News aus aller Welt
Start
Interaktive Karte: An diesen Orten sollen bundesweit neue Rechenzentren entstehen
Technik · 28.08.2026 13:53

Interaktive Karte: An diesen Orten sollen bundesweit neue Rechenzentren entstehen

Kurz: Das Projekt 'Heiße Luft' macht mit einer interaktiven Karte geplante Rechenzentren in Deutschland sichtbar und deckt dabei massive Transparenzdefizite auf.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Bundesregierung verfolgt das ambitionierte Ziel, die Rechenkapazitäten in Deutschland bis zum Jahr 2030 zu verdoppeln und die Kapazitäten für Anwendungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) sogar zu vervierfachen. Trotz dieser weitreichenden Pläne existiert bisher keine zentrale, offizielle Übersicht darüber, wo genau diese neuen Rechenzentren entstehen sollen. Um diese Intransparenz zu beenden, hat das Projekt „Heiße Luft“ eine interaktive Übersichtskarte veröffentlicht. Diese Karte dokumentiert erstmals bundesweit geplante Standorte und macht zudem sichtbar, wo sich bereits lokaler Widerstand gegen die Bauvorhaben formiert. Die Initiative, hinter der ein Zusammenschluss aus AlgorithmWatch, FragDenStaat, Leitmotiv und dem Heiße-Luft-Kollektiv steht, hat die Daten aus einer Vielzahl öffentlicher Quellen sowie durch Hinweise aus der Bevölkerung zusammengetragen. Ziel ist es, die Auswirkungen dieser Infrastrukturprojekte auf Umwelt, Wasserressourcen und die allgemeine Energiebilanz für die Öffentlichkeit greifbar zu machen, da die Regierung selbst keine detaillierten Informationen über die ökologischen Folgen, insbesondere den Wasserverbrauch, bereitstellt.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Das Projektteam hat akribisch Daten aus Pressemitteilungen von Betreibern und Entwicklern, amtlichen Veröffentlichungen sowie Berichten börsennotierter Unternehmen ausgewertet. Ein Beispiel für die Konfliktlage ist die Gemeinde Baruth in Brandenburg. Dort hat sich der Konzern RedBull bereits umfangreiche Grundwasserrechte gesichert, während Amazon gleichzeitig plant, ein großes Rechenzentrum zu errichten. Dies geschieht in einem Landkreis, der bereits unter strukturellem Grundwasserstress leidet. Auch internationale Beispiele fließen in die Analyse ein: In Mischii, Rumänien, wurden von 21 versprochenen Arbeitsplätzen lediglich 10 geschaffen. In der niederländischen Gemeinde Hollands Kroon blieben von 2.000 angekündigten Stellen nur 530 übrig. Die Karte visualisiert neben den Standorten auch die geschätzten Strombedarfe, die beanspruchten Flächen und die potenzielle Belastung des Grundwassers. In Maintal und Birstein sind Projekte geplant, die vom öffentlichen Stromnetz abgekoppelt sind und ihren Energiebedarf ausschließlich über neue Gaskraftwerke decken sollen, wobei die Betreiber ihre Bilanz durch den Zukauf von Ökostrom-Zertifikaten rechnerisch aufbessern.

Hintergrund – Vorgeschichte und bisheriger Verlauf

Die Entwicklung hin zu einer massiven Ausweitung der Rechenkapazitäten ist eng mit der KI-Strategie der Bundesregierung verknüpft. Während die Regierung den Ausbau als essenziell für die digitale Souveränität und technologische Wettbewerbsfähigkeit darstellt, kritisieren Experten die mangelnde Vorbereitung auf die ökologischen Konsequenzen. In den vergangenen Jahren haben bereits mehrere Landkreise aufgrund von Wasserknappheit während der Sommermonate die Nutzung von Frischwasser rationieren müssen. Der massive Ausbau von Rechenzentren, die sowohl für den Betrieb der Server als auch für deren Kühlung enorme Mengen an Strom und Wasser benötigen, verschärft diese Situation. Die Initiative „Heiße Luft“ hat sich formiert, um diesem Trend der Intransparenz entgegenzuwirken. Die Mitgründerin des Kollektivs, die Physikerin Tiziana von Witzleben, betont, dass die rasant steigende Zahl dieser Zentren den Einsatz fossiler Energieträger vorantreibt und somit die Klimakrise weiter befeuert. Das Projekt nutzt ein Kontaktformular, um Bürgerinnen und Bürger aktiv in die Datensammlung einzubinden und anonyme Korrekturen oder Ergänzungen zu ermöglichen.

