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Politik · 31.07.2026 19:56

Interview der Woche - Russische Oppositionelle Galjamina: "USA und Europa könnten Putin zu Kriegsende bewegen"

Kurz: Die russische Oppositionelle Julia Galjamina sieht die Verantwortung für ein Ende des Ukraine-Krieges bei den USA und Europa, statt bei der russischen Bevölkeru

Die Grenzen des zivilen Widerstands in Russland

Die russische Oppositionelle Julia Galjamina zeichnet ein ernüchterndes Bild der aktuellen politischen Lage in ihrem Heimatland. Trotz einer weit verbreiteten Sehnsucht nach Frieden in der russischen Bevölkerung, die laut Galjamina etwa 80 Prozent der Menschen umfasst, sieht sie kaum Möglichkeiten für einen internen Wandel. Die ehemalige Moskauer Kommunalpolitikerin betont, dass der russische Staatschef Wladimir Putin nicht bereit sei, den Angriffskrieg gegen die Ukraine aus eigenem Antrieb zu beenden. Stattdessen richtet sie ihren Blick auf die internationale Gemeinschaft.

Der Westen als entscheidender Akteur

Nach Einschätzung der Philologin liegt der Schlüssel zur Beendigung der Kampfhandlungen bei den USA und den europäischen Staaten. Galjamina argumentiert, dass nur diese Akteure über den nötigen Einfluss verfügen, um Putin zu einem Einlenken zu bewegen. In diesem Zusammenhang appelliert sie an die europäische Öffentlichkeit sowie an die ukrainische Seite, die russische Bevölkerung nicht pauschal als Feindbild zu betrachten. Vielmehr sollten die Russen als potenzielle Verbündete im Kampf gegen ein gemeinsames Ziel gesehen werden: die Absetzung eines Regimes, das sie als Besatzer ihres eigenen Landes betrachtet.

Die Stimmung in der Bevölkerung: Zwischen Distanz und Wut

Die Wahrnehmung des Krieges innerhalb Russlands ist von einer komplexen Dynamik geprägt. Galjamina berichtet von einer wachsenden Kriegsmüdigkeit, die jedoch mit einer ambivalenten Wut einhergeht. Viele Menschen fühlen sich gleichermaßen von der eigenen Regierung als auch von der ukrainischen Führung im Stich gelassen. Besonders die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Infrastruktur, wie Ölanlagen oder Logistikzentren, stoßen bei der Bevölkerung auf Unverständnis. Die Argumentation der Menschen vor Ort lautet: Nicht sie hätten den Krieg begonnen, doch die Auswirkungen der Gegenangriffe träfen die einfache Zivilbevölkerung, während die politische Führung in Moskau weitgehend unberührt bleibe.

Widerstand im Alltag: Kleine Erfolge gegen das System

Trotz der massiven Repressionen sieht Galjamina punktuelle Erfolge der russischen Zivilgesellschaft. Sie führt die Verhinderung einer weiteren allgemeinen Mobilmachung sowie die Aufrechterhaltung des freien Internetzugangs auf den Druck der Bevölkerung zurück. Viele Menschen versuchten, sich durch eine bewusste Ignoranz gegenüber der staatlichen Kriegspropaganda zu entziehen. Diese Haltung beschreibt sie als eine Form der Distanzierung, bei der sich Bürgerinnen und Bürger aktiv aus dem ideologischen Diskurs ausklinken.

Strategien autoritärer Herrschaft und zivile Gegenwehr

Das russische System stützt sich laut der ehemaligen Jabloko-Politikerin auf zwei zentrale Säulen: die systematische Entpolitisierung und die Atomisierung der Gesellschaft. Um diesen Strukturen entgegenzuwirken, sei jede Form von gemeinschaftlichem Handeln von Bedeutung. Galjamina unterstreicht, dass in einem autoritären Umfeld bereits die Gründung eines Buchclubs oder die Organisation eines nachbarschaftlichen Stadtteilfestes als politische Handlung zu werten sei. Solche Aktivitäten fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt und untergraben die staatlich verordnete Isolation der Individuen.

Repressionen gegen Oppositionelle

Die persönliche Situation von Julia Galjamina verdeutlicht den Druck, dem Kritiker des Systems ausgesetzt sind. Aufgrund ihres Protests gegen den Krieg verbrachte sie bereits 30 Tage in Haft. Zudem wurde sie vom russischen Justizministerium als „ausländischer Agent“ eingestuft, was mit erheblichen juristischen und finanziellen Einschränkungen verbunden ist. Als Konsequenz wurde ihr unter anderem die Lehrtätigkeit untersagt. Trotz dieser persönlichen Konsequenzen setzt sie ihr politisches Engagement außerhalb ihrer ehemaligen Partei fort und sucht nach Wegen, den Dialog über die Grenzen hinweg aufrechtzuerhalten.

Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/russische-oppositionelle-galjamina-usa-und-europa-koennten-putin-zu-kriegsende-bewegen-100.html