Ein digitaler Neuanfang unter schwierigen Vorzeichen
Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 befindet sich Syrien in einem komplexen Transformationsprozess. Das Ziel, einen demokratischen Staat unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Gruppen zu etablieren, wird jedoch durch eine Vielzahl von Faktoren gebremst. Neben den physischen Zerstörungen des jahrelangen Krieges und einer tiefgreifenden wirtschaftlichen Krise spielt die digitale Infrastruktur eine zentrale Rolle – und diese erweist sich als äußerst fragil.
Die Hürden der Konnektivität
Der Zugang zum Internet bleibt für die syrische Bevölkerung auch eineinhalb Jahre nach der politischen Wende ein Privileg. Laut Daten des Beratungsunternehmens Kepios nutzte Ende 2025 nur ein Drittel der Menschen das Netz. Die Gründe hierfür sind vielfältig:
* **Zerstörte Infrastruktur:** Viele Mobilfunkmasten wurden durch Luftangriffe beschädigt und harren noch immer der Reparatur.
* **Vandalismus:** Kupfer- und Glasfaserkabel werden regelmäßig von organisierten Banden entwendet, was ganze Stadtviertel von der Außenwelt abschneidet.
* **Energiekrise:** Die instabile Stromversorgung führt dazu, dass Internetanschlüsse oft nur stundenweise funktionieren.
Die Qualität der Verbindung ist laut dem Speedtest Global Index eine der schlechtesten weltweit. Zudem belasten hohe Kosten die Haushalte: Internetpakete können bis zu 20 Prozent eines Mindestlohns verschlingen, was in einem Land, in dem 90 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, eine enorme finanzielle Belastung darstellt.
Staatliche Kontrolle und geopolitische Abhängigkeiten
Die digitale Landschaft in Syrien ist zudem von politischem Druck geprägt. Die beiden privaten Mobilfunkanbieter MTN und Syriatel stehen nach Angaben des Experten Alaa Ghazal unter staatlicher Aufsicht, was der Übergangsregierung eine weitreichende Kontrolle ermöglicht. Besonders kritisch wird dabei die Abhängigkeit von der Türkei gesehen, über deren Infrastruktur schätzungsweise 90 Prozent des syrischen Kabel-Internets laufen. Diese Abhängigkeit wird aufgrund früherer politischer Spannungen und gezielter Phishing-Angriffe als Sicherheitsrisiko eingestuft. Um diese Abhängigkeit zu verringern, sind Projekte wie das 800-Millionen-Dollar-Vorhaben „SilkLink“ geplant, das Syrien durch neue Kabelverbindungen nach Zypern und Jordanien als Datenkorridor zwischen Asien und Europa positionieren soll.
Das Internet als Werkzeug und Waffe
Die Bedeutung des Netzes zeigt sich besonders in Krisenzeiten. Während der Eskalation in der Region Sweida im Juli 2025 kam es zu einem einwöchigen Kommunikations-Blackout. Experten wie Alaa Ghazal gehen von einer gezielten staatlichen Abschaltung aus, die als Kriegswaffe eingesetzt wurde, um die Bevölkerung zu isolieren. In solchen Situationen erweist sich Satelliten-Internet wie Starlink als lebenswichtig, wenngleich das syrische Kommunikationsministerium dessen Nutzung durch die Konfiszierung von Empfängern aktiv zu unterbinden versucht.
Kampf gegen Desinformation
Ein weiteres zentrales Problem ist die Verbreitung von Fake News, die in einem instabilen Umfeld den sozialen Frieden gefährden können. Die Plattform *Verify-SY*, geleitet von Ahmad Primo, hat sich dem Kampf gegen diese Desinformation verschrieben. Das Team nutzt unter anderem einen KI-gestützten Chatbot, um Anfragen von Nutzer:innen zu bearbeiten und Falschmeldungen auf sozialen Medien wie Facebook zu entlarven. Die Arbeit ist essenziell, da konfessionelle Spannungen, die über Jahrzehnte durch das Assad-Regime geschürt wurden, auch im digitalen Raum schnell eskalieren können.
Die digitale Transformation des Landes, etwa durch die Einführung von E-Wallet-Apps für staatliche Gehälter, steht in einem deutlichen Kontrast zur prekären Versorgungslage. Der Erfolg des syrischen Übergangs hängt somit auch davon ab, ob ein stabiler, bezahlbarer und sicherer Zugang zu Informationen für alle Bürger gewährleistet werden kann.