Was geschehen ist: Die Uraufführung von „Unter Tieren“ in Salzburg
Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen fand die Uraufführung von Elfriede Jelineks neuestem Werk mit dem Titel „Unter Tieren“ statt. Unter der Regie von Nicolas Stemann wurde das Stück auf der Perner-Insel im österreichischen Hallein präsentiert. Die Aufführung erstreckte sich über eine Dauer von fast vier Stunden, wobei das Publikum auf eine intensive und fordernde Auseinandersetzung mit dem Thema Kapitalismus traf. Das Stück zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Besetzung aus, da die Protagonisten der Handlung ausschließlich Tiere sind, die über die komplexen und oft unverständlichen Mechanismen der modernen Wirtschaft philosophieren. Die Inszenierung verbindet dabei dramatische Sprechpassagen mit musikalischen Elementen, wobei Burgschauspieler in verschiedenen Rollen – mal als Puppen, mal in Halbkostümen oder mit Masken – auftreten. Die Kernbotschaft des Werkes kreist um die Frage, was von der menschlichen Zivilisation und dem Individuum übrig bleibt, wenn das kapitalistische System seine zerstörerische Kraft entfaltet. Die Resonanz des Publikums war dabei gespalten, was sich in einer spürbaren Abwanderung während der langen Spieldauer sowie einem verhaltenen Schlussjubel widerspiegelte.
Die Einzelheiten: Akteure, Szenen und ökonomische Reflexionen
Das Stück „Unter Tieren“ lässt eine Vielzahl von Kreaturen zu Wort kommen, die jeweils spezifische wirtschaftliche Aspekte beleuchten. Ein Hase hinterfragt die Sinnhaftigkeit von Kreditaufnahmen, während ein anderer die Theorie der Geldentstehung durch reinen Tausch und die damit verbundenen, flüchtigen Profite erläutert. Tauben fungieren als Chronisten von Bankenskandalen und Immobilienkrisen, die ihnen buchstäblich den Lebensraum entziehen. Ein Bär setzt sich mit binärer Logik auseinander, und Stockenten diskutieren die Ungerechtigkeit von Steuernachlässen für wohlhabende Schichten. Weitere Rollen übernehmen Esel, Schafe, Rinder, Affen und ein Delphin. Besonders eindrücklich sind die Szenen mit Schweinen, die als kleine rosa Handpuppen dargestellt werden. Diese thematisieren ihre eigene Verarbeitung zu Nahrungsmitteln und die Reduktion des Lebewesens zur bloßen Ware. Die Inszenierung nutzt zudem Masken, die an René Benko erinnern, um das Mobiliar der Bühne zu räumen, während die Schauspieler die Absurdität der modernen Ökonomie verkörpern. Musikalische Einlagen, darunter eine Blasmusikkapelle sowie sakrale und chansonhafte Gesänge, gliedern den langen Abend.
Hintergrund: Jelineks Auseinandersetzung mit der Ökonomie
Die Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Elfriede Jelinek. In „Unter Tieren“ verzichtet die Autorin jedoch auf die klassische Fabelform, in der Tiere als moralische Lehrmeister dienen. Stattdessen fungieren sie als Überlebende der Verwüstungen, die durch ein entfesseltes Wirtschaftssystem verursacht wurden. Jelinek selbst räumt ein, die komplexen Zusammenhänge der globalen Ökonomie nicht vollständig zu durchdringen, und nutzt die Ahnungslosigkeit der Tiere als literarisches Vehikel. Die stoffliche Substanz des Stücks ist eine Collage aus verschiedenen Quellen, darunter ökonomische Theorien von Karl Marx, Bernhard Laum und David Graeber, vermischt mit medialen Eindrücken aus Skandalen und Manager-Phrasen. Das Stück spiegelt den Eindruck wider, dass Kredite haltlos vergeben werden und Zinsen als destruktive Kraft wahrgenommen werden. Es ist ein Versuch, das Empörende der Geldwirtschaft sichtbar zu machen, anstatt die rationalen Mechanismen zu erklären, die hinter der modernen Finanzwelt stehen.
