News aus aller Welt
Start
Historiker Jan Eike Dunkhase: „Je mehr künstlich gekühlt wird, desto wärmer wird es auf der Erde“
Kultur · 03.08.2026 13:56

Historiker Jan Eike Dunkhase: „Je mehr künstlich gekühlt wird, desto wärmer wird es auf der Erde“

Kurz: Der Historiker Jan Eike Dunkhase analysiert in seinem Buch „Kühle Neue Welt“, wie die moderne Zivilisation in eine gefährliche Abhängigkeit von künstlicher Kält

Die moderne Abhängigkeit von künstlicher Kälte

Das moderne Leben ist ohne künstliche Kälte kaum noch vorstellbar. Was einst als Luxusgut galt, hat sich zu einer infrastrukturellen Notwendigkeit entwickelt, die weit über den privaten Kühlschrank hinausgeht. Ob globale Lebensmittelketten, industrielle Prozesse oder die Klimatisierung urbaner Räume: Die Gesellschaft hängt am Tropf der technischen Kühlung. Der Historiker Jan Eike Dunkhase beschreibt in seinem Werk „Kühle Neue Welt“, dass diese Entwicklung jedoch an ökologische und energetische Grenzen stößt, die zunehmend deutlicher werden.

Ursprünge in der Naturbeherrschung

Die ideengeschichtlichen Wurzeln der Kältetechnik liegen in der Frühen Neuzeit. Denker wie Francis Bacon forderten bereits früh, die Natur durch Wissen und Technik zu beherrschen. Die künstliche Kälte ist laut Dunkhase ein Paradebeispiel für diesen modernen Willen, physikalische Bedingungen den menschlichen Bedürfnissen zu unterwerfen. Während es anfangs darum ging, sich von natürlichen Vorgaben zu emanzipieren, hat sich dieser Ansatz im Laufe der Jahrhunderte radikalisiert.

Von der Eisernte zum kolonialen Statussymbol

Die Kommerzialisierung der Kälte nahm ihren Anfang im 19. Jahrhundert in den USA. In Neuengland wurde Natureis systematisch geerntet und als Handelsware weltweit exportiert. Der Unternehmer Frederic Tudor gilt als Pionier, der tonnenweise Eis in tropische Regionen wie Indien verschiffte. Historisch betrachtet war der Komfort der Kühle eng mit imperialen Strukturen verknüpft. So wurden beispielsweise in Britisch-Indien große Deckenfächer, sogenannte Pankhas, von einheimischen Arbeitskräften bedient, um die Kolonialherren abzukühlen – eine Praxis, die den Wunsch nach einer klimatischen Abgrenzung in fremden Umgebungen verdeutlicht.

Der Aufstieg der Kältemaschine

Die technologische Wende markierten Kältemaschinen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa und den USA entwickelt wurden. Während sie in den Vereinigten Staaten primär der Fleischkühlung für den Massenmarkt dienten, revolutionierten sie in Europa die Brauindustrie. Carl Linde ermöglichte es deutschen Brauereien ab den 1870er Jahren, untergäriges Bier ganzjährig herzustellen. Dennoch stieß die Idee der Raumkühlung in Europa lange Zeit auf Skepsis, während sie in den USA durch politische Kampagnen wie Roosevelts „New Deal“ gezielt gefördert wurde, um den Wohlstand und den Stromverbrauch anzukurbeln.

Die Dialektik der Abkühlung

Ein zentrales Problem der modernen Kältetechnik ist ein physikalischer Teufelskreis, den Dunkhase als „Dialektik der Abkühlung“ bezeichnet. Künstliche Kühlung funktioniert, indem Wärme einem Ort entzogen und an einen anderen abgegeben wird. Dieser Prozess erfordert Energie, deren Erzeugung Treibhausgase freisetzt und zusätzlich Abwärme produziert. Das Ergebnis ist ein Paradoxon: Je mehr die Menschheit kühlt, um sich vor Hitze zu schützen, desto stärker heizt sie den Planeten auf. Dies erzwingt wiederum einen noch höheren Kühlbedarf.

Neue Herausforderungen durch digitale Infrastruktur

Die ökologische Dimension dieses Problems verschärft sich durch die Digitalisierung. Rechenzentren, die für generative Künstliche Intelligenz benötigt werden, verbrauchen enorme Mengen an Strom, wobei etwa die Hälfte davon allein in die Kühlung der Serverfarmen fließt. Die kältetechnische Spirale erreicht damit eine neue Eskalationsstufe. Dunkhase zieht hierbei eine Parallele zur „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno: Der Versuch, den Naturzwang durch Technik zu brechen, führt die Zivilisation tiefer in die Abhängigkeit von eben jenen physikalischen Zwängen, denen sie entkommen wollte.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/charmante-landliche-szene-mit-rustikalen-bauernwerkzeugen-35368192/ · Foto: Sergej *****
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/historiker-dunkhase-warum-klimaanlagen-trotz-hitze-nicht-die-loesung-sind-accg-201023936.html