprozess verstanden, der stetig an die Bedürfnisse der Kinder und Eltern angepasst wird.

Struktur, Zahlen und die Umsetzung vor Ort

Die Dimensionen des Kasseler Ganztagsprogramms sind beachtlich. Von den rund 7.500 Grundschulkindern in der Stadt nehmen derzeit mehr als 90 Prozent die angebotenen Ganztagsplätze in Anspruch. Diese hohe Akzeptanz unterstreicht den Bedarf, den die Stadt bereits frühzeitig erkannt hat. Die bauliche Umsetzung erforderte dabei höchst individuelle Lösungen. Stadtklimarätin und Baudezernentin Simone Fedderke erläutert, dass die Maßnahmen je nach Standort stark variierten: Während an einigen Schulen lediglich ein Speisesaal mit zugehöriger Küche in bestehende Räumlichkeiten integriert werden musste, waren an anderen Standorten umfangreiche Erweiterungsbauten samt Mensa notwendig. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf der Nachhaltigkeit. Die neuen Gebäude wurden mit moderner Dämmung, Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, Gründächern sowie Photovoltaikanlagen ausgestattet. Zudem wurde bei nahezu allen Erweiterungen auf eine klimafreundliche Holzbauweise gesetzt, die nicht nur ökologisch sinnvoll ist, sondern auch eine angenehme, kindgerechte Atmosphäre schafft. Diese Investitionen in die physische Infrastruktur sind ein zentraler Pfeiler für die pädagogische Qualität, die über das reine Betreuungsangebot weit hinausgeht.

Eine Entwicklung mit zwei Jahrzehnten Vorlauf

Der aktuelle Stand ist keineswegs das Ergebnis kurzfristiger Entscheidungen, sondern das Resultat einer 20-jährigen Aufbauarbeit. Bereits im Jahr 2006 tätigte die Stadt erste Investitionen in Ganztagsangebote an sieben ausgewählten Grund- und Förderschulen, darunter die Valentin-Traudt-Schule, wo schon damals eine Mensa für 40 Kinder entstand. Seit dem Schuljahr 2015/16 ist Kassel zudem fester Bestandteil des hessischen Landesprofils „Pakt für den Ganztag“. In den vergangenen zwei Jahrzehnten flossen über 70 Millionen Euro in die bauliche Infrastruktur. Würde man diese Summen auf heutige Baupreise hochrechnen, entspräche dies einem Investitionsvolumen von weit über 120 Millionen Euro. Diese kontinuierliche Entwicklung hat es ermöglicht, ein stabiles Fundament zu schaffen, auf dem die heutigen, multiprofessionellen Teams aufbauen können. Die Stadt hat somit frühzeitig auf den demografischen und gesellschaftlichen Wandel reagiert, der eine verlässliche Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder zunehmend zu einer notwendigen Bedingung für die Teilhabe am Arbeitsmarkt und eine gerechte Bildungschance gemacht hat.

Die Akteure und das multiprofessionelle Netzwerk

Das Kasseler Modell zeichnet sich durch eine enge Verzahnung verschiedener Professionen aus. Unter der Gesamtverantwortung der jeweiligen Schulleitung arbeiten Lehrkräfte, pädagogisches Personal, Horterzieher sowie externe Partner wie die Stadtbild gGmbH zusammen. Letztere stellt an den Ganztagsstandorten mehr als 200 Mitarbeitende bereit, die zusätzliche Sachkunde in die Schulen einbringen. Boris Reichenbach, Leiter des städtischen Amts für Schule und Bildung, hebt hervor, dass sich die multiprofessionelle Zusammenarbeit auch auf der Leitungsebene manifestiert. Ein Leitungsteam, bestehend aus Schulleitung, Hortleitung und Schulbezogener Sozialarbeit (Schubs), plant gemeinsam den Einsatz der Ressourcen und die pädagogische Rahmung. Zum 1. August 2026 wurde zudem ein neues Sachgebiet namens „Ganztag und Schulbezogene Sozialarbeit“ geschaffen, in dem 29 Mitarbeitende der Schulbezogenen Sozialarbeit zusammengeführt wurden. Diese zentrale Stelle koordiniert die Entwicklung der Standorte und fungiert als Bindeglied zwischen den Fachämtern und Partnern wie dem Amt für Kindertagesbetreuung, das durch qualifiziertes Personal maßgeblich zur Qualitätssicherung beiträgt.