Die Beteiligten: Ensemble und Regie in Salzburg
Die Inszenierung unter der Leitung von Nicolas Stemann stützt sich maßgeblich auf die Präsenz der Burgschauspieler. Diese agieren in einer Weise, die es ihnen erlaubt, Empörung und Ratlosigkeit gleichermaßen darzustellen, ohne dabei in eine rein realistische Rollenzeichnung zu verfallen. Die Schauspieler bewegen sich zwischen verschiedenen Ausdrucksformen: Sie agieren als Puppenspieler, tragen hufförmige Fußbekleidung oder treten in großen Masken auf. Besonders hervorzuheben ist die Arbeit des Ensembles bei der Darstellung der Schweine-Szenen, bei denen die Schauspieler die Handpuppen mit einer Intensität führen, die das Grauen der industriellen Fleischverarbeitung spürbar macht. Die Regieentscheidung, die Schauspieler nicht als Individuen, sondern als Teil eines kollektiven, fast chorischen Sprechspiels agieren zu lassen, unterstreicht den Charakter des Stücks als „Sing- und Sprechspiel“. Die Zusammenarbeit zwischen Stemann und dem Ensemble ist geprägt von einer hohen physischen Anforderung, da die Schauspieler über vier Stunden hinweg die Spannung zwischen Komik und Melodramatik aufrechterhalten müssen.
Einordnung: Die Hölle des Kapitalismus
Einzuordnen ist das Stück als eine radikale, wenn auch fragmentarische Kritik an der modernen Profitwirtschaft. Den Berichten zufolge gelingt es Jelinek und Stemann, die Absurdität eines Systems zu entlarven, das auf Schulden und unerfüllten Versprechen basiert. Die Wahl der Tiere als Sprachrohr dient dazu, die Entfremdung des Menschen von seiner eigenen Lebensgrundlage zu verdeutlichen. Die Inszenierung wird als ein Werk wahrgenommen, das den Zuschauer nicht mit fertigen Antworten entlässt, sondern ihn mit der Ratlosigkeit der Kreaturen konfrontiert. Kritisch zu bewerten ist jedoch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die in der Inszenierung als Projektion von Peter Thiel auftritt. Diese Sequenzen wirken in der Gesamtkomposition eher wie ein Fremdkörper und schwächen die inhaltliche Dichte ab. Dennoch bleibt das Stück ein eindringliches Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit, mit der gesellschaftliche Akteure die Grausamkeiten des Marktes hinnehmen. Die Hölle, so lässt sich der Tenor interpretieren, besteht nicht allein aus den Machenschaften der Mächtigen, sondern auch aus der stillen Akzeptanz der Konsumenten.
Offene Fragen: Was das Stück unbeantwortet lässt
Obwohl das Stück eine Vielzahl an ökonomischen Themen anspricht, bleiben zentrale Fragen offen. Der Quelltext verdeutlicht, dass Jelinek keine ökonomische Analyse im klassischen Sinne liefert, sondern eine Collage aus Empfindungen und medialen Versatzstücken. Es bleibt unklar, ob die gewählte Form der Tier-Metapher tatsächlich ausreicht, um die komplexen Zusammenhänge zwischen Finanzmärkten und menschlichem Leid in ihrer Tiefe zu erfassen. Zudem beantwortet das Stück nicht die Frage, ob die Integration von Künstlicher Intelligenz als Regiemittel einen substanziellen Mehrwert bietet oder ob sie lediglich eine Form der Eigenwerbung darstellt, die den Fokus von der eigentlichen Textsubstanz ablenkt. Auch bleibt offen, wie eine theoretische Alternative zum beschriebenen Kapitalismus aussehen könnte, da das Stück primär im Modus der Anklage und der Verzweiflung verharrt. Die Lücke zwischen der abstrakten Finanzwelt und der konkreten Lebensrealität der Individuen wird zwar thematisiert, eine Brücke zur Überwindung dieser Distanz wird jedoch nicht geschlagen.
Wie es weitergeht: Nach der Uraufführung
Nach der erfolgreichen, wenn auch kräftezehrenden Uraufführung bei den Salzburger Festspielen stellt sich die Frage nach der weiteren Rezeption des Werkes. Die Inszenierung von Nicolas Stemann ist als ein spezifisches Ereignis für den Aufführungsort auf der Perner-Insel konzipiert, was eine Übertragung auf andere Bühnenformen erschweren könnte. Da das Stück stark auf die akustische und visuelle Gestaltung durch das Ensemble sowie die spezifische räumliche Anordnung setzt, bleibt abzuwarten, ob es in den Spielplan des Burgtheaters oder anderer Häuser übernommen wird. Die Diskussion über die Länge des Stücks und die Akzeptanz des Publikums wird in den kommenden Wochen sicherlich Teil der theaterwissenschaftlichen Debatte sein. Weitere Entscheidungen über eine mögliche Wiederaufnahme oder eine Tournee-Version wurden im vorliegenden Quelltext nicht genannt. Das Publikum, das die vierstündige Aufführung bis zum Ende verfolgte, hat mit seinem Applaus zumindest die künstlerische Leistung des Ensembles gewürdigt, was als Indiz für die Relevanz der Auseinandersetzung mit dem Thema gewertet werden kann.