Die Beteiligten – Institutionen und Akteure

Das Projekt „Heiße Luft“ ist eine Kooperation verschiedener Organisationen, darunter AlgorithmWatch, FragDenStaat, Leitmotiv und das Heiße-Luft-Kollektiv. Joschi Wolf vom Climate Helpdesk bei FragDenStaat hebt hervor, dass etwa die Hälfte der IT-Kapazitäten der neuen Zentren von US-amerikanischen Big-Tech-Unternehmen genutzt werden soll. Dies wirft aus Sicht der Beteiligten erhebliche Fragen zur Datensicherheit auf, da diese Konzerne dem US Cloud Act unterliegen und somit rechtlich verpflichtet sein könnten, europäische Daten an US-Behörden weiterzugeben. Auf der Seite der Befürworter stehen die Bundesregierung und die entsprechenden Betreiber von Rechenzentren sowie Immobilienentwickler. Die Bundesregierung plant aktuell eine Novellierung des Energieeffizienzgesetzes, die den Ausbau erleichtern soll. Kritiker sehen darin eine „pragmatische“ Lösung, die jedoch primär den Interessen von Fossilkonzernen dient, da sie den Zeitplan für die vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien auf das Jahr 2030 verschiebt und den Schutz von Geschäftsgeheimnissen über die Transparenzpflichten stellt.

Einordnung – Was das bedeutet

Einzuordnen ist die aktuelle Situation als ein Spannungsfeld zwischen digitalem Fortschritt und ökologischer Verantwortung. Den Berichten zufolge verfolgt die Bundesregierung eine Strategie, die den Ausbau der digitalen Infrastruktur priorisiert, dabei aber die ökologischen Kosten externalisiert. Die geplante Aufweichung des Energieeffizienzgesetzes, die es Betreibern künftig erlauben soll, Verbrauchsdaten unter Verweis auf Geschäftsgeheimnisse zurückzuhalten, wird von Beobachtern als Rückschritt in Sachen Transparenz gewertet. Die Praxis, den Strombedarf durch neue Gaskraftwerke zu decken und diesen durch den Zukauf von Zertifikaten „grün“ zu rechnen, wird von den Initiatoren als irreführend kritisiert. Es entsteht der Eindruck, dass die Klimaversprechen der Tech-Konzerne in der Praxis oft nicht mit der Realität vor Ort übereinstimmen. Die Verknüpfung von digitaler Souveränität mit US-amerikanischen Cloud-Anbietern erscheint zudem widersprüchlich, da die Abhängigkeit von ausländischen Konzernen bei der kritischen Dateninfrastruktur die angestrebte Souveränität eher untergräbt als stärkt.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet

Der Quelltext lässt einige zentrale Fragen unbeantwortet, die für die weitere Debatte von Bedeutung wären. So bleibt unklar, welche konkreten rechtlichen Instrumente Kommunen zur Verfügung stehen, um den Bau von Rechenzentren zu verhindern, wenn diese die lokale Wasserversorgung oder die Energiebilanz gefährden. Ebenso wird nicht detailliert ausgeführt, wie die Bundesregierung auf die spezifischen Vorwürfe bezüglich der Datensicherheit durch den US Cloud Act reagiert oder ob es Pläne gibt, die Abhängigkeit von US-Big-Tech-Unternehmen durch europäische Alternativen zu verringern. Auch die genauen Standorte aller geplanten Projekte sind trotz der Karte nicht abschließend erfasst, da die Datenlage auf freiwilligen Meldungen und öffentlich zugänglichen Informationen basiert. Ob es bereits konkrete Verhandlungen zwischen den betroffenen Gemeinden und den Investoren über eine Rücknahme der Baupläne gibt, bleibt ebenfalls offen. Die langfristigen Auswirkungen auf die Strompreise für private Haushalte durch den massiven Mehrbedarf der Rechenzentren werden im Text zwar angedeutet, aber nicht quantifiziert.

Wie es weitergeht – Angekündigte Schritte

Die Bundesregierung hält an ihrem Zeitplan fest, die Rechenkapazitäten bis 2030 massiv auszubauen. Die Novellierung des Energieeffizienzgesetzes steht als nächster legislativer Schritt an, welcher die Rahmenbedingungen für den Bau und Betrieb der Zentren maßgeblich verändern dürfte. Das Projekt „Heiße Luft“ hat angekündigt, den Druck auf die Behörden aufrechtzuerhalten. Die Aktivisten rufen die Öffentlichkeit dazu auf, vermehrt Informationsfreiheitsanfragen an Kommunen und zuständige Behörden zu stellen, um weitere Details zu den Bauvorhaben zu erzwingen. Es ist davon auszugehen, dass sich der Protest in betroffenen Regionen weiter organisieren wird, ähnlich wie bereits in Irland und den Niederlanden geschehen, wo lokaler Widerstand in einigen Fällen zum Stopp von Projekten geführt hat. Die interaktive Karte wird laufend durch das Projektteam und die Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger aktualisiert, um ein möglichst vollständiges Bild der geplanten Infrastruktur zu zeichnen und den Diskurs über die ökologischen Folgen des KI-Booms in Deutschland weiter zu befeuern.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/laptop-macbook-technologie-computer-5706027/ · Foto: https://kaboompics.com/
Quelle: https://netzpolitik.org/2026/interaktive-karte-an-diesen-orten-sollen-bundesweit-neue-rechenzentren-entstehen/