Einordnung der pädagogischen und baulichen Strategie

Einzuordnen ist das Kasseler Vorgehen als eine ganzheitliche Strategie, bei der Pädagogik, Personal und Raum als untrennbare Einheit betrachtet werden. Die Schule am Jungfernkopf dient hierfür als aktuelles Beispiel: Durch den Umbau einer ehemaligen Rundsporthalle zur Mensa und den Neubau von Ganztagsräumen wurde ein Lebensraum geschaffen, der den Anforderungen an eine moderne Schule gerecht wird. Die Stadtverwaltung betont, dass es nicht nur um die bloße Verwahrung von Kindern geht, sondern um die Gestaltung von Orten des Lernens, Wachsens und Lachens. Die Priorisierung des Ganztags hat es zudem ermöglicht, einen Teil des bestehenden Sanierungsstaus in den Schulgebäuden abzubauen. Den Berichten der Stadt zufolge ist man sich jedoch bewusst, dass durch diese Fokussierung andere notwendige Aufgaben an Schulen, die nicht im Ganztagsprogramm priorisiert wurden, zeitweise zurückstehen mussten. Dennoch wird dieser Weg als alternativlos und richtig bewertet, um eine zukunftsfähige Bildungslandschaft zu etablieren, auch wenn die Bewältigung des gesamten Sanierungsbedarfs weiterhin eine gewaltige Aufgabe für die kommenden Jahre bleibt.

Offene Fragen und verbleibende Herausforderungen

Obwohl die Stadt Kassel eine beeindruckende Bilanz vorweisen kann, bleiben einige Aspekte im Rahmen der vorliegenden Informationen unbeantwortet. So wird zwar der enorme Investitionsbedarf für die Zukunft erwähnt, eine detaillierte Aufstellung oder zeitliche Planung, wann genau der verbleibende Sanierungsstau an den nicht-ganztägigen Schulen oder den übrigen Schulzweigen vollständig abgearbeitet sein wird, lässt der Quelltext offen. Auch bleibt unklar, wie die Stadt auf die langfristige Finanzierung der laufenden Betriebskosten reagiert, sollte die Nachfrage nach Ganztagsplätzen die 90-Prozent-Marke noch weiter überschreiten. Zudem fehlen konkrete Angaben darüber, wie die individuelle Qualitätssicherung in den unterschiedlichen, teils historisch gewachsenen Gebäuden langfristig einheitlich gehalten werden kann, wenn die baulichen Voraussetzungen so stark voneinander abweichen. Ebenso wird nicht spezifiziert, welche konkreten Auswirkungen die neue digitale Lösung für Organisation und Kommunikation auf die Arbeitsbelastung des pädagogischen Personals haben wird, da sich das Vergabeverfahren hierfür noch in der laufenden Phase befindet.

Der Weg in die Zukunft: Nächste Schritte

Die Stadt Kassel hat bereits den nächsten Meilenstein fest im Blick. Als letzter noch fehlender Grundschulstandort soll die Grundschule Wolfsanger-Hasenhecke zum Schuljahr 2027/28 in das Ganztagsprogramm überführt werden. Bis dahin wird den dortigen Eltern weiterhin ein Hortangebot zur Betreuung ihrer Kinder bereitgestellt. Parallel dazu treibt die Stadt die Qualitätsentwicklung voran, die auf den Stadtverordnetenbeschluss „Qualität im Ganztag“ von 2016 zurückgeht. Schwerpunkte wie Inklusion, MINT-Förderung und kulturelle Bildung sollen weiterhin gestärkt werden. Ein weiterer konkreter Schritt ist die Einführung einer digitalen Plattform, die die Kommunikation zwischen Familien und Fachkräften datenschutzkonform organisieren und papierbasierte Prozesse reduzieren soll. Die Verantwortlichen, Bildungsdezernentin Nicole Maisch und Baudezernentin Simone Fedderke, betonen, dass die Arbeit am Ganztag ein kontinuierlicher Prozess bleibt. Man wolle nicht nur über die Kinder sprechen, sondern diese aktiv an der Gestaltung ihrer Lebensräume beteiligen, um so einen wesentlichen Beitrag zu mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit in der Stadt zu leisten.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/ruhiger-nachmittagsspaziergang-im-frankfurter-park-28550279/ · Foto: nana
Quelle: https://www.kassel.de/pressemitteilungen/august/kassel-kann-ganztag.php