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Kartellamt-Bedenken: Zukunft der meisten Tegut-Märkte in Hessen ist unklar
Regional · 21.08.2026 10:16

Kartellamt-Bedenken: Zukunft der meisten Tegut-Märkte in Hessen ist unklar

Kurz: Das Bundeskartellamt bremst Edekas Übernahmepläne für Tegut-Märkte. Während die Zukunft vieler Standorte ungewiss bleibt, gibt es für Einzelfälle Lösungen.

Die aktuelle Lage: Ungewissheit für zahlreiche Standorte

Die Zukunft der Lebensmittelversorgung in vielen hessischen Kommunen steht derzeit auf dem Spiel. Der Schweizer Mutterkonzern Migros hat den Entschluss gefasst, sich vollständig aus dem deutschen Markt zurückzuziehen, was das Ende der Supermarktkette Tegut in ihrer bisherigen Form einläutet. Betroffen sind insgesamt rund 300 Filialen im gesamten Bundesgebiet, von denen sich allein 160 Standorte in Hessen befinden. Während der Edeka-Konzern als Marktführer sein Interesse an einer Übernahme von etwa 200 dieser Märkte bekundet hat, stößt dieses Vorhaben auf massiven Widerstand beim Bundeskartellamt. Die Wettbewerbsbehörde hat bereits signalisiert, dass sie erhebliche Bedenken gegen das Vorhaben hegt, da die Marktkonzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ohnehin bereits ein kritisches Niveau erreicht habe. Für die betroffenen Gemeinden, insbesondere im ländlichen Raum, bedeutet dies eine Zeit der Unsicherheit. Viele Bürger fürchten, dass mit dem Verschwinden der Tegut-Märkte die letzte verbliebene Einkaufsmöglichkeit vor Ort verloren geht, was insbesondere für ältere Menschen ohne eigenes Fahrzeug eine erhebliche Verschlechterung ihrer Lebensqualität bedeuten würde.

Details zur Marktsituation und den Akteuren

Die Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit der Lage: Rund 40 der 160 hessischen Tegut-Standorte liegen in Ortschaften mit weniger als 5.000 Einwohnern. In diesen Regionen fungieren die Märkte häufig als zentrale Anlaufstelle für die Nahversorgung. Während Edeka versucht, seine Marktposition durch die Übernahme von 200 Filialen weiter auszubauen, betont das Bundeskartellamt unter seinem Präsidenten Andreas Mundt die Notwendigkeit einer intensiven Prüfung. Aktuell entfallen bereits mehr als 90 Prozent des Umsatzes im deutschen Lebensmitteleinzelhandel auf lediglich vier Großkonzerne. Edeka nahm dabei im vergangenen Jahr mit einem Marktanteil von über 25 Prozent die Spitzenposition ein. Die Behörde bewertet die von Edeka angebotenen Zusagen zur Entschärfung der wettbewerblichen Bedenken als derzeit unzureichend. Neben dem Edeka-Komplex gibt es jedoch auch positive Nachrichten für einzelne Standorte: Die genossenschaftlich organisierte Kette Tante Enso hat die Übernahme von 16 hessischen Filialen bereits erfolgreich in die Wege geleitet. Zudem werden zwei inhabergeführte Geschäfte in den nordhessischen Orten Lichtenfels-Sachsenberg und Haina-Löhlbach ab September durch die Lüning-Gruppe weitergeführt.

Historischer Kontext und Hintergründe des Rückzugs

Der Rückzug von Migros aus dem deutschen Markt markiert einen Wendepunkt für die Traditionsmarke Tegut. Über Jahrzehnte hinweg war das Unternehmen fest in der hessischen Einzelhandelslandschaft verankert. Die Entwicklung hin zu immer größeren Supermärkten hat den Druck auf kleinere, oft inhabergeführte oder spezialisierte Läden in den vergangenen Jahren stetig erhöht. Thomas Gutberlet, der bis 2024 als Geschäftsführer von Tegut fungierte und aus der Gründerfamilie des Unternehmens stammt, beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Er weist darauf hin, dass zwei Drittel der Landbevölkerung zunehmend Schwierigkeiten haben, ihre Einkäufe fußläufig zu erledigen. Mit seinem neuen Unternehmen Tante Enso versucht er, diesem Trend entgegenzuwirken, indem er auf ein Konzept setzt, das auch in kleineren Ortschaften funktioniert, in denen Personal nur zeitweise vor Ort ist. Die Geschichte von Tegut ist eng mit der Region verbunden, weshalb der geplante Verkauf nicht nur eine wirtschaftliche Transaktion, sondern auch einen tiefgreifenden Einschnitt in die soziale Infrastruktur vieler hessischer Gemeinden darstellt.

