Strategische Neuausrichtung durch Künstliche Intelligenz
Der Telekommunikationskonzern United Internet, zu dem der Anbieter 1&1 gehört, treibt die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) in seine Betriebsabläufe massiv voran. Konzernchef Ralph Dommermuth sieht in dieser Technologie ein erhebliches Potenzial für Effizienzsteigerungen. Nach Angaben des Unternehmens erstrecken sich die Automatisierungsmöglichkeiten über nahezu alle Unternehmensbereiche: von der Softwareentwicklung über das Marketing bis hin zu den Callcentern und der schriftlichen Bearbeitung von Kundenanfragen.
Die Auswirkungen dieser Strategie auf die Belegschaft sind bereits messbar. Während der Konzern vor etwa zwei Jahren noch rund 11.000 Mitarbeiter beschäftigte, sank diese Zahl bis zum Sommer 2026 auf 10.400. Dommermuth machte in einem Analystengespräch deutlich, dass dieser Trend anhalten soll. Er prognostiziert, dass die Mitarbeiterzahl auch im kommenden Jahr weiter sinken wird, da die technologischen Fortschritte eine schlankere Personalstruktur ermöglichen sollen.
Fokus auf den Kundenservice
Ein zentrales Ziel der KI-Strategie ist die Transformation des Kundendienstes. Dommermuth räumte zwar ein, dass die KI in der mündlichen Kommunikation noch nicht die gewünschte Qualität erreiche, um komplexe Anfragen vollständig eigenständig zu bearbeiten. In der schriftlichen Kommunikation hingegen sei die KI-Unterstützung bereits auf einem guten Niveau. Das Unternehmen arbeitet daran, diese Fähigkeiten über die kommenden Jahre weiter auszubauen, um den menschlichen Anteil in der Kundenbetreuung sukzessive zu reduzieren.
Konkrete Auswirkungen an den Standorten
Der Stellenabbau vollzieht sich in der Praxis oft schleichend und durch gezielte Maßnahmen an verschiedenen Standorten. Aktuell liegt ein Schwerpunkt der Maßnahmen in Zweibrücken, Rheinland-Pfalz, wo wesentliche Teile des Kundenservices und Supports angesiedelt sind. Dort wurde ein Freiwilligenprogramm initiiert, das darauf abzielt, rund 60 Stellen im Bereich Operations und Customer Care abzubauen.
Auch in anderen Teilen des Konzerns gab es in der jüngeren Vergangenheit Personalveränderungen. So wurde bereits im Vorjahr die Mitarbeiterzahl im Technikbereich in Karlsruhe reduziert. Damals wurden Aufhebungsverträge genutzt, wobei das Unternehmen die Schritte offiziell mit der individuellen Performance der betroffenen Mitarbeiter begründete.
Arbeitsklima und betriebliche Mitbestimmung
Die Ankündigungen und der laufende Abbau sorgen innerhalb der Belegschaft für Verunsicherung. Berichten zufolge herrscht an Standorten wie Montabaur, wo ein Betriebsrat trotz erheblicher Widerstände seitens der Konzernführung existiert, eine angespannte Stimmung. Viele Angestellte äußern sich skeptisch über ihre berufliche Zukunft, da unklar bleibt, welche Abteilungen als Nächstes von Sparmaßnahmen betroffen sein könnten.
Die Unsicherheit betrifft dabei auch spezifische Gruppen: So wurden Berichten zufolge sogar Mitarbeitern in Elternzeit Aufhebungsverträge angeboten, mit der Begründung, dass für sie nach der Rückkehr keine passenden Stellen mehr zur Verfügung stünden. Gleichzeitig hat sich die Einstellungspolitik des Konzerns gewandelt. Vollzeitanstellungen sind selten geworden; stattdessen setzt das Unternehmen vermehrt auf den Einsatz von Werkstudenten.
Einordnung der Entwicklung
Der Fall 1&1 verdeutlicht einen breiteren Trend in der IT- und Dienstleistungsbranche, in der KI zunehmend als Instrument zur operativen Kostenoptimierung eingesetzt wird. Während das Management die Effizienzsteigerungen betont, stehen die sozialen Folgen für die Beschäftigten und die langfristige Unternehmenskultur im Fokus der Kritik. Da der Konzern die KI-Integration als einen Prozess über mehrere Jahre beschreibt, ist davon auszugehen, dass der Druck auf die Personalstrukturen bestehen bleibt, sofern die technologische Entwicklung die erhofften Produktivitätsgewinne tatsächlich einlöst.