Die betroffenen Akteure und ihre Positionen

Die Akteure in diesem Prozess verfolgen unterschiedliche Interessen. Auf der einen Seite steht das Bundeskartellamt, das den Wettbewerb schützen muss und vor einer weiteren Marktmachtkonzentration warnt. Auf der anderen Seite steht der hessische Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD), der die Perspektive der betroffenen Bevölkerung einnimmt. Mansoori kritisiert die Haltung der Behörde als zu theoretisch und fordert eine lebensnahe Betrachtung. Er betont, dass der Verlust von Arbeitsplätzen und der Nahversorgung in ländlichen Räumen schwerwiegende Folgen habe. Die betroffenen Kommunen, wie beispielsweise Poppenhausen in der Rhön mit ihren 2.750 Einwohnern, haben sich aktiv für den Erhalt ihrer Einkaufsmöglichkeit eingesetzt. Bürgermeisterin Alexandra Ballweg bezeichnete den Erhalt des Supermarktes als kritische Infrastruktur. Durch eine Genossenschaftsinitiative, bei der sich 600 Bürger mit jeweils 100 Euro beteiligten, konnte der Fortbestand des Marktes in Poppenhausen unter dem Namen Tante Enso gesichert werden. Diese genossenschaftliche Lösung wird von den Wettbewerbshütern als unbedenklich eingestuft, da Tante Enso über eine deutlich geringere Marktstellung verfügt als die großen Handelsketten.

Einordnung der kartellrechtlichen Debatte

Die Debatte lässt sich einordnen als ein Spannungsfeld zwischen ökonomischer Effizienz und sozialer Daseinsvorsorge. Den Berichten zufolge ist das Kartellrecht darauf ausgerichtet, Monopole und marktbeherrschende Stellungen zu verhindern, um Verbraucher vor Preissteigerungen und mangelnder Auswahl zu schützen. Dennoch argumentieren Kritiker wie Wirtschaftsminister Mansoori, dass eine rein wettbewerbsorientierte Sichtweise die soziale Realität in ländlichen Räumen ausblende. Wenn das Kartellrecht dazu führe, dass Übernahmen verhindert werden, ohne dass tragfähige Alternativen für die Nahversorgung existieren, verliere das Recht seine praktische Relevanz für die Bürger. Die Behörde hingegen argumentiert, dass eine weitere Konzentration bei Edeka die Wahlfreiheit der Kunden dauerhaft einschränken könnte. Die vorläufige Ablehnung der Edeka-Zusagen zeigt, dass die Wettbewerbshüter keine Kompromisse eingehen wollen, die das Gefüge des Marktes weiter zu Ungunsten des Wettbewerbs verschieben könnten. Es ist ein klassischer Zielkonflikt: Der Schutz des Wettbewerbs versus der Erhalt der lokalen Infrastruktur.

Offene Fragen und verbleibende Lücken

Der aktuelle Kenntnisstand lässt zahlreiche Fragen unbeantwortet, die für die betroffenen Gemeinden von zentraler Bedeutung sind. Zunächst bleibt völlig unklar, welche konkreten Standorte von der Edeka-Übernahme letztlich betroffen sein werden, falls die Verhandlungen mit dem Bundeskartellamt scheitern oder modifiziert werden müssen. Ebenso bleibt offen, ob für die verbleibenden Tegut-Filialen, die nicht von Tante Enso oder der Lüning-Gruppe übernommen werden, überhaupt noch andere Investoren zur Verfügung stehen. Es ist nicht bekannt, wie viele Arbeitsplätze bei einem Scheitern der Übernahmepläne tatsächlich gefährdet sind und ob es seitens der Politik oder des Mutterkonzerns Migros Auffangpläne für diese Mitarbeiter gibt. Auch die Frage, ob die Bundesregierung auf die Forderung von Minister Mansoori reagieren wird, sich in den Prozess einzuschalten, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet. Es fehlen zudem detaillierte Informationen darüber, welche anderen Handelsketten neben Edeka überhaupt Interesse an einer Übernahme der restlichen Standorte gezeigt haben oder ob diese Märkte schlichtweg vor der Schließung stehen.

Der Ausblick auf die kommenden Monate

Die kommenden Wochen werden entscheidend für die betroffenen Standorte sein. Ab September wird in den 16 von Tante Enso übernommenen Filialen ein neues Konzept Einzug halten, das den Betrieb mit reduziertem Personaleinsatz vorsieht. Auch für die zwei Standorte in Waldeck-Frankenberg ist der Übergang zur Lüning-Gruppe für September terminiert. Hinsichtlich der 200 von Edeka angestrebten Übernahmen steht die endgültige Entscheidung des Bundeskartellamts noch aus. Die Behörde hat angekündigt, den Fall weiterhin intensiv zu untersuchen, da die bisherigen Vorschläge des Konzerns zur Ausräumung der Bedenken nicht ausreichen. Es ist davon auszugehen, dass Edeka nun nachbessern muss, um die wettbewerbsrechtlichen Hürden zu nehmen. Ob dies rechtzeitig geschieht, bevor die Migros ihren Rückzug aus dem deutschen Markt vollzieht, bleibt abzuwarten. Die betroffenen Gemeinden und die dort lebenden Menschen müssen sich daher auf weitere Monate der Ungewissheit einstellen, bis eine endgültige Klärung der Eigentumsverhältnisse und der künftigen Betreiberkonzepte vorliegt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/historisches-rathaus-in-weimar-deutschland-36136679/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-kartellamt-bedenken-zukunft-der-meisten-tegut-maerkte-in-hessen-ist-unklar-100.html